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24.06.2015

15:44 Uhr

Windparkbetreiber Prokon

Das Rennen ist noch nicht zu Ende

VonGertrud Hussla

Die Anleger von Prokon stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Sie müssen wählen, ob sie weiter als Genossen an dem insolventen Konzern beteiligt sein wollen. Anlegergruppen sind sich uneins.

Die rund 75.000 Prokon-Anleger müssen sich entscheiden, ob sie ihre Anteile an dem insolventen Konzern behalten wollen. dpa

Prokon und seine Genussrechte

Die rund 75.000 Prokon-Anleger müssen sich entscheiden, ob sie ihre Anteile an dem insolventen Konzern behalten wollen.

DüsseldorfDie 75 000 Anleger des insolventen Windparkbetreibers Prokon haben mit ihrer Entscheidung, ob sie an dem Konzern als Genossen beteiligt sein möchten, noch ein paar Tage Frist. Anleger, die bereit sind, Genossenschaftsanteile zu zeichnen, können sich noch bis kurz vor Beginn der Hauptversammlung am 2. Juli gegenüber dem Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin erklären.

Im Vorwort zu den Insolvenzplänen hatte Penzlin gebeten, eine entsprechende Zustimmungserklärung bis kommenden Freitag, 26. Juni einzureichen. Dem Amtsgericht Itzehoe muss er alle Erklärungen aber erst vor Beginn der Hauptversammlung überreichen. Rein technisch könnten er und sein Team wohl nicht bis zum Schluss auf die Bescheide von tausenden Anlegern warten.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Die Anleger, die allesamt Genussrechte gezeichnet haben, müssen wählen, ob sie bereit sind, rund 24 Prozent ihres nominal gezeichneten Genussrechtskapitals im Unternehmen zu lassen und damit Prokon als Genossenschaft fortzuführen. Sollten nicht genügend Anleger für das Genossenschaftsmodell zusammenkommen, käme ein Alternativmodell zum Tragen: Der Versorger EnBW will das Windparkgeschäft von Prokon für 550 Millionen Euro übernehmen.

Die Randgeschäfte würden bei beiden Modellen etappenweise verkauft und könnten noch einmal knapp 200 Millionen Euro einbringen. Anleger haben insgesamt 1,4 Milliarden Euro Genussrechtskapital gezeichnet. Gut die Hälfte ihres Einsatzes bekommen sie in beiden Varianten zurück.

EnBW und Prokon: Viel Wind um eine Übernahme

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Tausende Anleger wollen verhindern, dass Energieriese EnBW die insolvente Windpark-Firma Prokon übernimmt. Es ist ein Kampf von David gegen Goliath. Ein Report über Deutschlands ungewöhnlichsten Übernahmekampf.

Anlegergruppierungen geben unterschiedliche Empfehlungen ab. Die „Freunde von Prokon“ mit mehr als 10 000 Mitgliedern kämpfen für das Genossenschaftsmodell. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger SdK rät, für eine Genossenschaft zu stimmen, aber sich selbst nicht zu beteiligen. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertbesitz, DSW, warnt davor sich unreflektiert zu binden und genau zu prüfen, ob die Risiken für den Einzelnen akzeptabel sind.

Der Insolvenzverwalter sagt, sowohl als Genossenschaft als auch unter dem Dach von EnBW könne Prokon erfolgreich fortgeführt werden.

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