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02.04.2015

16:40 Uhr

Wölbern-Strafprozess

„Wie ein ungezogener Junge, der alles kaufen möchte“

VonGertrud Hussla

Zwölf Jahre Haft verlangt der Staatsanwalt für den früheren Geschäftsführer des Fondshauses Wölbern Invest, Heinrich Maria Schulte. Er soll mindestens 115 Millionen Euro aus geschlossenen Fonds veruntreut haben.

Der frühere Geschäftsführer des Fondshauses Wölbern Invest droht eine langjährige Haftstrafe. dpa

Heinrich Maria Schulte

Der frühere Geschäftsführer des Fondshauses Wölbern Invest droht eine langjährige Haftstrafe.

HamburgSeit September 2013 sitzt er in im wuchtigen Altbau der Untersuchungshaftanstalt Hamburg ein. Doch im Gerichtssaal des Hamburger Landgerichts wirkt er immer noch wie ein Chef, nicht wie ein reuiger Angeklagter. Volles graues Haar, sportliche Figur, perfekt sitzen Anzug und Krawatte. Ein Alpha-Mensch eben. Was in ihm vorgeht, kann niemand erraten. Den dreistündigen Vortrag von Staatsanwalt Heyner Heyen verfolgt er mit unbewegter Miene.

Der Mediziner Heinrich Maria Schulte lässt sich auch nichts anmerken, als der Staatsanwalt das Strafmaß vorschlägt: zwölf Jahre Haft verlangt Heyen, wegen gewerbsmäßiger Untreue.
Mehr als in jedem anderen Verfahren gegen deutsche Wirtschaftsmanager bislang ein Gericht verhängt hat (Siehe Grafik).

Insgesamt 327 Mal soll sich der Klinikprofessor und frühere Chef des Fondshauses Wölbern Invest an den Töpfen von Anleger-Fonds vergriffen haben. Millionenbeträge an Mieteinnahmen gingen bei den rund 30 Immobilienfonds regelmäßig ein. Genauso regelmäßig langte Schulte als Geschäftsführer der Fonds zu, beschreibt es die Staatsanwaltschaft. So, als wäre es sein eigenes Geld gewesen, nicht das der Anleger. Dabei soll Schulte mindestens 115 Millionen Euro abgezweigt haben, vier Mal mehr, als der FC Bayern Präsident Uli Hoeneß nach offiziellen Zahlen an Steuern hinterzogen hat.

Ein Mammutverfahren mit immer neuen Zeugenanhörungen und Anträgen scheint nun mit Beginn der Plädoyers zum Abschluss zu kommen. Es wurde im Mai letzten Jahres eröffnet, bislang waren es 47 Verhandlungstage (AZ 630 Kls 1/14). Schulte selbst hatte bis zuletzt Vorwürfe der Untreue bestritten. Er leugnet nicht unbedingt die Entnahmen, aber er will nichts Unrechtes getan haben.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Der Aderlass traf 40.000 Anlegern, die meisten von ihnen waren Kleinsparer. Sie hatten in gutem Glauben an die Seriosität von Wölbern 700 Millionen Euro in die geschlossenen Fonds des Initiators investiert. Die Fonds hätten die Liquidität dringend gebraucht, für Renovierungen der Bürohäuser, für Investments in den Verkauf der Gebäude, und für die versprochenen Ausschüttungen. Denn der Markt für Gewerbeimmobilien ist seit Auflage der Fonds deutlich schwieriger geworden.

Doch laut Staatsanwaltschaft benutzt Schulte das entwendete Geld zur Vorfinanzierung anderer, neu gegründeter Fonds, für seine schwächelnden medizinischen Kliniken und Forschungseinrichtungen und für seinen aufwendigen Lebensstil.

Für Schmuck, Gemälde, Renovierung einer Villa an der Elbchaussee, Anwesen auf Sylt und St. Peter Ording eine Segelyacht mit 72.000 Euro Monatsmiete, Helikopter-Skiing.

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