Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.03.2011

11:33 Uhr

Zinswetten der Deutschen Bank

BGH revolutioniert Derivategeschäfte der Banken

VonHannes Vogel

Der Bundesgerichtshof hat die Deutsche Bank wegen hochkomplexer Zinswetten zu 540.000 Euro Schadensersatz verurteilt - und eine Revolution der Finanzbranche ausgelöst: Die Institute müssen nun viel umfangreicher beraten.

Deutsche-Bank-Tower in Frankfurt: Die Bank muss zukünftig auf ihre Interessenkonflikte hinweisen. Quelle: Reuters

Deutsche-Bank-Tower in Frankfurt: Die Bank muss zukünftig auf ihre Interessenkonflikte hinweisen.

Das größte deutsche Geldhaus hat verloren, der kleine Mittelständler hat gewonnen: Der Bundesgerichtshof hat der Ille GmbH, einem Hersteller von Handtuchhaltern und Hygieneartikeln aus Hessen, in ihrem Streit mit der Deutschen Bank um hochkomplexe Zinswetten Recht gegeben und das Frankfurter Geldhaus zu Schadensersatz von 540.000 Euro verurteilt.

Das Urteil geht allerdings weit über den Streit hinaus: Banken müssen in Zukunft Kunden nicht nur genauer über die Chancen und Risiken von komplexen Derivaten, sondern auch über ihre eigenen Interessenkonflikte in den Geschäften aufklären. "Das ist der Todesstoß für derartige Finanzprodukte" kommentierte Jochen Weck, der Anwalt der Ille GmbH das Urteil. "Wenn die Bank Produkte zulasten des Kunden strukturiert und ihre Chancen daraus dann am Markt weiterverkauft, muss sie ihm das künftig auch sagen. Es ist fraglich, ob die Kunden solche Wetten dann noch kaufen wollen."

Das sehen auch Verbraucherschützer so: "Wenn die Banken den Kunden künftig offen sagen müssen, dass sie beim empfohlenen Produkt in jedem Fall gewinnen und außerdem die Risikostruktur klar und verständlich erläutern müssen, dürfte der Vertrieb bestimmter hochkomplexer Derivategeschäfte künftig eigentlich nur noch schwer möglich sein", meint Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Der Anwalt der Deutschen Bank sieht das skeptischer: Die Deutsche Bank werde nun sorgfältig prüfen, inwieweit künftig "mit Blick auf den Faktor Risiko der Umfang der Beratung erweitert wird", sagte Christian Duve. Dutzende Mittelständler und Kommunen haben wie die Ille GmbH Zinswetten mit der Deutschen Bank, JPMorgan, Commerzbank und HypoVereinsbank abgeschlossen und könnten sich nun ermutigt fühlen, ebenfalls zu klagen.

Weck rechnet mit Forderungen in Höhe von insgesamt rund einer Milliarde Euro gegen die Banken. Allein das streitige Produkt im vorliegenden Fall sei 700 Mal verkauft worden.

Duve erklärte nach dem Urteil dagegen, eine Klageflut sei nicht mehr zu erwarten. Beim BGH seien acht, bei unteren Instanzen 17 Verfahren anhängig. Der Streitwert sei "sehr begrenzt", man habe ausreichend Rückstellungen gebildet.

Mit dem Urteil erleidet die Bank einen empfindlichen Imageverlust, der weit darüber hinausgehen dürfte. In der ersten Verhandlungsrunde vor dem BGH hatte der Anwalt der Deutschen Bank den Richter noch gewarnt, dass ein negatives Urteil eine "zweite Finanzkrise" auslösen könnte.

Die Ille GmbH hatte von der Deutschen Bank im Jahr 2005 einen sogenannten Spread-Ladder-Swap gekauft, eine Wette auf die Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen. Die Wette ging schief, der Mittelständler verlor eine halbe Million Euro - nun bekommt er sein Geld zurück.

Spread Ladder Swaps sind hochkomplexe Finanzderivate, die die Deutsche Bank, aber auch andere Institute bis zum Ausbruch der Finanzkrise intensiv an ihre Kunden verkauften. Im Kern sind es keine normalen Swaps, bei denen Bank und Kunde lang- und kurzfristige Zinszahlungen gegeneinander austauschen, sondern Wetten auf die Differenz zwischen verschiedenen Zinssätzen. Entwickelten sich die Zinsen in die vom Kunden gewünschte Richtung, machte dieser Gewinn. Andernfalls zahlte er drauf - so wie Ille und die meisten anderen Käufer.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

poolliter

22.03.2011, 09:43 Uhr

Gutes Urteil zugunsten der Realwirtschaft und der Redlichkeit.
Banken und deren Manager sind leider zum großen Teil (ss gibt Ausnahmen, z.B. die Umweltbank) zu Schmarotzern und Gegnern der Realwirtschaft verkommen. Aber auch die Politik erwieß sich zusehends nur noch als Handlanger dieser GIER IST GEIL Gesellschaft um Ackermann und Konsorten.

Sybrand

22.03.2011, 10:09 Uhr

Wer waren denn da die Richter? Da war die Deutsche Bank bei den Richten wohl zu geizig oder zu locker mit zu wenig Druck. Na ja, dann muss man eben später drauzahlen.

Sven

22.03.2011, 10:11 Uhr

Natürlich möchten die Banken Geld verdienen und natürlich möchten die Berater die Swaps verkaufen! Dennoch ist eins absolut unverständlich: Jeder Bank-Azubi weiß, dass Swaps hochriskant sein können! Wieso wissen Geschäfstführer von Mittelständlern, wieso wissen Kämmerer das nicht??? Gehören sie auch zur Gier ist geil Gesellschaft weil sie die möglichen Gewinne sehen oder sind sie einfach nur inkompetent?
Gerade unter den Kämmerern muss man nach längerer Beschäftigung mit den Fällen von verkauften Swaps feststellen: Sie haben oftmals einfach keine Ahnung was sie dort gerade tun. Somit stellt sich mir eine Frage: Wie kann man ruhigen Gewissens solch inkompetenten Menschen Kämmererpositionen schenken und zudem noch unsere ohnehin schon verschuldeten Stadthaushalte anvertrauen? Die Banken sind zwar keine Wohlfahrtsverbände, aber auch nicht Ursache für alle Unzulänglichkeiten in unserem System.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×