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19.11.2014

16:08 Uhr

Rezession trotz Abenomics

Japans gescheitertes Geldexperiment

VonJörg Hackhausen, Jan Mallien

Mit einer historischen Geldschwemme kämpft Japan gegen die Dauerkrise. Doch es hilft alles nichts. Die japanische Wirtschaft rutscht wieder in die Rezession ab. Ein Vorgeschmack darauf, was Europa erwartet.

Shinzo Abe: Der japanische Ministerpräsident will sein Land mit aller Macht aus der Dauerkrise befreien. AFP

Shinzo Abe: Der japanische Ministerpräsident will sein Land mit aller Macht aus der Dauerkrise befreien.

DüsseldorfEr wurde gefeiert als Superman, als Wunderheiler. Shinzo Abe hatte den Japanern versprochen, er werde das Land aus der Lethargie reißen. Und zunächst schien es tatsächlich so, als könne der Ministerpräsident sein Versprechen einhalten. Er ließ Geld in gigantischem Ausmaß drucken, er bürdete dem hochverschuldeten Land neue Schulden auf. Ein Wirtschaftswunder sollte her, koste es, was es wolle. Heute – fast zwei Jahre später – wird klar: Es war nur ein Strohfeuer. Japan steckt schon wieder in der Rezession. Im dritten Quartal ist die Wirtschaft des Landes erneut geschrumpft. Ein Schock.

„Diese Politik musste scheitern und sie ist gescheitert“, urteilt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Auf Dauer lässt sich das Wachstum nicht durch das Anwerfen der Notenpresse erhöhen.“

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt steckt seit mehr als zwei Jahrzehnten fest in einer verhängnisvollen Kombination aus sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft. Zudem ist der Staat so hoch verschuldet wie kein anderes Industrieland. Die Schuldenquote liegt bei 240 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Verbindlichkeiten müssen von einer alternden Bevölkerung zurückbezahlt werden. Nicht wenige Beobachter fürchten, dass auch in Europa eines Tages „japanische Verhältnisse“ drohen.

Staatsverschuldung Japans von 2004 bis 2014 in Billionen Yen. Quelle: Statista

Staatsverschuldung Japans von 2004 bis 2014 in Billionen Yen. Quelle: Statista

Abe bekam anfangs viel Beifall von Ökonomen und Investoren. Sie tauften sein Programm „Abenomics“ – eine Wortschöpfung aus dem Namen des Regierungschefs und dem Wort „Economics“. Im Kern geht es darum: Die Notenbank druckt Geld, das der Staat mit vollen Händen ausgibt, was wiederum Bürger und Unternehmen animieren soll, dasselbe zu tun. Einer der Ideengeber war der US-Nobelpreisträger Paul Krugman. Der hatte den Japanern einst eine „unverantwortliche Geldpolitik“ empfohlen.

Die Bank of Japan hat sich auf das Spiel eingelassen. Sie kauft jährlich für 80 Billionen Yen (572 Milliarden Euro) eigene Staatsanleihen und andere Wertpapiere auf. Bei dieser Summe wirken selbst die Kollegen von der US-Notenbank Fed wie Waisenkinder. Die Fed erhöhte auf dem Höhepunkt der quantitativen Lockerung die Geldbasis jährlich um 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung – in Japan sind es 16 Prozent.

Das japanische Experiment

Was bedeutet „Abenomics“?

Begrifflich lehnt sich das Konzept an die Wirtschaftspolitik von US-Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren an („Reaganomics“). Reagan versuchte seinerzeit, mit massiven Steuersenkungen die Wirtschaft anzukurbeln. Das Konzept ging zwar insoweit auf, als das Wachstum anzog. Zugleich gingen aber die Steuereinnahmen stark zurück und die Schulden Amerikas stiegen rapide an.

Ähnliche Gefahren sehen Beobachter für Japan: Das Konzept von Premier Abe zielt darauf ab, mit staatlichen Konjunkturprogrammen und einer von der Notenbank initiierten Geldflut die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Als Wachstumsbremse gelten insbesondere die seit Jahren sinkenden oder zumindest stagnierenden Binnenpreise. Sie halten Verbraucher und Unternehmen von Konsum und Investitionen ab, weil diese ständig auf noch geringere Preise spekulieren.

Was genau machen Staat und Notenbank?

Die Regierung hat Anfang des Jahres ein riesiges Konjunkturpaket aufgelegt, das sich umgerechnet auf weit über 100 Milliarden Euro beläuft. Das Geld soll unter anderem in die öffentliche Infrastruktur fließen, die Regierung erhofft sich davon mehr als eine halbe Million neue Arbeitsplätze. Die Notenbank Japans unterstützt den Kurs mit einer aggressiven Geldpolitik. Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda will die umlaufende Geldmenge mit massiven Wertpapierkäufen bis Ende 2014 verdoppeln. Das soll die Konjunktur beleben und zudem die Wachstumsbremse „Deflation“ lösen.

Wirken die "Abenomics"?

Anfangs ja. Der Binnenkonsum legte zunächst deutlich zu, die für Japan wichtigen Exporte stiegen. Während der höhere private Verbrauch eine Folge der neuen Wirtschaftspolitik sein könnte, haben die Ausfuhren von dem Sinkflug des japanischen Yen profitiert. Doch inzwischen ist der Effekt verpufft. Im dritten Quartal 2014 schrumpfte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt überraschend um 0,4 Prozent.

Ist das Konzept langfristig tragbar?

Die „Abenomics“ bergen viele Risiken: Konjunkturprogramme kosten Geld. Schon jetzt weist Japan die mit Abstand höchste Staatsverschuldung aller Industrienationen auf. Noch steckt Japan indes nicht in der Falle, weil die Schulden zu einem Großteil von heimischen Banken, Versicherungen und Pensionsfonds finanziert worden sind. Weil deren Vermögen aber begrenzt ist, dürfte das Land immer stärker auf ausländische Geldgeber angewiesen sein. Sollten diese höhere Zinsen verlangen, würden die Schulden Japans weiter steigen - ein Teufelskreis. Darüber hinaus fragt sich, ob die Geldflut der japanischen Notenbank das Wachstum nachhaltig belebt oder sich als Strohfeuer erweist. Zumal der Wachstumsschub über den schwachen Yen zu Lasten anderer Länder geht, weil sich deren Exporte verteuern. Das könnte politische Konflikte provozieren.

Drohen Europa japanische Verhältnisse?

Europa hat ähnliche Probleme wie Japan, etwa hohe Staatsschulden oder eine alternde Bevölkerung. In Ländern wie Spanien, Italien, Portugal oder Griechenland hat man versucht, die Krise mit einer Kombination aus Sparpolitik und Wirtschaftsreformen zu überwinden. Beides aber belastet die konjunkturelle Entwicklung. Eine Reihe von Experten fordert, dass die Europäische Zentralbank Geld drucken soll ähnlich wie die Bank of Japan.

Eigentlich hatte Abe versprochen, auch den Haushalt konsolidieren zu wollen. Ein erster symbolischer Schritt in diese Richtung sollte die Anhebung der Mehrwertsteuer im April von fünf auf acht Prozent sein – das ist grandios gescheitert. Verbraucher hielten sich mit Ausgaben zurück, sodass die Wirtschaft gleich wieder in die Rezession abrutschte. Die nächste geplante Anhebung hat der Ministerpräsident kurzerhand abgesagt. Auch bei dieser Entscheidung soll Nobelpreisträger Krugman ein Rolle gespielt haben. Krugman war kürzlich auf Besuch in Tokio. Während einer gemeinsamen Autofahrt soll er Abe kurzerhand überzeugt haben, dass eine Steuererhöhung kontrproduktiv sei.

Abe will nun die Wähler über seine Wirtschaftspolitik abstimmen lassen. Er kündigte Neuwahlen für Mitte Dezember an: „Ich werde zurücktreten, wenn ich unsere Mehrheit nicht verteidigen kann, denn das würde bedeuten, dass unsere Abenomics abgelehnt werden.“ Vermutlich werden die Japaner den Ministerpräsidenten stützen. Sie wissen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Kommentare (23)

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Herr Jürgen Bertram

19.11.2014, 16:26 Uhr

"Ein Vorgeschmack darauf, was Europa droht" ? - das kann ich nicht nachvollziehen......

Laut dem Herrn Schäuble wird doch alles gut und "Mutti" ist auch nicht besorgt.....

Account gelöscht!

19.11.2014, 16:30 Uhr

Auch im Verein mit der eco-Niete Krugman wird Abe nicht zum Wunderknaben.

Es geht nicht alles, nur weil die US-Fed einige gesteuerte Maßnahmen mit radikaler Propaganda nebst Statistikschönungen als Erfolg verkauften.

Auch die USA und natürlich die durch den Euro(-raum) völlig ruinierte EU werden es noch spüren. Bemerken konnte jeder aufmerksame und zugleich kritische Beobachter schon lange - einige bereits seit 2009 -, das mit Geldschwemme noch nie weder eine Wirtschaft noch Gesellschaft sich retten ließ.

Herr wulff baer

19.11.2014, 16:35 Uhr

Ausgezeichneter Beitrag.
Wenn das Habla weiterhin so gute Artikel veröffentlicht, sehe ich mich genötigt, das Blatt zu abonnieren.

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