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06.12.2012

17:35 Uhr

Risiko Staatsanleihe

EZB schürt Gefahr einer Zwillingsexplosion

VonDietmar Neuerer

Immer noch gelten Staatsanleihen als risikolos. Experten halten das für fatal: Kommt es zu einem Ausfall, können Banken Staaten mitreißen - und umgekehrt. Genau das müsste die EZB bekämpfen, doch sie macht das Gegenteil.

Im Lack einer Motorhaube spiegelt sich die Euro-Skulptur an der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. dpa

Im Lack einer Motorhaube spiegelt sich die Euro-Skulptur an der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.

BerlinDer Makroökonomie-Experte Sören Radde vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wirft der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik die Gefahr einer Zwillingskrise zu erhöhen, bei der sich Banken- und Staatsschuldenkrise gegenseitig verstärken. „Bereits jetzt sollten alle Rettungsmaßnahmen in hilfsbedürftigen Euroländern darauf angelegt sein, die wechselseitige Abhängigkeit von Staaten und Banken nicht zu verstärken“, sagte Radde im Interview mit Handelsblatt Online. Doch statt dessen versorge die EZB den Bankensektor "mit Liquidität in unbegrenztem Maße".

Gerade spanische und italienische Banken hätten diese Liquidität in der Vergangenheit dazu genutzt, in heimische Staatsschuldentitel zu investieren, kritisiert Radde: „Auf diese Weise hat man die Anfälligkeit für Zwillingskrisen erhöht.“

Nach Raddes Einschätzung könnte auch Deutschland in den Sog einer solchen Krise geraten. Bislang beschränke sich das Risiko einer Zwillingskrise noch auf die von der Staatsschuldenkrise betroffenen Peripherieländer der Euro-Zone.

Die Tatsache, dass die Ratingagenturen nach Frankreich auch die die Bonität des Euro-Rettungsschirms ESM herabgestuft haben sei jedoch "ein erster Warnschuss, dass auch die Kernländer des Euroraums nicht vor diesem Schicksal gefeit sind“, sagte der DIW-Ökonom. „Die Belastungen aus den Hilfsprogrammen könnten im schlimmsten Fall auch für Länder wie Frankreich und Deutschland zu groß werden.“

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Radde hält es vor diesem Hintergrund für einen Fehler, dass Banken Staatsanleihen bisher nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen. Diesen Umstand haben er und der DIW-Experte Johannes Pockrandt in eine Studie näher betrachtet – mit ernüchternden Ergebnissen.

Die beiden Autoren nehmen dabei Bezug auf die Entwicklungen in Irland, Griechenland und Spanien, um zu zeigen, dass Finanzierungskrisen von Staaten deren Bankensektoren und Bankenkrisen wiederum die Zahlungsfähigkeit ihrer Heimatstaaten gefährden.

Reform der Euro-Zone

gemeinsame Bankenaufsicht

Die Aufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für die EU ein vordringliches Projekt. Wenn die Aufsicht für die Geldhäuser der Eurozone steht, kann der Rettungsfonds ESM marode Institute direkt rekapitalisieren. Paris drückt bei der Aufsicht aufs Tempo, Berlin hat es allerdings nicht eilig.

Reformverträge

Euro-Länder könnten mit der EU individuelle Verträge abschließen, die das Umsetzen von Reformen besiegeln. Van Rompuy stellt bei Erfolg finanzielle Anreize in Aussicht. Diese könnten aus dem Eurozonen-Budget kommen. Berlin unterstützt die Idee.

Euro-Zonen-Budget

Van Rompuy spricht nicht direkt von einem gemeinsamen Budget der Euro-Länder, sondern von der Entwicklung einer „Fiskalkapazität“. Sie könnte auch Finanzschocks in einzelnen Ländern auffangen. Höhe und Herkunft des Budgets sind noch offen.

Eurobonds

Van Rompuy schlägt vor, „sichere und liquide Finanzanlagen“ für den Euroraum zu schaffen - das könnten Eurobonds oder Eurobills (kurzfristige Anleihen) sein. Berlin lehnt gemeinsame Anleihen im Währungsraum weiter ab.

Tilgungsfonds

Staatsschulden könnten unter bestimmten Auflagen in einen Tilgungsfonds für Altlasten überführt werden, schreibt Van Rompuy. Berlin weist die Idee zurück.

Schäubles Vorschläge

Schäuble fordert einen stärkeren EU-Währungskommissar, der Länderhaushalte mit zu hohen Defiziten an nationale Parlamente zurückverweisen könnte. Außerdem plädiert er für rasche Veränderungen des EU-Vertrags. Dafür ist allerdings Einstimmigkeit unter den 27 EU-Staaten nötig.

Diese Kopplung von Staats- und Bankensolvenz werde durch die „exzessive Investition“ von Banken in heimische Staatsschuldtitel noch verschärft. Fatalerweise tragen dem weder die geltende europäische Bankenregulierung Rechnung noch die Pläne zur Umsetzung von Basel III in der EU. „Beide behandeln Staatsanleihen der Mitgliedstaaten pauschal als risikolose, hochliquide Anlagen und nehmen sie von Eigenkapitalunterlegungen sowie Größenbeschränkungen aus“, konstatieren die Studienautoren.

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In „normalen Zeiten“, erläutert Radde im Interview, also wenn sich das Kreditausfallrisiko von EU-Staatsanleihen nahe Null bewege, sei dies unproblematisch. Staatsanleihen stellten dann auch eine sichere Anlage dar. Zum Problem werde ein starkes Engagement von Banken bei der Finanzierung ihres Heimatstaates aber in Staatsschulden- oder Bankenkrisen, warnt der DIW-Experte. „Dann wächst sich die Krise in einem Bereich nämlich schnell zu einer Zwillingskrise aus, die sowohl den Staat als auch den Bankensektor betrifft.“ Drohende Bankeninsolvenzen veranlassten dann den Heimatstaat zu Stützungsmaßnahmen, die ihrerseits die Schuldentragfähigkeit des Staates gefährden können.

Kommentare (27)

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Republikaner

06.12.2012, 17:44 Uhr

Wenn das passiert, knallt noch viel mehr! Der Markt für corporate Bonds ist riesengroß, total abgegrast und unvorstellbar aufgeblasen. Ich bin heute meine ersten Positionen im Bund shortgegangen. Das neue Jahr wird Überraschungen haben!

Account gelöscht!

06.12.2012, 17:49 Uhr

Staatsanleihen sind Risiko pur! Wie uns die EUROKRISE vor Augen führt, kann man nicht mehr darauf vertrauen sein Geld oder Zinsen zurück zu erhalten. Wer will das noch garantieren bei langen Laufzeiten? Die Gefahr besteht nicht nur bei Griechenland. Auch andere Schuldnerländer geben schon Anleihen heraus, nur um ihre Schuldzinsen bedienen zu können.

itstk

06.12.2012, 18:08 Uhr

Wieso nur Zwillings-Explosion? Das wird wohl eher ein besonders langes und schönes Feuerwerk. Allerdings wohl nur für Zuschauer jenseits der Grenzen Europas.

Denn: Wann werden nochmal Draghi's lolli-bunte EZB-Bazooka-Kredite fällig? Richtig! Nach drei Jahren, also 2014 und 2015.

Also nächstes Jahr für die Hälfte mindestens die doppelte Schlagzahl im Hamsterrad! Damit sich unsere Granden auch 2016 noch den Schampus leisten können. Bitte!

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