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13.05.2013

06:40 Uhr

Risikoforscher im Interview

So vermeiden Anleger den Absturz

VonKatharina Schneider

Wer an den Finanzmärkten agiert, muss mit vielen Gefahren umgehen. Doch die wenigsten Anleger verstehen es, diese richtig einzuschätzen. Risikoforscher Gerd Gigerenzer erklärt, welche Strategien Anlegern helfen.

Der Psychologieprofessor und Risikoforscher Gerd Gigerenzer setzt sich für mehr Finanzkompetenz ein. Dietmar Gust

Der Psychologieprofessor und Risikoforscher Gerd Gigerenzer setzt sich für mehr Finanzkompetenz ein.

Viele Anleger lassen sich in Finanzprodukte mit horrenden Zinsversprechen locken, andere legen ihr Geld gegen Minizinsen aufs Bankkonto. Letztlich drohen beiden Gruppen Verluste. Sind die Deutschen zu dumm für Geldanlage?
Sie sind nicht dumm, aber es fehlt ihnen an Risikokompetenz. Sie durchschauen die Grundprinzipien der Finanzmärkte nicht, beachten nicht, dass höhere Gewinnversprechen immer auch mit größeren Risiken verbunden sind und wähnen sich in Sicherheit, sobald ihnen ein freundlicher Anlageberater ein Produkt empfiehlt.

Was macht einen risikokompetenten Anleger aus?
Zuerst braucht er ein solides Grundwissen: Was sind beispielsweise Zinsen, was sind Zinseszinsen? Außerdem muss er die Rollenverteilungen und Interessenkonflikte im Markt verstehen: Woran verdienen Unternehmen, Banker und Berater? Warum werden bestimmte Produkte empfohlen? Was bedeutet es, wenn man Schulden aufnimmt und was passiert mit Geld, das ich zur Bank bringe?

Wie kann man dieses Wissen vermitteln?
Um nachhaltig etwas zu erreichen, müssen wir schon in den Grundschulen ansetzen. Denn Bildung ist viel mehr als nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Ansprüche an die Menschen haben sich verändert und dementsprechend müssen auch die Lehrpläne geändert werden.

Die Top-Ausgaben der Deutschen

Das kauft der Durchschnittshaushalt

Das Statistische Bundesamt errechnet jedes Jahr, wie viel jeder Haushalt einnimmt und wie viel er davon wofür ausgibt. Im Jahr 2010 hatten die Haushalte in Deutschland ein durchschnittliches monatliches Bruttoeinkommen von 3.758 Euro. Das durchschnittliche Nettoeinkommen betrug 2.922 Euro. Davon ausgegeben wurden 2.168 Euro.

Platz 10: Bildung

Für die Bildung geben die Deutschen mit Abstand am wenigsten ausgegeben. Das mag zum einen daran liegen, dass viele Bildungsartikel, wie zum Beispiel Bücher, lediglich ausgeliehen werden und zum anderen gibt es im Internet eine ganze Reihe von kostenlosen Bildungsmöglichkeiten.
Ausgaben im Monat: 16 Euro
Anteil: 0,8 Prozent

Platz 9: Nachrichtenübermittlung

Das Internet wird immer wichtiger und immer mobiler. Die Zahl der mobilen Internetnutzer nimmt exponentiell zu und eine Ende des Smartphone-Hypes ist noch nicht in Sicht. In Zukunft könnten die Ausgaben in diesem Bereich steigen.
Ausgaben im Monat: 56 Euro
Anteil: 2,6 Prozent

Platz 8: Gesundheitspflege

Arztbesuche, Rezeptkosten, Pflegemittel und Medikamente fallen unter diese Kategorie. Mit der Abschaffung der Praxisgebühr ab dem 1. Januar 2013 dürfte dieser Ausgabeposten etwas kleiner ausfallen.
Ausgaben im Monat: 91 Euro
Anteil: 4,2 Prozent

Platz 7: Bekleidung und Schuhe

Zum Winter und zum Sommer erhöhen sich die Ausgaben für Bekleidungsartikel. Auch gegen Ende der Jahreszeiten fließt das Geld, da viele in den jeweiligen Schlussverkäufe diverse Schnäppchen ergattern wollen.
Ausgaben im Monat: 100 Euro
Anteil: 4,6 Prozent

Platz 6: Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen

Deutsche Arbeitsnehmer haben im internationalen Vergleich zwar relativ viele Feier- und Urlaubstage, die werden jedoch größtenteils zu Hause verbracht. Nicht viele fahren in den Ferien weg und wenn, halten sich die Ausgaben für Hotelübernachtungen in Grenzen.
Ausgaben im Monat: 113 Euro
Anteil: 5,2 Prozent

Platz 5: Innenausstattung und Haushaltsgegenstände

Die Ausgaben für Möbel und Elektro- beziehungsweise Elektronikartikel positionieren sich im Mittelfeld.
Ausgaben im Monat: 118 Euro
Anteil: 5,4 Prozent

Platz 4: Freizeit, Unterhaltung und Kultur

Das Land der Dichter der Denker hat einiges an kulturellen Gütern zu bieten. Für Besuche in Museen, Theatern und Kinos geben die Deutschen den ein oder anderen Euro aus.
Ausgaben im Monat: 236 Euro
Anteil: 10,9 Prozent

Platz 3: Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren

Im Schnitt isst jeder Deutsche rund 90 Kilogramm Fleisch und trinkt 146 Liter Kaffee im Jahr. Das schlägt sich natürlich gewichtig auf die Konsumausgaben nieder.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil: 14,1 Prozent

Platz 2: Verkehr

Des Deutschen liebstes Spielzeug ist sein Auto. Und das lässt er sich einiges kosten. In der Kategorie mit innenbegriffen sind auch die Ausgaben für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil : 14,1 Prozent

Platz 1: Wohnkosten

In Deutschland wird der größte Anteil des Einkommens für die Wohnkosten ausgegeben. Sie beinhalten neben den Miet- auch die Energie- und Instandhaltungskosten.
Ausgaben im Monat: 738 Euro
Anteil: 34,1 Prozent

Sie fordern also ein Schulfach, das Finanzkompetenz heißen könnte?
Es muss gar kein eigenes Fach sein. Ich stelle mir eher einzelne Module vor, die in die etablierten Schulfächer eingebunden werden. Es kommt darauf an, dass lebensnahe Problemstellungen besprochen werden. Das betrifft neben Finanzkompetenz auch Gesundheitskompetenz und den Umgang mit digitalen Technologien.

Wie genau könnten solche Module zur Finanzkompetenz aussehen?
Junge Leute muss man da abzuholen, wo sie sind. Die ganz Kleinen müssen erst einmal lernen, was Geld ist. Mit den Größeren kann man über Handyverträge sprechen oder mal ganz praktisch ausrechnen, ob die Altersvorsorge des Lehrers ausreicht. Ganz wichtig ist es, möglichst früh statistisches Denken zu schulen, das funktioniert ganz spielerisch.

Kommentare (9)

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Just_get_on_with_your_life

13.05.2013, 10:17 Uhr

A quote from the Hitchhiker's guide to galaxy:

“For instance, on the planet Earth, man had always assumed that he was more intelligent than dolphins because he had achieved so much—the wheel, New York, wars and so on—whilst all the dolphins had ever done was muck about in the water having a good time. But conversely, the dolphins had always believed that they were far more intelligent than man—for precisely the same reasons.”

KWB

13.05.2013, 11:35 Uhr

Gigerenzer trifft genau den Punkt: die Finanzwirtschaft behandelt Phänomene als Risiken, hinter denen aber tatsächlich Ungewissheit steckt. Sein verhaltenswissenschaftlicher Ansatz berücksichtigt aber zu wenig die soziale Dimension von Entscheidungen, bzw. darf ich vermuten, dass sein Verständnis vom Sozialen sich auf menschliches Gruppenverhalten bezieht. So lautete der Untertitel seines letzten Buches "Wie Sie richtige Entscheidungen treffen". Entscheidungen sind aber zunächst mal risikant und ob sie richtig oder falsch waren weiß man erst hinterher. Das lernt man in Luhmanns systemtheoretischer Organisationssoziologie. Es ist sicher kein Zufall, dass im Literaturverzeichnis Luhmann's "Soziologie des Risikos" nicht auftaucht. Was man mit Gigerenzer lernen kann ist, wie man den Entscheidungsprozess mithilfe der Unterscheidung von Risiko und Ungewissheit strukturiert. Die soziologische Systemtheorie verweist auf die Differenz von Information und Erwartung, die in jeder Information steckt und prinzipiell nur klein gearbeitet aber nicht beseitigt werden kann.

Insofern ist es ärgerlich wenn Gigerenzer diesen oft gelesenen und unbrauchbaren Rat wiederholt, dass man nicht kaufen soll, was man nicht versteht. Wieviel muss man lesen, um zu der Feststellung zu gelangen, man hätte etwas verstanden? Welche thematischen Erfahrungsbereiche sind für Verstehen bedeutsam? Wer dafür keine Stopp- und Orientierungsregeln geben kann überlässt den Investor dem Risiko mangelhaften Verständnisses. Aber das ist ohnehin nur für den Preis weiterer Risiken zu reduzieren: von welcher Qualität sind die Informationen und wie hängen diese von der Verständnisfähigkeit des Investors ab? Die Währung mit der Risikoreduktion bezahlt wird heisst: Risiko.

ein_anderer

13.05.2013, 12:17 Uhr

Gigerenzer widerspricht sich. »Je komplexer das System ist, desto wichtiger sind einfache Strategien. Eine lautet: Verteile dein Geld gleichmäßig. Anleger sollten also alle Anlagen gleich gewichten. Auch die Anlageklassen sollten gleich gewichtet sein, zum Beispiel je ein Drittel Aktien, Anleihen und Immobilien.«
Je mehr ich aber verteile, desto komplexer wird die Anlage, desto unübersichtlicher, desto nötiger auch der Finanzberater. »Einfach« ist solch eine Strategie ganz und gar nicht.
Ich sage Ihnen, Herr Gigerenzer, was wirklich »einfach« ist: Man packe sein Geld, ziehe es komplett heraus aus dem Finanzsystem, sorge für Schuldenfreiheit und etwas Liquidität: und lege den Rest dann so zur Seite, dass es von keinerlei Finanz-Auf-und-Ab mehr angegriffen werden kann, bei Bedarf aber leicht und immer liqudiert werden kann, seinen Wert seit Jahrtausenden unter Beweis gestellt hat:

- weil es hinreichend knapp ist,
- industriell so gut wie nicht benötigt wird,
- nicht verdirbt,
- leicht zu lagern ist und zudem auch noch
- schön ist;

sprich: weil alle Welt es offen (Osten) oder insgeheim (Westen) liebt). Seit jeher.
Ich kenne bisher nur ein einziges »Ding«, das diese Bedingungen erfült – und, positiver Nebeneffekt, jede Bank und jeden Finanzberater vollkommen überflüssig macht:

Physisches Gold.

Ja, der Preis sinkt derzeit. Aber es ist nicht sein Preis. Es ist der Preis papierener Kontrakte auf Gold (GLD), die mittlerweile das Physische an Volumen um das 100fache übersteigt.

Diese Blase kann nicht überleben. Und wird eher früher als später den wirklichen Wert von Gold freilegen.

Für preiswertes Zukaufen wird es allerdings dann zu spät sein.

… sagt ein kleiner Anleger, der *nicht* tätig ist im Finanzgeschäft und auch *nicht* mit Edelmetallen handelt. Sondern einfach nur: S P A R T .

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