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20.02.2015

10:46 Uhr

Risikokapital

Europas aktivster Geldgeber kommt aus Deutschland

VonAxel Postinett

Das verschlafene Europa wacht auf. Investitionen in High-Tech-Firmen erreichen neue Rekordmarken. Deutschland ist in der Spitzengruppe. Kaum einer dürfte erraten, wo das nächste europäische Start-Up-Paradies entsteht.

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San FranciscoEuropa ist besser als sein Ruf. Zwar ist keine Gründerszene so aktiv wie die im Silicon Valley. Doch steigt jetzt die Risikobereitschaft der Investoren auf dieser Seite des Atlantiks. Rund 5,7 Milliarden Dollar Risikokapital flossen nach Berechnungen der Marktbeobachter CBInsights 2014 in europäische Technologiefirmen. Das ist 78 Prozent Geld mehr als noch im Vorjahr – und so viel wie in vier Jahren nicht. 855 abgeschlossene Transaktionen hat der Marktbeobachter gezählt. Weil die Anzahl der Kapitalrunden weitgehend gleich bleibt, fließt außerdem mehr Geld pro Runde.

Dabei waren die Deutschen besonders fleißig dabei. 1,28 Milliarden Dollar statt 578 Millionen Dollar im Vorjahr haben deutsche Kapitalgeber 2014 investiert – damit schafften sie es sowohl in Sachen Volumen als auch, was den Anstieg der Förderung angeht, in die Spitzengruppe. Nur in Großbritannien flossen mit 1,69 Milliarden Dollar mehr Risikogelder in junge Unternehmen. Der aktivste Kapitalgeber stammt dennoch aus Deutschland: Es ist der High-Tech-Gründerfonds, ein Verbund aus öffentlichen und privaten Geldgebern, darunter das Wirtschaftsministerium, die KfW-Bank, Daimler, RWE Innogy und Tengelmann.

Der Fonds hat seinen Einsatz an Risikokapital im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Rund 250 Unternehmen fördert er derzeit, 2014 gab er 35 Mal Geld. Auf den Plätzen zwei und drei der wachstumsstärksten Geldgeber folgen laut CB Insights der in Genf beheimatete und auch im Silicon Valley extrem aktive Index Ventures Fonds und Accel Partners aus dem kalifornischen Palo Alto.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Innerhalb Europas zog wiederum ein deutsches Unternehmen am stärksten ausländisches Kapital an. Es handelt sich um das Berliner Unternehmen Lieferheld (Delivery Hero). In drei Runden sammelte der Lieferservice 2014 523 Millionen Dollar ein, insgesamt 1,22 Milliarden Dollar. Anfang diesen Jahres ging es weiter, da steckte Rocket Internet weitere 500 Millionen Euro in den Pizza und Sushi-Lieferdienst.

Kommentare (1)

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Herr A. K?hler

20.02.2015, 11:33 Uhr

"Copycats" ist ein generischer Begriff für Nachahmer von Geschäftsmodellen, häufig mit dem Focus, später vom größeren Orginal aufgekauft zu werden. Keine Bezeichnung speziell für die Samwers.

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