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16.11.2015

13:46 Uhr

Robert Halver zu Paris

„Frankreich – systemrelevant par excellence"

VonJens Hagen

Vor dem Fernseher erfuhr Robert Halver, Kapitalmarktstratege der Baader Bank, von den Anschlägen in Paris. Im Interview erklärt Halver, warum Öl- und Goldpreise steigen – und die Anleger bald zur Tagesordnung wechseln.

Der Kapitalmarktexperte der Baader Bank erklärt die Auswirkungen des Brexit auf die Märkte. dpa

Robert Halver

Der Kapitalmarktexperte der Baader Bank erklärt die Auswirkungen des Brexit auf die Märkte.

Herr Halver, wie haben Sie von den Anschlägen in Paris erfahren und was ging Ihnen durch den Kopf?
Ich hatte mich beim Anschauen des Fußballspiels Frankreich - Deutschland über die für Feuerwerk viel zu lauten Explosionen gewundert und beim Durchzappen durch die Programme von den Terroranschlägen erfahren. Ich habe dann bis in die frühen Morgenstunden die Berichterstattung verfolgt. Ich war geschockt über den organisierten Terror und dass die Täter auch ihren eigenen Tod in Kauf nehmen, um möglichst viele Menschen zu töten.

Welche persönliche Beziehung haben Sie zu Frankreich?
Da ich Französisch als Leistungskurs im Abitur hatte und auch des Öfteren in Paris bin, habe ich eine besondere Beziehung zu Frankreich. Und als Kapitalmarktanalyst ist Frankreich ein regelmäßig gewichtiger politischer Faktor bei der politischen Analyse der Eurozone. Gerade die Politik, vor allem die Stabilitäts-, Geld- und Fiskalpolitik ist heutzutage zu einem deutlich größeren Faktor in meiner Analysearbeit geworden. Ohne den deutsch-französischen Motor bewegt sich in Europa so gut wie nichts. Frankreich ist Euro-systemrelevant par excellence.

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Ermittler haben den Belgier Abdelhamid Abaaoud als Drahtzieher der Anschläge benannt. Unter den Todesopfern sind zwei Deutsche. Geplant wurde der Terror in Syrien. Präsident Hollande fordert eine Allianz gegen den IS.

Als Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank haben Sie jeden Tag mit den Finanzmärkten zu tun. Welche Auswirkungen haben die Anschläge auf die Märkte?
Da sich Terror leider in den letzten Jahren gehäuft hat, haben sich die Finanzmarktteilnehmer ein bisschen mehr dickes Fell zugelegt. Man muss zwar auch zukünftig mit Terrorismus nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa rechnen. Wenn dieser jedoch nicht zu einem regelmäßigen Phänomen wird, kann man damit leben oder wird damit leben müssen. Ich sehe mit großer Freude, dass sich die negativen Reaktionen an den Aktien- und selbst den Rohstoffmärkten eher in Grenzen halten. Lediglich Gold als Krisenanlage konnte profitieren. Damit macht sich die gesamte Finanzwelt das Wappenmotto der Stadt Paris zu eigen: fluctuat, net mergitur: Sie schwankt, geht aber nicht unter.

Warum waren die Kursausschläge heute so gering?
„Politische Börsen haben kurze Beine“ scheint sich zu bewahrheiten. Die Marktteilnehmer gehen wohl davon aus, dass Europa - das in letzter Zeit nicht durch viel Harmonie und Solidarität aufgefallen ist – zukünftig verstärkt in der Terrorabwehr zusammenarbeiten wird. Das wäre ein großartiges Signal, dass Europa trotz aller Kritik doch noch funktioniert. Sehr ermutigend ist es auch, dass US-Präsident Obama mit seinem russischen Kollegen in der Bekämpfung des IS zusammenarbeiten will. Ich will die Chancen auf ein Ende der Eiszeit zwischen dem Westen und Russland nicht zu optimistisch betrachten, aber sie sind immerhin da. Ein Sprichwort sagt: Ein gemeinsamer Feind eint mehr als tausend gemeinsame Freunde. Die Börse sieht genau diese Chancen, die ja auch Lösungsansätze in der Flüchtlingskrise bedeuten könnten.

Was die G20 sich vornehmen

Terrorismus

„Wir bleiben geeint im Kampf gegen den Terrorismus.“ Die G20 spricht den Opfern der Anschläge von Paris und deren Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Die Finanzquellen des Terrors sollen ausgetrocknet werden. Die Länder wollen Grenzschutz- und Geheimdienstinformationen austauschen, um die Mobilität von Terroristen zu verhindern.

Flüchtlinge

„Das Ausmaß der anhaltenden Flüchtlingskrise ist von weltweiter Besorgnis mit großen humanitären, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen.“ Die G20 versprechen, Flüchtlinge besser zu schützen und zu unterstützen. Damit die Fluchtgründe entfallen, müssten politische Konflikte gelöst werden. Alle Staaten sollten zur Bewältigung der Krise beitragen.

Wirtschaft

„Das globale Wirtschaftswachstum ist unausgewogen und bleibt hinter unseren Erwartungen zurück.“ Die G20 halten am Ziel fest, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ihrer Mitglieder bis 2018 um zusätzliche zwei Prozentpunkte zu steigern. Vergleichspunkt sind die Wachstumsprognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) ab 2013. Ein Drittel des Wegs sei bereits geschafft.

Abbau von Ungleichheit

„Wachsende Ungleichheit in vielen Ländern bedeutet Risiken für den sozialen Zusammenhalt und das Wohlergehen unserer Bürger.“ Deshalb wollen die G20 vor allem „mehr und bessere Jobs“ schaffen und die Jugendarbeitslosigkeit bis 2025 um 15 Prozent senken.

Steuervermeidung

„Um ein weltweit faires und modernes internationales Steuersystem zu schaffen“, wollen die G20 und die OECD die Steuervermeidung internationaler Konzerne unterbinden. Die Firmen sollen dort Steuern zahlen, wo Investitionen getätigt werden und Gewinne anfallen. Die Steuerbehörden verschiedener Länder sollen verstärkt Daten austauschen.

Klima

„Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“, heißt es im Entwurf. Die G20 setzen auf einen Erfolg der Weltklimakonferenz in zwei Wochen in Paris. Die genaue Wortwahl zum Kampf gegen die Erderwärmung war bis zur letzten Minute aber noch umstritten, wie europäische Delegationskreise berichteten.

Was ist aus Sicht der Märkte der Unterschied zwischen dem Anschlag in Paris und 9/11?
Die Anschläge von 9/11 waren ein Schock, weil man derartiges aus dem Westen und schon gar nicht auf dem Boden der Weltmacht USA kannte. Nach 9/11 haben leider weitere Terroranschläge stattgefunden. Die Finanzmärkte haben sich daran gewöhnen müssen. Der Schock ist zwar da. Aber heutzutage schaut man mehr nach vorne, an die internationale Zusammenarbeit gegen den Terror. Die Syrien-Konferenz und diesbezügliche Lösungsansätze haben nach den Anschlägen von Paris die gegenseitigen Gräben zumindest etwas zuschütten können. Nicht zuletzt haben wir es heutzutage im Vergleich mit einer international dramatisch freizügigen Geldpolitik zu tun, die ein Stück weit Krisenglättung bewirkt.

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