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09.04.2016

09:45 Uhr

5000 Euro für jeden?

„Helikoptergeld“ – wie die EZB die Inflation befeuern könnte

VonAndreas Oswald
Quelle:Tagesspiegel

„Helikoptergeld“ ist ein Konzept, bei dem die Notenbank dem Staat oder den Bürgern Geld schenkt, um die Inflation anzuheizen. Wo kommt die Idee her und wie geht die EZB mit ihr um? Fragen und Antworten zum Thema.

Die EZB will mit einer neuen Art der Kapitalversorgung die Inflation stimulieren. dpa

Hubschrauber im Landeanflug

Die EZB will mit einer neuen Art der Kapitalversorgung die Inflation stimulieren.

Sollen Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) Geld drucken und an Bürger und Staaten verschenken? EZB-Chef Mario Draghi hat die Debatte neu angefacht, als er bei seiner letzten Pressekonferenz im März das Konzept des „Helikoptergelds“ als „sehr interessant“ bezeichnete. Zwar moderierte er das Thema anschließend herunter, aber die Tür ist aufgestoßen.

Was ist mit dem Konzept „Helikoptergeld“ gemeint?

Die Notenbank soll mit neu gedrucktem Geld direkt Staatsausgaben finanzieren, beispielsweise dringend benötigte Investitionen in die Infrastruktur, Renovierung von Schulgebäuden und Ähnliches. Zudem könnte die Notenbank den Schuldendienst des Staates übernehmen, die Zinsen zahlen und, wenn eine Staatsanleihe ausläuft, die Besitzer der Anleihen ausbezahlen, ohne dass für diesen Zweck eine neue Staatsanleihe begeben werden müsste. Der absolute Schuldenstand des Staates würde sich damit verringern.

Zudem gibt es die Idee, dass im Falle einer schweren Krise jeder Bürger eine erhebliche Summe frisch gedruckten Geldes bekommt, beispielsweise 5000 Euro, mit denen er Schulden bezahlen, sparen, Aktien kaufen oder seinen Konsum erhöhen kann.

Solche Programme sollen nur solange laufen, bis die gewünschte Inflationsrate von zwei Prozent erreicht ist. Die Weltwirtschaft soll damit wieder in normale Bahnen mit normalen Zinssätzen und normalem Wachstum gelenkt werden. Entscheidend ist, dass dieses Geld nicht zurückgezahlt werden muss.

Was sind die entscheidenden Argumente der Befürworter?

Die Befürworter, unter ihnen Adair Turner, ehemaliger Chef der britischen Finanzmarktaufsicht, Lawrence Summers, Harvard-Ökonom und ehemaliger US-Finanzminister unter Bill Clinton sowie viele andere Ökonomen und Banker sehen in „Helikoptergeld“ eine Möglichkeit, Geld direkt in die Realwirtschaft zu lenken, um sie anzukurbeln und die nun schon viele Jahre andauernde deflationäre Phase seit der Finanzkrise zu überwinden. Sie weisen zudem darauf hin, dass die Notenbanken mit ihrem bisherigen außergewöhnlichen Instrumentarium ihr Ziel nicht erreicht haben, eine Inflation von zwei Prozent herzustellen.

Was hinter dem „Helikoptergeld“ steckt

Was versteht man unter „Helikoptergeld“?

Die Idee ist denkbar einfach: Man muss nur im großen Stil Geld unter der Bevölkerung verteilen, schon kommt die Wirtschaft durch den Geldregen in Schwung und die Inflation zieht an. Was zunächst wie ein Scherz klingt, wird aktuell in Finanzkreisen ernsthaft diskutiert.

Hat es so etwas schon mal von einer Notenbank gegeben?

Nein, das reine Verschenken von Geld wurde von führenden Notenbanken noch nicht in die Tat umgesetzt. Während der Finanzkrise 2008 verteilte die US-Regierung zwar Steuergutschriften an Privathaushalte. Allerdings gibt es einen Unterschied zum „Helikoptergeld“: Die US-Notenbank verschenkte in der Krise kein Geld, sondern sicherte ihre Geldschwemme über den Kauf von Wertpapieren ab. Ähnlich geht zurzeit die EZB vor. Werden einmal gekaufte Wertpapiere wieder verkauft oder fällig, fließt das Geld zurück zur Notenbank. Dies wäre bei „Helikoptergeld“ nicht der Fall.

Wie wird in der EZB-Führung über die Idee gedacht?

Notenbankchef Mario Draghi versicherte zwar, dass innerhalb des EZB-Rates nicht ernsthaft über die Idee des „Helikoptergeldes“ gesprochen wurde. Auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinsentscheidung der Notenbank hatte er aber auf die Frage eines Journalisten die Idee nicht rundweg abgelehnt, sondern als „ein sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. Etwas konkreter wurde EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. In einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ stellte der Vordenker der EZB klar, dass theoretisch alle Notenbanken dieses „extreme Instrument“ einsetzen könnten. Es stelle sich nur die Frage, ob und wann der Einsatz Sinn mache.

Wie wäre das in der Praxis umsetzbar?

So einfach das Konzept in der Theorie wirkt, so schwierig wäre die Umsetzung. Zunächst einmal hat die EZB nicht die Kontonummern der etwa 337 Millionen Bürgern der Eurozone, um das Geld zu überweisen. Allein an der Zahl der Konten zeigt sich die bürokratische Herkules-Aufgabe, die mit einer solchen Maßnahme verbunden wäre. Schwierig wird es auch aus bilanztechnischen Gründen. Bisher gilt das Prinzip: Frisches EZB-Geld gibt es nur gegen Sicherheiten als Gegenleistung. Wenn die EZB das Geld aber einfach verschenken würde, dann stellt sich die Frage: Wie soll das verbucht werden? Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Michael Schubert wäre das Auszahlen von „Helikoptergeld“ unter dem Strich nur indirekt über die Euroländer denkbar. „De facto würde die EZB den Euroländern also eine Art Kredit gewähren“, erklärt Schubert.

Was sagen die Kritiker?

Zu den Kritikern einer solchen Maßnahme zählt Bundesbankchef Jens Weidmann: „Ob und wie Geld an die Bürger verschenkt wird, ist eine hochpolitische Entscheidung, die Regierungen und Parlamente fällen müssen“, sagte Weidmann in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Hier habe die EZB einfach kein Mandat. Schon die bisher beschlossenen Maßnahmen werden nach Einschätzung von Weidmann schwächer in der Wirkung, je länger sie dauern, während Risiken und Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik zunähmen. Aber auch unter Volkswirten ist das Konzept höchst umstritten. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, bezeichnet die Idee des „Helikoptergeldes“ schlichtweg als „Quatsch“. Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken und damit die Probleme lösen. Politisch würde man damit in Europa einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, meint Schmieding.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Idee des „Helikoptergeldes“ in die Tat umgesetzt wird?

Das ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn immer mehr Experten warnen, dass die Möglichkeiten der EZB im Kampf gegen die niedrige Inflation ausgeschöpft seien, sieht sich die Notenbank selbst noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten. Sollten am Konjunkturhimmel wieder düstere Wolken aufziehen und große Eurostaaten wie Frankreich oder Italien stärker unter Druck geraten, dann verfüge die EZB immer noch über genügend Munition, versicherte jüngst EZB-Chefvolkswirt Praet in einem Interview. Ganz ähnlich äußerte sich zuletzt auch EZB-Direktor Benoît Coeuré.

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet hatte sich zumindest nicht ablehnend geäußert. Theoretisch könnten alle Notenbanken dieses „extreme Instrument“ einsetzen, sagte Praet im März in einem Interview der italienischen Zeitung „La Repubblica“.

Was sagen die Gegner des Konzepts?

Nachdem sich EZB-Chef Mario Draghi Mitte März zu dem Thema geäußert hatte, meldete sich wenige Tage später Bundesbankchef Jens Weidmann zu Wort. Interessant ist dabei, dass er sich überhaupt in diese Debatte einbringt, ist doch die ablehnende deutsche Haltung zu lockerer Geldpolitik hinreichend bekannt. Offensichtlich haben die Bemerkungen von Draghi und Praet der Debatte ein solches Gewicht verschafft, dass Weidmann sich zur Stellungnahme genötigt sah. „Das wäre nichts anderes als die vollständige Vermengung von Geldpolitik und Fiskalpolitik und mit der Notenbankunabhängigkeit nicht vereinbar“, sagte Weidmann. „Statt immer waghalsigere geldpolitische Experimente ins Spiel zu bringen, wäre es sinnvoll, einmal innezuhalten. Geldpolitik ist kein Allheilmittel, ersetzt nicht notwendige Reformen in einzelnen Ländern und löst auch nicht die Wachstumsprobleme Europas. Wer das von ihr verlangt, überfordert sie und wird am Ende enttäuscht werden.“

Auch andere Kritiker haben sich zu Wort gemeldet. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, sagte der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX: „Das Helikoptergeld ist Quatsch.“ Wirtschaftlich sei es nicht nötig und politisch würde man damit einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. „Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken und damit die Probleme lösen.“

Im Kern geht es den Kritikern darum, dass der EZB Staatsfinanzierung grundsätzlich verboten ist. Möglicherweise aus gutem Grund. Länder, die in der Vergangenheit Geld drucken ließen, um Staatsausgaben zu finanzieren, bekamen ziemlich schnell eine Hyperinflation.

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