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27.06.2017

16:55 Uhr

Absturz der Digitalwährung

Ethereum-Börse entschädigt Anleger

VonFelix Holtermann

Nach dem Absturz der Digitalwährung Ethereum um 96 Prozent geriet die Onlinebörse GDAX in die Kritik. Nun geht sie auf die Anleger zu und will diese doch für ihre Verluste entschädigen. Das ist nicht ganz uneigennützig.

Mit dem Kursanstieg der digitalen Währungen fragen sich auch neugierige Privatanleger: Wie kann ich einsteigen? Der Start ist gar nicht so einfach. Reuters

Prozessoren zum Herstellen von Bitcoins in Kalifornien

Mit dem Kursanstieg der digitalen Währungen fragen sich auch neugierige Privatanleger: Wie kann ich einsteigen? Der Start ist gar nicht so einfach.

DüsseldorfDieser Absturz hatte Schlagzeilen gemacht: Am Mittwoch vergangener Woche kam es zu einem bisher nicht gesehenen Kurssturz bei Ethereum, der nach dem Bitcoin zweitgrößten Digitalwährung der Welt. Der Wert eines Ethereum, abgekürzt Ether, stürzte von rund 317 Dollar auf 13 Dollar ab. Zahlreiche große Börsen setzten den Handel kurzzeitig aus, darunter der Marktplatz GDAX, der zum US-Marktführer Coinbase gehört. Nach Freigabe des Handels erholte sich der Ethereum-Kurs schnell und stieg wieder auf knapp 300 Dollar. Aktuell notiert ein Ether bei 250 Dollar.

Der Schaden war da jedoch bereits angerichtet. Durch den Kursverfall von rund 96 Prozent verloren zahlreiche Anleger binnen Minuten Hunderte oder Tausende Dollar. Im Internet machten diese ihrem Ärger Luft. Ein ganzes Ether-Depot für einen Schleuderpreis zu verkaufen, während die Währung bei anderen Marktplätzen im 275-Dollar-Bereich notiert habe, sei Diebstahl, schrieb ein Nutzer. GDAX habe den Handel nicht rechtzeitig angehalten, damit sich der Preis mit dem auf anderen Marktplätzen abgleiche. „Ihr habt Menschen auf schreckliche Art und Weise enttäuscht.“

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird „peer-to-peer“ gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte – die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten „White Paper“, dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem „permissionless“, können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem „trustless“: Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei „ein Spekulationsobjekt“, dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. „Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren.“

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert – für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

Der Protest scheint Eindruck gemacht zu haben. In einem Blogeintrag erklärt der Vizechef des Börsenbetreiber, Adam White, nun folgendes: „Wir werden einen Prozess in Gang setzen, der die Kunden-Accounts, die vom Preisrutsch am 21. Juni (...) betroffen sind, kompensiert. Dies wird dazu führen, dass die Kunden ihren ursprünglichen Kontostand auf die Höhe von vor dem Preisrutsch zurückgesetzt bekommen.” White betont, dass Kunden, die vom Preisrutsch profitiert und Ethereum zu besonders billigen Kursen gekauft haben, nicht von der Rücksetzung betroffen seien. All diejenigen aber, die Verluste erlitten hätten, sollten auf Firmenkosten entschädigt werden.

Der Schritt des Marktplatzbetreibers kommt überraschend. Kurz nach dem Kurssturz hatte GDAX noch erklärt, dass die umstrittenen Geschäfte nicht rückabgewickelt werden. Nach jetzigem Wissensstand wäre GDAX zu seinem kundenfreundlichen Vorgehen auch nicht verpflichtet. Denn so verständlich der Ärger aus Anlegersicht auch sein mag: Viele Marktbeobachter sehen den Fehler auf Seite der Kunden.

Tatsächlich haben die meisten langfristig orientierten Investoren beim Crash und der anschließenden Erholung kein Geld verloren. Sie waren bei den ersten rapiden Kursbewegungen in Wartestellung gegangen oder hatten sie schlicht ignoriert. Geld verloren haben vor allem kurzfristig orientierte Neueinsteiger, die mit der Aussicht auf Spekulationsgewinne in den Markt eingestiegen waren. Letztere hantierten oft mit sogenannten Stop-Loss-Positionen. Diese sollen Verluste eigentlich begrenzen, lösten aber mit automatischen Verkaufsordern eine Preisspirale nach unten aus. Der GDAX-Vizechef erwähnt das Phänomen in seinem Blogeintrag ausdrücklich.

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Stop-Loss-Positionen zu setzen, ohne die Hintergründe zu verstehen, ist gefährlich, warnt Thomas Beutler, Finanzexperte der saarländischen Verbraucherzentrale. Im Zweifel drohten hohe Verluste. „Diese Erfahrung muss man eben als Spekulant machen“, sagt Beutler. Viele Marktplätze für Kryptowährungen sind noch jung. GDAX etwa ist vor gerade einmal zwei Jahren gegründet worden, die Zahl der potentiellen Käufer und Verkäufer ist im Vergleich zu herkömmlichen Aktien- und Anleihebörsen gering. „Werte mit niedrigem Handelsvolumen sind besonders anfällig für einen ,Flash-Crash'“, bilanziert der Verbraucherschützer.

Warum sollte GDAX also überhaupt Kunden entschädigen, die sich an einem jungen Markt schlicht verzockt haben? Ganz uneigennützig ist das Vorgehen des Börsenbetreibers jedenfalls nicht.

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