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19.08.2011

12:30 Uhr

Agrar-Rohstoffe

Wenn das Wetter den Preis bestimmt

VonRegine Palm, Udo Rettberg

Der diesjährige Sommer vermiest nicht nur den meisten Bundesbürgern die Laune. Auch die deutsche Getreideernte leidet unter dem Dauerregen. Die Nahrungspreise dürften hoch bleiben.

Aktuell liegen die Getreidepreise noch unter ihren Höchstpreisen. Quelle: dpa

Aktuell liegen die Getreidepreise noch unter ihren Höchstpreisen.

An den Agrarmärkten entscheidet sich zurzeit, ob es bald wieder zu Engpässen kommen wird. Dem trockenen Frühjahr folgte ein verregneter Sommer. Dadurch leiden etwa die Menge und die Qualität der Getreideernte. Die deutschen Mühlenbetriebe haben soeben gewarnt, dass ihnen weniger Brotgetreide in ausreichender Qualität zur Verfügung stehen wird. Kaum besser sieht es in anderen Ländern Europas aus.

Die Folge: Die Getreidepreise liegen zwar aktuell unter ihren Höchstpreisen, werden aber voraussichtlich hoch bleiben. Allein im Juli sind die Nahrungspreise nach Angaben der Weltbank gegenüber dem Vorjahresmonat um 33 Prozent gestiegen. Weltbank-Präsident Robert Zoellick warnte zudem, dass die Lagerbestände alarmierend niedrig seien.

Doch nicht nur das Wetter beeinflusst die Agrarmärkte. Hinzu kommen andere Faktoren. So wachsen mit dem steigenden Wohlstand auch die Ansprüche in Schwellenländern wie China oder Indien. Die Konsequenz: Das ohnehin knappe Angebot trifft auf eine steigende Nachfrage. Gleichzeitig tauchen auch in den Industrieländern neue Nachfrager auf. Ein größerer Maisbedarf – etwa für Biosprit – bedingt eine Ausweitung der Anbaufläche. Doch die Flächen sind knapp. Die jeweiligen Produkte konkurrieren also um die knappen Anbauflächen. Die Landwirte fällten ihre kurzfristigen Entscheidungen in der Regel über die Preise.

Längerfristig können sie ihr Geschäft über Terminbörsen absichern. Mit dem sich immer stärker ausbreitenden Welthandel kam bereits im 18. Jahrhundert ein lebhafter Handel mit landwirtschaftlichen Rohstoffen wie Tee, Kaffee, Kakao oder Kautschuk auf. Die Kurse waren schon damals stark abhängig vom Wetter und den davon abhängigen Ernteergebnissen.

Den modernen Agrarhandel in standardisierter Form gibt es spätestens seit 1848. In diesem Jahr wurde nämlich das Chicago Board of Trade (CBoT) gegründet, an dem anfangs ausschließlich agrarische Rohstoffe in der Form von Futures – den standardisierten Terminkontrakten – gehandelt wurden. In Chicago hatten die Agrarproduzenten die Chance, ihre noch nicht geernteten Güter im Voraus zu verkaufen.

Erzielten sie für ihre Waren an den Terminbörsen hohe Preise, so waren sie bereit, sich diese zu sichern und zumindest einen Teil ihrer künftigen Ernte auf Termin zu verkaufen. Auf diese Weise hatten die Farmer Planungssicherheit. Diese Absicherung funktioniert aber nur dann, wenn auf der anderen Seite Kapitalgeber mit einer spekulativen Ausrichtung bereit sind, die Ware zu kaufen. Und zwar in der Hoffnung, dass die Ware bis zur Ernte oder bis zur Lieferung im Preis gestiegen war – und die Spekulanten dann die entsprechenden Gewinne erzielen konnten.

Der Erfolg des Chicago Board of Trade führte in den Folgejahren zu einer Welle von Börsen-Neugründungen. Unter dem Namen Chicago Butter and Egg Board wurde im Jahr 1898 zum Beispiel die heute Chicago Mercantile Exchange (CME) ins Leben gerufen. Nach einem gigantischen Erfolg mit Finanztitel-Terminkontrakten hat diese inzwischen das CBoT übernommen.

In Europa hingegen ist der Agrar-Terminhandel nie so recht in Schwung gekommen. Anders sieht es in Asien aus. Die dort in den vergangenen 15 Jahren ins Leben gerufenen Agrar-Terminbörsen erleben einen regelrechten Boom. Heute finden Kapitalanleger rund um den Globus viele moderne Investmentvehikel, die ihnen Zugang zum immer wichtiger werdenden Agrarsektor bieten.


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