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23.08.2016

11:16 Uhr

Auf den Anstieg folgt der Fall

Sinkende Ölpreise verunsichern Anleger

In den vergangenen Wochen ging es für den Ölpreis kräftig nach oben. Damit ist es nun vorbei: Der Ölpreis fällt wieder stark. Ist die Hoffnung auf einen dauerhaften Preisanstieg damit beendet?

Die Ölpreise haben ihren monatelangen Kletterkurs beendet. dpa

Heizöl

Die Ölpreise haben ihren monatelangen Kletterkurs beendet.

DüsseldorfDie Ölpreise haben ihren monatelangen Kletterkurs beendet und sinken wieder. Nach der wochenlangen Erholung sind die Preise für die führenden Ölsorten Anfang der Woche wieder deutlich unter die Marke von 50 Dollar gefallen.

Der relativ schwache Dollar und die Spekulationen um eine Förderbremse durch die Opec hatten den Preisanstieg im August befeuert. Der Preis war seit Anfang August in der Spitze um 20 Prozent gestiegen. Brent hatte zeitweise sogar wieder über der psychologisch und technisch wichtigen 50-Dollar-Marke notiert.

Damit ist es aber nun erst einmal vorbei, eine Rückkehr zu höheren Ölpreisen bleibt aus: Am Dienstagmorgen fielen Ölpreise erneut. Nordseeöl der Sorte Brent verlor 0,6 Prozent auf 48,85 Dollar je Barrel (159 Liter). US-Leichtöl der Sorte WTI kostete mit 47,04 Dollar 0,8 Prozent weniger. Damit fallen derzeit die Ölpreise so stark wie seit drei Wochen nicht mehr.

Öl-Experte Johannes Benigni: „Es wird abwärts gehen mit dem Ölpreis“

Öl-Experte Johannes Benigni

Premium „Es wird abwärts gehen mit dem Ölpreis“

In den vergangenen Wochen ging es für den Ölpreis kräftig nach oben. Können die Anleger endlich auf einen dauerhaften Preisanstieg hoffen? Nein, glaubt Öl-Experte Johannes Benigni. Sein Pessimismus hat drei Gründe.

Viele Analysten schätzen den Preisanstieg im August als übertrieben ein - deshalb würden nun die Preise fallen. „Die Wahrscheinlichkeit einer Einigung der Opec auf eine Begrenzung der Fördermenge ist aufgrund der schlechten Beziehung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien nicht sehr hoch,“ schreiben Rohstoffanalysten in einem Kommentar.

Öl-Experten beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass es bei der nächsten Sitzung zu einer Einigung kommt, auf gerade einmal 25 Prozent. Zuvor hatten Marktteilnehmer auf Produktionskürzungen spekuliert, weil sich Opec-Minister in Kommentaren entsprechend geäußert hatten.

Anleger sollten demnach nicht auf einen dauerhaften Preisanstieg hoffen. Denn viele Analysten gehen davon aus, dass die Preise für Öl in den kommenden Monaten wieder fallen könnten. Denn der globale Ausblick auf die nächsten sechs bis zwölf Monate habe sich nicht geändert. Es bestehe weiterhin ein Überschuss an den Märkten, der auf eine geringe Nachfrage trifft und damit zu niedrigen Preisniveaus führt.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Eine Vielzahl von neuen Förderungsprojekten, die in den nächsten Monaten starten sollen, tragen dazu bei. Nigeria, Irak und Libyen nehmen im zweiten Halbjahr wieder die Produktion auf, das könnte das derzeitige Überangebot an Öl auf den Weltmärkten vergrößern.

Analysten rechnen beim US-Öl deshalb bis zum nächsten Sommer mit einer Preisspanne von 45 bis 50 Dollar. Fest steht: Der Preis wird ständigen Schwankungen unterworfen sein, denn die Unsicherheit über die weitere Entwicklung an den Märkten bleibt hoch.

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