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25.05.2012

15:17 Uhr

Austritt Griechenlands

Heilsamer Schnitt?

VonJörg Hackhausen, Ingo Narat

Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist kein Tabu-Thema mehr. Doch was wären die Folgen? Zunächst einmal großes Chaos, vermuten Experten. Auf lange Sicht aber könnte der Euro gewinnen.

Frankfurt, DüsseldorfWas vor wenigen Wochen noch als düsteres Untergangsszenario abgetan wurde, ist innerhalb kurzer Zeit zum Mainstream geworden. Selbst Politiker und Zentralbanker sprechen inzwischen offen über den Austritt der Griechen aus dem Euro. „Das Endspiel hat begonnen, und ich weiß nicht, wie es ausgehen wird“, gab EU-Handelskommissar Karel De Gucht in einem Interview mit einer belgischen Zeitung zu Protokoll.

Die Mehrheit der Investoren rechnet sowieso mit einem Exit der Griechen, in Finanzkreisen nur noch  „Grexit“  genannt. „Ein Austritt Griechenlands wäre teuer und chaotisch, aber er ist wahrscheinlich unvermeidlich. Deshalb sollten wir uns darauf einrichten“, sagt Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco.

Die Folgen kann kaum ein Experte abschätzen. Manch einer befürchtet ein großes Chaos. „Ein Austritt der Griechen würde die ‚Büchse der Pandora‘ öffnen“, warnt Jacques-Pascal Porta, Vermögensverwalter bei Ofi Gestion in Paris, „es ist eine Katastrophe, die einer weiteren Katastrophe die Tür öffnen würde“.

Doch das Aus der Griechen ist nicht gleichbedeutend mit Ende des Euros. Wenn es gelingt, eine Kettenreaktion zu verhindern, könnte der Euro ohne Griechenland langfristig sogar stärker dastehen.

Zum Schicksalstag für die Griechen - und vielleicht auch für den Euro – wird der 17. Juni. An diesem Tag wählen die Griechen ihr neues Parlament. Ob sie anschließend noch dem Sparprogramm folgen werden, das ist die große Frage. „Bis zur Wahl werden die Märkte unsicher bleiben“, sagt deshalb Dirk auf der Heide, Leiter Währungen bei der Fondsgesellschaft DWS.

Fahrplan: So geht es weiter in Griechenland

Land am Tropf

Griechenland muss bis Mitte Mai eine handlungsfähige Regierung haben. Spätestens Anfang Juni kommt wieder die Geldgeber-Troika nach Athen, um über weitere Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft zu sprechen. Zudem braucht Athen dringend wieder neues Geld - bis Ende Juni sollen es 30 Milliarden Euro sein. Davon sind sieben Milliarden für Renten und Löhne im staatlichen Bereich und 23 Milliarden für die Stabilisierung des Bankenbereichs nach dem Schuldenschnitt bestimmt. Finden die Kontrolleure keine handlungsfähige Regierung in Athen vor, könnten sie den Geldhahn zudrehen und Griechenland wäre Ende Juni pleite.

Koalitionsverhandlungen

Das Verfahren zur Bildung einer Koalitionsregierung ist genau definiert im Artikel 37 der griechischen Verfassung. Demnach wird Staatspräsident Karolos Papoulias den Chef der stärksten Partei Nea Dimokratia (ND), Antonis Samaras, mit Sondierungen beauftragen. Die konservative Nea Dimokratia bekam knapp 18,9 Prozent und 108 Abgeordnete. Das Mandat gilt für drei Tage.

Klare Reihenfolge

Scheitern diese Verhandlungen, erhält der Chef des Bündnisses der Radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras, ein dreitägiges Sondierungsmandat. Die Partei wurde überraschend erstmals in ihrer Geschichte zweitstärkste Kraft - mit 16,8 Prozent und 52 Abgeordneten. Sollte auch dieser Versuch scheitern, bekommen die Sozialisten als drittstärkste Partei das Mandat für drei Tage. Sie bekamen 13,2 Prozent und 33 Abgeordnete.

Konservative und Sozialisten sind bereit zu koalieren. Sie haben aber nicht die nötige Mehrheit von 151 Abgeordneten im 300-köpfigen Parlament. Sie sind damit auf die Kooperation rechtspopulistischer und linker Parteien angewiesen.

Splittergruppen bleiben Außenseiter

Das Bündnis der Radikalen Linken scheint nicht bereit zu sein, mit den zwei Traditionsparteien zusammenzuarbeiten. Dies lehnen bislang auch die rechtsorientierten Populisten der Partei der Unabhängigen Griechen (33 Abgeordnete) sowie die kleinere Partei der Demokratischen Linken (19) ab. An eine Kooperation mit den erstmals ins Parlament gewählten Faschisten (21) oder den Kommunisten (26) denkt niemand.

Das Worst-Case-Szenario

Neuwahlen stehen bevor, wenn all diese Sondierungen ohne Ergebnis bleiben. Dann würde der Präsident alle Parteivorsitzenden zu einer letzten Sondierungsrunde zusammenbringen. Dabei würde er ein letztes Mal prüfen, ob eine Koalitionsregierung gebildet werden kann. Sollte auch dies scheitern, dann wird das eben erst gewählte Parlament aufgelöst und es werden Neuwahlen binnen 30 Tagen angesetzt. Das Land würde solange von einer Übergangsregierung - voraussichtlich unter Leitung des Präsidenten eines der höchsten Gerichtshöfe - geführt.

Aus den Wahlen könnte eine Partei als stärkste Kraft hervorgehen, die sich ganz offen gegen die Bedingungen für das zweite Hilfspaket von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds ausgesprochen hat. Bis Juni müssen die Griechen Sparmaßnahmen in Höhe von 11,5 Milliarden Euro vorlegen. Gelingt das nicht, drohen die Euro-Länder damit, ihre Hilfen für Griechenland einzustellen.

Anders ausgedrückt: Ohne weitere Sparmaßnahmen wird es keine weiteren Milliarden von den Geberländern geben - ohne weitere Milliarden bliebe wohl keine Alternative zu einem Austritt aus der Euro-Zone. „Falls die radikalen Parteien die Wahlen gewinnen sollten, verabschieden sich die Griechen aus dem Euro und führen ihre Drachme wieder ein“, sagt Frank Engels, der beim Fondshaus Union Investment den Anleihebereich leitet.

Kommentare (21)

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Matthes

25.05.2012, 15:31 Uhr

Die Zukunft des Euro hängt nicht von Griechenland ab. Die Zukunft ist abhängig von der Haushaltspolitik der EU in Brüssel. Setzt sie weiter auf billiges Geld, Neuverschuldung und Geldtransfer ist die Spirale bald am eskalieren und Europa ist am Ende. Dieses gegenseitige Geldwegnehmen ist keine tragfägige Politik für eine Staatenunion. Aber es ist die Frage zu stellen, ob es überhaupt noch andere Interessen gibt für eine solche Union.

Petra

25.05.2012, 15:46 Uhr

Schlimmer als der Austritt von GR ist der Verbleib von GR im Euro!!!
Bleibt GR im Euro, ist dies ein Freibrief für Portugal, Spanien, Italien, FRANKREICH (!) und noch viele Staaten mehr, ebenfalls einen SCHULDENSCHNITT & NOCH MEHR GELD zu verlangen. Gleiches Recht für Alle!!! GR muß aus dem Euro austreten, da sonst die echte Büchse der Pandora geöffnet ist!

Anonymus1974

25.05.2012, 15:58 Uhr

Ich gebe Matthes recht. Die Frage ist: Wollen wir ein Vereinigtes Europa haben? Muss man dafür was geben? Ja, die nationalen Politiker. Ein Staat, ein Parlament, ein Kanzler(in)/Präsident, ein, ein, ein, Nicht soviele Politiker und Lobbyisten die viel Kosten und nichts leisten. Was kostet eigentlich dem Steuerzahler (europäischen) die ganzen Parlamente inklus. dem europäischen und die ganze Infrastruktur die dahinter steckt. Geschweige den die "gegenseitige" Hilfe zwischen Politik und Nicht marktkonforme Marktwirtschaft.

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