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24.06.2011

12:39 Uhr

Ausverkauf

Ölpreise weiter im freien Fall

Die Industriestaaten wollen den Ölpreis mit aller Macht drücken. Mit ihrer Entscheidung, die strategischen Reserven anzuzapfen, haben sie die Märkte überrascht. Ob auch die Benzinpreise sinken, ist allerdings fraglich

Staaten zapfen Öl-Reserven an

Video: Staaten zapfen Öl-Reserven an

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DüsseldorfDie Ölpreise geben nach der rasanten Talfahrt am Vortag weiter nach. Am Vormittag fiel der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Nordseesorte Brent um bis zu 1,3 Prozent auf 105,81 Dollar. Ein Barrel Rohöl der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete 90,91 Dollar. Mitte des Monats kostete Brent noch 118 Dollar, WTI gut 100 Dollar.

"Ich glaube an eine Erholung bei Rohstoffen und sehe die Lage derzeit als Kaufgelegenheit an", verriet der Fondsmanager Tetsu Emori von Astmax Co. in Tokio. Der Einbruch des Vortages sei "eine Übertreibung" gewesen.

Am Donnerstag hatten die Industriestaaten die Märkte mit der Ankündigung überrascht, ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen. Unter Federführung der Internationalen Energieagentur (IEA) werden 60 Millionen Barrel auf den Markt gebracht. Die Hälfte davon steuern die USA bei. Deutschland wirft zum ersten Mal seit sechs Jahren ein Teil seiner Reserven auf den Markt - insgesamt 4,2 Millionen Barrel. „Größere Engpässe im Ölmarkt bedrohen die ohnehin fragile weltweite Konjunkturerholung“, begründete die IEA den Schritt. Auch Japan und Südkorea kündigten an, sich an der Aktion zu beteiligen.

Die Wächter der Ölreserven

Was ist die Internationale Energieagentur?

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) ist eine Kooperationsplattform im Bereich der Erforschung, Entwicklung, Markteinführung und Anwendung von Energietechnologien.

Seit 2007 wird sie vom Japaner Nobuo Tanaka geleitet, Chef-Ökonom ist der türkische Wirtschaftswissenschaftler Fatih Birol.

Die wichtigen Publikationen der IEA, die jährlich erscheinenden "Key Energy Statistic" und der "World Energy Outlook", erfahren weltweite Aufmerksamkeit. Letzterer wird sogar als "Bibel der Energiewirtschaft" bezeichnet.

Wann wurde die Organisation gegründet?

Die Internationale Energieagentur (IEA) wurde im Jahr 1973 von 16 Industrienationen gegründet. 1974 wurde sie als autonome Einheit der OECD (Organisation for Economic Co-Operation and Development) mit Sitz in Paris eingerichtet.

Warum wurde die IEA gegründet?

Gegründet wurde die Organisation um gemeinsam gegen die damalige Ölkrise, also die starken Erhöhungen des Rohölpreises 1973, vorzugehen. Diese hatten deutliche Rezessionen in den Industrieländern ausgelöst.

Wer sind die Gründungsmitglieder?

Die 16 Gründungsmitglieder sind:

Belgien , Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Spanien, Schweden, Schweiz, Türkei und die USA.

Wieviele Mitglieder hat die IEA heute?

Mittlerweile ist die Mitgliederanzahl auf 28 angestiegen. Hinzugekommen (mit Beitrittsjahr) sind:

Griechenland (1977), Neuseeland (1977), Australien (1979), Portugal (1981), Finnland (1992), Frankreich (1992), Ungarn (1997), Tschechien (2001), Südkorea (2002), Slowakei (2007) und Polen (2008).

Sonderfall Norwegen

Norwegen (seit 1974 dabei) ist zwar im formellen Sinn kein Teilnehmerland der IEA, beteiligt sich jedoch mit wenigen Ausnahmen - wie ein Mitglied - an den Arbeiten der IEA.
Der Sonderstatus erklärt sich mit Blick auf die im Verhältnis zu anderen IEA-Teilnehmerstaaten gute Erdölausstattung, die durch eine spezifischen Interessenlage Norwegens vor allem im Zusammenhang mit notstandsbedingten Verteilungsmaßnahmen deutlich wird.

Rechte & Pflichten der Mitglieder

- Teilnahme an gemeinsamen Forschungsprogrammen

- Sicherheitsvorrat an Erdöl für 90 Tage in den einzelnen Staaten

- Erstellung von entsprechend koordinierte Notfallpläne und -mechanismen.

- Verpflichtungen zur umfassenden Datenerhebung (Energiebilanz, Forschungsausgaben der öffentlichen Hand im Energiebereich,...)

- Alle vier Jahre findet zudem eine detaillierte Überprüfungen der Energiepolitik jedes Mitgliedstaates durch die IEA statt.

Wann zapft die IEA die Reserven an?

1991 bei der "Kuwaitkrise"

1999/2000 bei der "Jahrtausendwende" (Y2K-Problem)

2011 aufgrund schrumpfender Lieferungen aus Libyen

wurden die Ölvorräte geschlossen angetastet.

Der Ölpreis war daraufhin eingebrochen. Ein Barrel der US-Sorte WTI verbilligte sich zeitweise um mehr als fünf Dollar und kostete damit erstmals seit Februar wieder weniger als 90 Dollar. Der Preis für europäisches Brent-Öl fiel um mehr als sechs Dollar. Sowohl der US-Branchenverband API als auch die Gemeinschaft Öl Exportierender Länder (Opec) kritisierten das Vorgehen der IEA.

Nach Einschätzung der Analysten der Commerzbank könnte sich die Entscheidung der Energieagentur mittelfristig allerdings als Bumerang erweisen. „Jetzt ist es fraglich, ob sich Saudi-Arabien an seine Zusage gebunden fühlt, die Ölproduktion kurzfristig auf zehn Millionen Barrel pro Tag auszuweiten“, hieß es in einem Kommentar. Die in der Opec zusammengeschlossenen Förderländer hatten sich bei ihrem Gipfel am 8. Juni nicht auf eine Erhöhung der Fördermenge einigen können. Saudi-Arabien hatte aber zugesagt, im Alleingang mehr Öl zur Verfügung zu stellen.

Kommentare (13)

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JosefSchuh

24.06.2011, 09:55 Uhr

Der sprunghafte Herr Sarkozy wollte la Grande Puissance, die französische Großmacht,spielen und dachte, daß der Gadafi gleich davonläuft. Daß jetzt sogar die Ölreserven angezapft werden müssen. verdanken wir ihm.
Veterano

frankfurter

24.06.2011, 10:23 Uhr

die durch Spekultion hochgetriebenen Rohstoffpreise zwingen den Staat einzugreifen und der freien Marktwirtschaft Grenzen zu setzen. Die weitere Verknappung wird noch erheblich strengere Maßnahmen erforderlich machen und muß notgedrungen das globalen Kapital an die Hand nehmen. Auch die nicht mehr tilgbare Verschuldung der wichtigsten Nationen muss sich notgedrungen am Markt bedienen auf Kosten der Devisenanhäufungen, die sonst das Monopoly der Weltwirtschaft zum erliegen bringen.
Wer schon einmal dieses Spiel zu Hause gespielt hat, wird selbst die Erfahrung gemacht haben, dass durch den Gewinn des Einzelnen das Spiel am Ende ist.

Account gelöscht!

24.06.2011, 10:34 Uhr

Hoffentlich führt diese Maßnahme dazu, dass sich einige unverantwortliche Spekulanten die Finger tüchtig verbrennen/verbrannt haben.

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