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16.06.2011

10:38 Uhr

Chance oder Blase?

Wenn die Rohstoffpreise verrückt spielen

VonStefan Hajek
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Der Einbruch an den Rohstoffmärkten hat viele Anleger verunsichert. War das eine gesunde Verschnaufpause auf dem Weg zu langfristig höheren Preisen? Oder ist der Preisrutsch doch Vorbote eines schlimmeren Ausverkaufs? 

Ein Bild der zerstörten Bronzestatue, die aus einem Mülheimer Park entwendet und stark beschädigt wurde. Quelle: dpa

Ein Bild der zerstörten Bronzestatue, die aus einem Mülheimer Park entwendet und stark beschädigt wurde.

DüsseldorfDie Beamten glaubten zunächst an einen Scherz. Ein Spaziergänger hatte sich bei der Polizei gemeldet. Er hatte bei seiner Tour durch einen Mülheimer Park eine leere Stelle entdeckt, an der etwas hätte stehen sollen: die 1,5 Tonnen schwere Bronze-Plastik „Der Bogenschütze“ von Herman Lickfeld. 75 Jahre hatte sie den Park verziert, bis sie diesen Mai Opfer eines dreisten Diebstahls wurde. Hier waren jedoch keine Kunsträuber am Werk; die Diebe hatten es vielmehr auf das Material abgesehen, dessen Wert die Polizei auf 4000 Euro schätzt.

Die Metalldiebe hatten aber kein glückliches Timing. Nur zwei Tage nach dem Raub brachen weltweit die Rohstoffpreise ein. Der Kupferpreis gab an nur zwei Handelstagen um sieben Prozent nach, Silber verlor in einer Woche ein Drittel seines Werts. Die Verkaufswelle erfasste die anderen Industriemetalle und den Ölhandel, den nach Volumen größten Rohstoffmarkt; der Ölpreis ging um 14 Prozent zurück. Mitte Mai verzeichneten die Händler den stärksten Einbruch der Rohstoffpreise seit der Finanzkrise im Herbst 2008.

Rohstoffe lohnen sich auf lange Sicht

Nun rätseln Investoren: War das nur die erwartbare Korrektur, nachdem die Preise zuvor heißgelaufen waren, eine gesunde Verschnaufpause auf dem Weg zu langfristig noch höheren Preisen? Oder ist der Preisrutsch doch Vorbote eines viel schlimmeren Ausverkaufs, weil die Weltkonjunktur sich überraschend stark abschwächt? 

Sechs Fakten über die Rohstoffmärkte

Viel Verbrauch...

Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2100 mehr als zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden.

...und wenig Angebot

Rohstoffe wie Öl und Gold sind nicht endlos, dementsprechend teuer werden sie, wenn das Angebot sich verknappt.

13 Prozent

beträgt aktuell Chinas Anteil an der Weltwirtschaft. Die rohstoffhungrige Volksrepublik ist auf dem besten Wege die größte Handelsnation der Welt zu werden.

40 Prozent

der weltweiten Kupfer-, Zink- und Aluminiumproduktion verbrauchen die Chinesen.

30 Prozent mehr

als vor drei Jahren kosten nach Angaben des Food Price Index der Uno unsere Nahrungsmittel weltweit im Durchschnitt.

465 Prozent Gesamtrendite

konnten Anleger mit Aktien auf Goldminen seit 2002 einfahren.

Banken verkaufen ihre Rohstofffonds und Zertifikate gerne als „no brainer“ – idiotensicher. Die Preise für Metalle, Öl, oder Weizen könnten nur steigen: anhaltend hohe Nachfrage (China!) treffe auf ein endliches und immer knapperes Angebot. Das stimmt – im Prinzip. Doch der Rohstoffcrash von Mitte Mai beweist: Rohstoffinvestments sind für Anleger langfristig aussichtsreich, aber eines sicher nicht: todsicher. Die Preise schwanken heftig; Angebot und Nachfrage sind für Privatanleger kaum realistisch einzuschätzen, die Akteure bleiben häufig im Dunkeln. Welche Rolle zum Beispiel Spekulanten spielen, ist umstritten.

Langfristiger Trend zu höheren Preisen

Verglichen etwa mit Aktienbörsen, sind die Rohstoffbörsen kleine Veranstaltungen. Die Aktienmärkte sind rund 250-mal so groß: Weltweit sind an den Börsen Unternehmen im Wert von rund 60 Billionen Dollar notiert. Das Volumen aller gehandelten Kontrakte auf die 25 wichtigsten Rohstoffe liegt dagegen bei rund 250 Milliarden Dollar. Schon vergleichsweise wenig Anlegergeld hat deshalb großen Einfluss auf die Preise – auch nach unten: „Obwohl der langfristige Trend zu höheren Preisen intakt ist, können Anleger mit Rohstoffinvestments immer mal 50 Prozent verlieren“, sagt Alfred Roelli, Leiter Anlagestrategie bei Pictet in Genf.

Der Crash im Mai erwischte auch Rohstoffprofis auf dem falschen Fuß. Der weltgrößte Rohstoffhedgefonds Clive Capital verzockte in nur zwei Tagen mehr als 400 Millionen Dollar, zehn Prozent seiner Anlegergelder; Rivale BlueGold versenkte 26 Prozent der 2,6 Milliarden Dollar, die der Fonds für reiche Privatanleger, Pensionskassen und Banken in Rohstoffe investiert.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

16.06.2011, 11:11 Uhr

schonmal etwas von giraler Geldwertschöpfung gehört?

Wenn von einer Ware (Geld) täglich mehr aus dem Nichts entsteht, so steigt auch der Wert der Rohstoffe, da das Geld wegen der Masse an Wert verliert.

Hans

16.06.2011, 14:17 Uhr

Na endlich mal wieder ein Rohstofffanatiker, der Silber bevorzugt. Ich dachte schon, die haben alle aufgegeben.

Ihr verliert wohl nie an Mut. Ich hoffe, die nächsten Jahre bekommen euch gut, denn Eure Edelmetalle werden bei einem Finanzcrash ebenso fallen wie alle übrigen Werte.

Achja, die Geldwertschöpfung. Ja, was soll damit sein?
Absolut richtig, mit welcher Logik ihr da rangeht, aber der Rohstoffmarkt wird nicht von Logik geprägt, sondern von Spekulationen. In einigen Jahrzehnten weiß kaum noch ein EU-Bürger was die Geldwertschöpfung sein soll. Wie auch in der USA wird dieses Thema zunehmend aus dem Lehrstoff verschwinden. Man muss nur aktuelle VWL-Bücher mit den alten vergleichen. Während in den alten dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet wird, bekommt es im besten Fall in den neuen lediglich eine Buchseite. Mit anderen Worten, Geldwertschöpfung wird uns noch einige Jahrzehnte begleiten. Silber zu kaufen und zu horten ist einfach zu früh.

Account gelöscht!

16.06.2011, 14:59 Uhr

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