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06.08.2014

16:23 Uhr

Chefanalyst der Bremer Landesbank

„Der Weg ist schmerzhaft, aber erfolgreich“

Wer kommt besser aus der Krise: Europa oder die USA? Für Folker Hellmeyer steht die Antwort fest. Im Interview erklärt der Volkswirt, warum er auf den Euro setzt – und welche Rolle Aristoteles dabei spielt.

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. PR

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank.

Herr Hellmeyer, für den Euro sieht es im Moment nicht gut aus. In den vergangenen Wochen ist der Wechselkurs deutlich gefallen. Warum setzen Sie immer noch auf den Euro?

Weil Europa ein sensationeller Wirtschaftsraum ist, dessen Effizienz, Innovationskraft erkennbar an Patenten pro Kopf und Infrastruktur weltweit ihresgleichen sucht. Das wird auf Dauer die Währung stützen.

Aktuell sieht es eher danach aus, dass Europa immer noch in der Krise steckt, während die Erholung in den USA deutlich weiter ist.

Das ist eine sehr kurzfristige Betrachtung. Und ich bin erstaunt, dass weder die Elite der Ökonomie in Deutschland, noch in Europa oder der Welt die Realität erkennt. Die USA führen ein Geschäftsmodell weiter, das ohne nennenswerte Strukturreformen auf Konsum und Verschuldung beruht. Damit ist die nächste Krise programmiert.

Und Europa?

Europa hat die größten Strukturreformen in der Geschichte der Industrienationen durchgeführt. Dieser Weg ist schmerzhaft, aber erfolgreich. Nur wer Strukturen verändert, verändert Konjunkturverläufe und damit auch die Haushaltslagen. Der Satz stammt von einem Ökonomen, der noch nie wiederlegt, und dennoch massiv ignoriert wurde.

Ich bin gespannt, wer das sein könnte.

Aristoteles.

Nun gut, der ist über jeden Zweifel erhaben. Aber lassen Sie uns ein wenig konkreter werden: Wie schlagen sich die Reformen in den Wirtschaftsdaten nieder?

Besonders die Länder in Südeuropa haben viel erreicht. Die Exporte wachsen, die Handels- und Leistungsbilanzen sind positiv. Ich freue mich außerordentlich über die Entwicklung des spanischen Arbeitsmarkts, der sich überraschend zügig erholt. Der Mainstream hat diese Entwicklung nicht ansatzweise prognostiziert.

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Wenn Europa so gut dastünde, warum denkt die Europäische Zentralbank dann über weitere Maßnahmen nach, die die Konjunktur stützen sollen?

Die EZB hat bereits sehr aggressive Schritte unternommen. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie einerseits die Konjunkturerholung in Europa unterschätzt, und andererseits Rücksicht auf Länder wie Frankreich und Italien nimmt.

…die mit Reformen kaum vorangekommen sind.

Hier gibt es tatsächlich noch strukturelle Defizite. Italien und Frankreich, aber auch Deutschland müssen noch mehr tun. Deutschland ist gerade dabei, seinen Vorsprung zu verspielen. Die Politik nimmt wichtige Reformen zurück. Wenn das so weitergeht, werden wir bis 2016 zu den Ländern mit dem schwächsten Wachstum in Europa zählen.

Kommentare (8)

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Herr peter Spirat

06.08.2014, 16:40 Uhr

Ein weiser und sehr wissender Mann hat uns an der Uni Vechta mal gesagt:

"Alles, was aus den USA kommt ist schlecht
bis auf Coca Cola

Aber inzwischen weiß man, dass Coca Cala auch sehr schlecht (für die Gesundheit) ist"

Herr Ossi NB

06.08.2014, 16:51 Uhr

Ach ja, der Polit-Ökonom Hellmeyer. Ich möchte mal eine Prognose von ihm hören, die tatsächlich zutrifft. Zutreffende Prognosen hatten bei ihm leider bisher Seltenheitswert. Ist eben ein Polit-Ökonom vom Typ: Es ischt alles auf gutem Wäg.

Herr Thomas Albers

06.08.2014, 16:57 Uhr

"Der Satz stammt von einem Ökonomen, der noch nie wiederlegt, und dennoch massiv ignoriert wurde."

Ich befürchte, Aristoteles Ansichten bezüglich der Ökonomik (Sklaverei, Herrschaft über Kinder und Ehefrau im Haushalt als Teil der Polis), wurden doch schon das eine oder andere mal - in der Menschheitsgeschichte - widerlegt.

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