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09.06.2017

09:23 Uhr

Devisen

Pfund setzt Talfahrt nach Wahlergebnis fort

VonMatthias Streit

Der Verlust der absoluten Mehrheit der britischen Premierministerin May hat das Pfund weiter auf Talfahrt geschickt: Der Kurs der Währung fiel gegenüber dem Euro am Freitagmorgen auf ein Sieben-Monats-Tief.

Zuletzt erreichte der Kurs bei 1,2686 US-Dollar den tiefsten Stand seit Mitte April. dpa

Britisches Pfund

Zuletzt erreichte der Kurs bei 1,2686 US-Dollar den tiefsten Stand seit Mitte April.

FrankfurtEigentlich hätte die britische Parlamentswahl erst im Jahr 2020 stattfinden sollen. Doch die Premierministerin Theresa May hatte sie vorgezogen. Damit wollte sie ihre Parlamentsmehrheit und so ihre Verhandlungsposition beim Brexit stärken. Es kam anders als gedacht. Jeremy Corbyns Labour-Partei heimste mehr stimmen ein, als den Tories lieb sein kann. Denn sie verlieren die Mehrheit. „Der harte Brexit wurde gestern abgewählt“, konstatiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Chef-Wirtschaftsberater der Allianz, Mohamed El-Erian, kommentiert: „Die Märkte stellen sich nun darauf ein, dass die Verhandlungen für den Brexit erschwert werden.“ Debattiert wird auch darüber, ob und wie lange sich Theresa May nach diesem Ergebnis als Premierministerin halten kann.

An den Märkten bekommt das die britische Währung Pfund am stärksten zu spüren. Gegenüber allen G10-Währungen, also jenen der Industrienationen, verliert es an Wert. Sowohl gegenüber dem Euro als auch gegenüber dem Dollar ist es seit den ersten Hochrechnungen gestern Abend um mehr als zwei Prozent gefallen. Zum Euro fiel es gar auf ein Sieben-Monats-Tief von 1,1312 Euro je Pfund. Bei der US-Währung erhalten Briten derzeit 1,27 Dollar für ein Pfund. Die mit dem Wahlergebnis verbundenen Unsicherheiten verheißen nichts Gutes für den weiteren Verlauf. „Wir erwarten, dass das Pfund weiter fällt“, urteilt David Zahn, Portfoliomanager beim Fondshaus Franklin Templeton.

Das sagen Börsianer und Ökonomen zur Wahl

Dennis Snower, Präsident Institut für Weltwirtschaft

„Der Wahlausgang ist auch ein Votum gegen den harten Brexit, den May lautstark propagierte, der aber nie Gegenstand des ursprünglichen Brexit-Votums war und über dessen Gewinne und Verluste May die Bevölkerung im unklaren lies. Wer auch immer Premierminister wird, sollte das britische Volk ein zweites Mal über den Brexit abstimmen lassen, wenn alle Details verhandelt und die konkreten Folgen abschätzbar sind.“

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer

„Durch die unklaren Mehrheitsverhältnisse nach den Wahlen in UK steigt die Unsicherheit für die deutsche Wirtschaft. Der Fahrplan für die Brexit-Verhandlungen ist nun Makulatur. Trotzdem sollte die Zukunft der EU-Bürger in UK einer der ersten Verhandlungspunkte sein. Unsere deutschen Unternehmen brauchen eine schnelle Einigung auf den künftigen Status der in Deutschland lebenden Briten und der in UK lebenden EU-Bürger. “

Michael Hewson, Anlagestratege CMC Markets

„Was dies für die Brexit-Verhandlungen bedeutet, lässt sich schwer abschätzen. Da aber die Schottische Nationalpartei und die Liberaldemokraten im Binnenmarkt bleiben wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es gar nicht zum Brexit kommt.“

Marcel Fratzscher, DIW-Chef

„Die Überraschung der britischen Wahlen hat Premierministerin Theresa Mays Hand in den Brexit-Verhandlungen deutlich geschwächt. Die Verluste für Theresa May sind auch eine Absage an ihre harte Haltung in den Brexit-Verhandlungen. Die Wahlen haben das Land weiter gespalten und bedeuten viel verlorene Zeit in den Brexit-Verhandlungen. (...) Großbritannien wird einen hohen wirtschaftlichen Preis für die Brexit-Entscheidung zahlen, welcher sich durch die Wahlen weiter vergrößern wird.“

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Deutsche Bank

„Theresa Mays Plan ist nicht aufgegangen: Bei hoher Beteiligung versagten ihr die britischen Wähler eine stärkere Rückendeckung für ihren harten Brexit-Kurs. Nun steht die Konservative womöglich ohne eigene Mehrheit da – wenige Tage, bevor die EU-Austrittsverhandlungen starten.“

Ric Spooner, Chef-Analyst vom Broker CMC Markets

„Zu diesem Zeitpunkt ist es völlig unklar, welche Auswirkungen das Wahlergebnis auf die Brexit-Verhandlungen haben wird. Viel wird davon abhängen, wer der neue Premierminister sein wird. Eine geringere Mehrheit der Konservativen könnte den Brexit-Hardlinern innerhalb der Regierung ein größeres Gewicht geben. Bei einer Koalitions-Regierung könnte das Gegenteil der Fall sein, das würde ein stärkeres Gewicht für moderate, globalisierungsbefürwortende Kräfte bedeuten.“

Seit dem Brexit-Votum der Briten im vergangenen Jahr wird die britische Währung heftig von erst Spekulationen über den Austritt, dann der Gewissheit und nun abermals von Spekulationen darüber, wie der Austritt erfolgt bestimmt. May hat sich für einen harten Brexit stark gemacht. Der wird unwahrscheinlicher. Unklar ist indes, welchen Kurs die Briten nun konkret verfolgen werden. „Die Marktsorgen werden sich vor allem bei den Währungen niederschlagen und zu noch mehr Schwankungen führen“, erklärt James Butterfill, Leiter der Investmentstrategie beim Fondshaus ETF Securities. Gegenüber der US-Währung könnte es gen 1,24 Dollar je Pfund gehen, schätzt er.

Die britische Wirtschaft kommt unter dem Strich auf ein Leistungsbilanzdefizit. Es werden mehr Güter in das Land ein- als ausgeführt. Je schwächer das Pfund, desto teurer wird es für die Briten. Dass der Kurs von seinem Allzeittief von 1,15 Dollar je Pfund damit noch weit entfernt ist, dürfte allenfalls ein schwacher Trost sein.

Immerhin: Im Vergleich zum Brexit-Votum im vergangen Jahr halten sich die Verluste in Grenzen. Damals brach der Währungskurs binnen eines Tages gegenüber dem Euro um knapp sechs Prozent ein. Die Verluste summierten sich innerhalb einer Woche auf rund elf Prozent.

Während das Gros der Analysten jetzt noch auf die Risiken für die Währung schaut, wagt die Commerzbank bereits einen leicht optimistischen Blick in die Zukunft. Denn auch wenn die Verhandlungen mit Brüssel nicht einfacher werden: Der harte Brexit sei zumindest abgewählt. „Trotz aller Unsicherheit herrscht zumindest Zuversicht, dass der Kollisionskurs von Theresa May gestoppt werden kann – und zwar selbst für den Fall, dass es May gelingt, eine Regierung unter konservativer Führung zu bilden“, meint Chefvolkswirt Krämer.

Eine Garantie ist das freilich nicht. Das Risiko, dass die Briten am Ende der im Frühjahr 2019 auslaufenden Austrittsverhandlungen ohne Deal dastehen, ist keineswegs gebannt. Dem Pfund steht ein Auf-und-Ab-Kurs bevor.

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