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16.01.2015

15:04 Uhr

Devisen

Wann kommt die Euro-Dollar-Parität?

Nach dem Kurseinbruch verharrt der Euro auf niedrigem Niveau. Beobachter geben der Währung nicht nur wegen dem Ausstieg der Schweizer Notenbank wenig Chancen. Bis zum Jahresende soll es einen weiteren Einbruch geben.

Quo vadis Gemeinschaftswährung? Marktbeobachter rechnen mit einer weiteren Abwertung. ap

Quo vadis Gemeinschaftswährung? Marktbeobachter rechnen mit einer weiteren Abwertung.

Nach der Abkehr vom Euro-Mindestkurs durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) setzen immer mehr Anleger auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik im Euro-Raum. Die Gemeinschaftswährung notierte mit 1,16405 Dollar am Freitag nur knapp über ihrem Elf-Jahres-Tief von 1,15675 Dollar, auf das sie am Donnerstag gefallen war.

Händler gehen davon aus, dass die SNB ihren Mindestkurs von 1,20 Franken aufgegeben hat, weil sie fest mit dem Aufkauf von Staatsanleihen (QE) durch die EZB rechnet. Die EZB entscheidet kommenden Donnerstag über ihren weiteren geldpolitischen Kurs.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Die SNB begründete ihren Schritt am Donnerstag unter anderem mit dem immer weiter fallenden Euro. Dies hätte bei einem Festhalten an dem Mindestkurs von 1,20 Franken anhaltend starke Interventionen zur Folge gehabt. Sollte die EZB am Donnerstag, tatsächlich QE ankündigen, dürfte der Euro seine Talfahrt noch einmal beschleunigen.

Zur Schweizer Währung notierte der Euro am Freitag kaum verändert bei 1,0161 Franken, nachdem er am Vortag zeitweise um 28 Prozent abgerutscht war.

SNB-Präsident Jordan

"Entscheidung konnte nicht aufgeschoben werden."

SNB-Präsident Jordan: "Entscheidung konnte nicht aufgeschoben werden."

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Devisenexperten sehen die langfristige Kursentwicklung der Gemeinschaftswährung skeptisch. „Wir halten die Euro-Dollar-Parität zwar für unwahrscheinlich, doch bei der Dynamik, die die aktuellen Entwicklungen besitzen, ist ein zeitweises Unterschreiten der Parität nicht auszuschließen“, sagt Klaus Schrüfer, Chef-Marktstratege bei Santander Asset Management. Nach seiner Prognose soll der Euro zum Jahresende bei 1,10 Dollar notieren.

Auch Ralf Müller-Rehbehn rechnet mit einer Parität zwischen Euro und Dollar. Die Ökonomie in den USA läuft deutlich besser als in Europa. „Setzt sich die Tendenz fort, wird ein Austauschverhältnis möglich, dass mit einem Dollar mehr als ein Euro gekauft werden kann“, sagt Müller-Rehbehn. „Das sehen wir noch in diesem Jahr kommen“.

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Kurzfristig dürfte es aber nicht mehr mit voller Geschwimndigkeit abwärts gehen. Immer mehr Anleger an einer kurzfristigen weiteren Abwertung des Euro. Die "One Week Risk Rewersals" - ein Barometer für das Volumen von Wetten auf einen Kursverfall - fielen am Freitag auf ein Zwei-Jahres-Tief von minus 2,04 Punkten. Anfang der Woche hatte es noch bei minus 0,6 Zählern gelegen. Das bedeutet, dass mehr Investoren auf einen Kursanstieg setzen als auf einen Kursverfall. "Das deutet daraufhin, dass es ein Überraschungsmoment gibt und die Leute vorsichtig sind", sagte ein Börsianer.

Die überwiegende Mehrheit der Anleger rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag das sogenannte Quantitative Easing (QE) ankündigt. Damit soll die drohende Deflation, eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen, abgewendet werden. Angesichts dieser hohen Erwartungen ist auch das Enttäuschungspotenzial groß, sollten die Währungshüter zum Beispiel wegen der Griechenland-Wahl ihre Entscheidung verschieben oder das Volumen der Wertpapierkäufe geringer ausfallen als gedacht. Der Euro hat wegen der QE-Spekulation seit vergangenem Sommer zum Dollar rund 15 Prozent an Wert eingebüßt und fiel am Vortag auf ein Elf-Jahres-Tief von 1,5675 Dollar.

Von

rtr

Kommentare (8)

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Herr Peter Noack

16.01.2015, 09:34 Uhr

Sind die Medien so? Ja die sind so!

"Wann kommt die Euro-Dollar Parität?"

Wann steht das Öl wieder bei 100 Dollar je Fass?

Wann steigt die Inflation wieder über 3 oder auch
5 Prozent?

Das alles bei Rezession und zinslos?

Wird auf die Fragen eine Antwort gegeben? Das Medium gibt keine Antwort, sondern lässt Müller-Rehbein sprechen, der noch 2015 den Dollar über dem Euro sieht.
Was hätte das für wirtschaftliche Folgen? Keine Antwort. Wer ist Müller-Rehbein? Der ist Ökonom. Da bin ich aber froh, dass ich kein Ökonom bin!

Herr Joachim Buch

16.01.2015, 10:49 Uhr

Allerdings - ein Geschwafel und Geschwalle, das kein Mensch mehr hören will. Was sich in letzter Zeit, insbesondere seit der Dauer-Euro-Krise alles Ökonom nennt und nennen darf, das ist einfach unglaublich. Und dann kommt wieder einer dieser Glaskugeldeuter dahergeschlichen, sondert irgendwas ab und diese Ausdünstungen werden von den Medien unhinterfragt und bewertungsfrei veröffentlicht. Es ist - böse gesprochen - Buchstabensuppe "Fisch’ Dir das raus, was Du meinst, brauchen zu können."
Müller-Rehbein? Nie gehört.
Auch sonst staunt man immer wieder: Marcel Fratzscher (DIW), auch so ein "Ökonom" trullert auch ab und an was in die Mikrofone. Liest man aber dessen Werdegang, sieht man, daß der Herr - wie die meisten der "Ökonomen", "Wirtschaftsweisen" und was sonst noch so an Titeln kreucht und fleucht - noch NIE in seinem ganzen Leben etwas Anständiges gearbeitet hat. In der Wirtschaft, über die sie ja auch so viel Ahnung haben, waren sie nur zu einem Bruchteil jemals tätig. Es sind so gesehen lauter Eunuchen.
Wenn man dann noch berücksichtigt, daß gerade Typen wie Fratzscher zu allem Überfluß die Einflüsterer unserer "Polit-Profis" sind, dann wird es einem blümerant.

Herr Helmut Paulsen

16.01.2015, 10:51 Uhr


Der niedrige Ölpreis soll Russland wirtschaftlich kaputt machen.

Der niedrige EURO - mit negativem Ausblick - soll Geld an die New Yorker Aktienmärkte pumpen.

Alles so offensichtlich und PRIMITIV.

Europa wird ausgequetscht finanziell - und Russland trocken gelegt. "Gut", wenn man solche "Freunde" hat als Geld-Welt-Elite" ! ;-(

ABRISS_BIRNE Deutschland und Europa das ist die Aufgabe von EU und Merkel. Ferngesteuertes "Freiland-Gefängnis".

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