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06.07.2015

12:39 Uhr

Devisenmarkt

„Grexit könnte Euro-Zone sogar stärken“

An Griechenland-Schocks habe sich der Devisenmarkt bereits gewöhnt, kommentieren Experten. Ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone gilt zudem nicht mehr als Schreckgespenst, ein Crash des Euro wird nicht erwartet.

Die Europäische Zentralbank hat den Euro-Referenzkurs am Freitagmittag auf 1,1096 Dollar festgesetzt. dpa

Dollar und Euro

Die Europäische Zentralbank hat den Euro-Referenzkurs am Freitagmittag auf 1,1096 Dollar festgesetzt.

Frankfurt/BerlinGroßanleger sehen im möglichen Euro-Abschied Griechenlands eher eine Stärkung der Gemeinschaftswährung. „Es ist erstaunlich, wie unglaublich stabil der Euro ist“, sagte der Leiter Investmentstrategie von Sal. Oppenheim, Lars Edler, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. „Es ist kein Crash zu sehen. Das ist ein Zeichen der Stärke“, sagte er mit Blick auf den nur geringen Kursverlust nach dem „Nein“ im Griechenland-Referendum.

Der Markt sehe Griechenland inzwischen nicht mehr als Spielverderber für den Euro. „Ein Grexit könnte die Euro-Zone sogar eher stärken“, sagte Edler, der über die Anlage von rund 46 Milliarden Euro maßgeblich entscheidet. „Dieses Gefühl vermittelt der Markt.“

Bei Allianz Global Investors – die weltweit mehr als 450 Milliarden Euro verwalten – wird das ganz ähnlich gesehen. „Jenseits der unvermeidlichen Schwankungen in den kommenden Wochen sind wir der Ansicht, dass sich die Ereignisse im Laufe der Zeit als heilsam erweisen und Euro wie EU stärken könnten“, erklärte ein Allianz-Kapitalmarktstratege.

Der Eurokurs lag zuletzt bei knapp 1,11 Dollar. Trotz der eskalierenden Griechenland-Krise hat er in den vergangenen drei Monaten sogar leicht zugelegt, obwohl ein Grexit immer wahrscheinlicher wird. 2012 sei dies noch ganz anders beurteilt worden, sagte Oppenheim-Stratege Edler: „Damals hieß es: 'Wenn Griechenland geht, bricht der Euro zusammen.' Das ist überhaupt nicht mehr die Wahrnehmung.“

Brüssel müsse nun aber auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, damit die Ansteckung anderer Euro-Länder verhindert werde. Sein Haus kauft derzeit europäische Aktien. „Wir haben die Chance für Zukäufe genutzt, nachdem der Markt so kräftig nach unten gegangen ist“, sagte Edler.

„Wir erwarten zwar eine sehr volatile Woche, an deren Ende nicht unbedingt ein Gewinn steht. Aber auf Sicht von mehreren Wochen sollten sich das auszahlen.“ Europäische Aktien seien etwa im Vergleich zu US-Aktien attraktiver. „In einer Phase mit dermaßen niedrigen Zinsen sind sie fast schon alternativlos“, sagte der Investmentstratege. „Viele Investoren haben Anlagedruck. Das stabilisiert den Aktienmarkt.“

Der Euro im Vergleich zu anderen Währungen 2014

Dollar

-11,47 Prozent

Der Euro hat gegenüber dem Dollar deutlich an Boden verloren. Die Wirtschaft der USA brummt und hängt die Konjunktur der Euro-Zone deutlich ab.

Yen

+ 1,26 Prozent

Gegenüber dem Yen hat der Euro zugelegt. Die Bank of Japan flutet den Markt derzeit mit Geld, um die eigene Währung zu schwächen und die Wirtschaft anzukurbeln.

Pfund

- 5,77 Prozent

Brasilianischer Real

- 0,09 Prozent

Australischer Dollar

- 3,44 Prozent

Kanadischer Dollar

- 3,33 Prozent

Norwegische Krone

+ 8,94 Prozent

Schwedische Krone

+ 7,18 Prozent

Schweizer Franken

- 1,95 Prozent

Türkische Lira

- 4,2 Prozent

Rubel

+ 49,47 Prozent

Quelle: Bloomberg

Gefahren sieht Oppenheim derzeit von Hedgefonds ausgehen. „Das größte Risiko für den Aktienmarkt sehen wir, wenn systemrelevante Hedgefonds in Griechenland zu stark ins Risiko gegangen sind“, sagte Edler. „Bricht ein Hedgefonds zusammen, kann das Schockwellen ins Finanzsystem aussenden.“

Der Euro hatte am Montag wegen des griechischen „Nein“ zwar moderat unter Druck gestanden. Zwischenzeitlich deutliche Verluste wurden aber schnell und fast vollständig wettgemacht. Am Morgen kostete die Gemeinschaftswährung 1,1055 US-Dollar, nachdem sie im asiatischen Handel bis auf 1,0970 Dollar abgerutscht war. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Freitagmittag auf 1,1096 Dollar festgesetzt.

Das „Nein“ der griechischen Bevölkerung zu Spar- und Reformvorschlägen der Gläubiger Athens am Sonntag lastete zunächst sichtbar auf der Gemeinschaftswährung. Wie schon in den vergangenen Wochen hielt die Belastung aber nicht lange an. „Der Devisenmarkt gewöhnt sich an Griechenland-Schocks“, kommentierte Experte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Auftrieb erhielt der Euro durch den überraschenden Rücktritt des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis, der im Kreis der Euro-Finanzminister als isoliert gilt.

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