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01.03.2012

08:29 Uhr

Devisenreserven

China schmilzt Dollar-Reserven ab

VonFinn Mayer-Kuckuk

Das Reich der Mitte hält die größten Devisenreserven der Welt, die zum größten Teil in US-Staatsanleihen investiert sind. Doch die Dollar-Papiere sind den Chinesen suspekt geworden - sie schichten in andere Anlagen um.

Den Chinesen sind die Dollar-Papiere suspekt geworden. ap

Den Chinesen sind die Dollar-Papiere suspekt geworden.

PekingDer chinesische Staat hat im vergangenen Jahr erstmals seine Bestände an amerikanischen Staatsanleihen abgebaut. Nach Zahlen des US-Finanzministeriums besaß China Ende Dezember US-Schuldpapiere im Wert von 1,15 Billionen Dollar. Ein Jahr zuvor waren es noch 1,2 Billionen Dollar. Experten sehen darin den Beginn eines Trends zum Abbau der Reserven, deren Höhe Peking zunehmend als Risiko empfindet.

Von 2007 bis Mitte vergangenen Jahres hatten sich die chinesischen Bestände an Dollar-Investments verdoppelt. Wenn eine Zentralbank große Summen sicher anlegen will, kauft sie meist Staatsanleihen. Amerikanische Papiere gelten hier nach wie vor als gute Möglichkeit der Geldanlage: Sie sind sehr liquide, und ein Zahlungsausfall der USA ist praktisch nicht zu erwarten.

Doch infolge der Krise liegt die Verzinsung der Papiere sehr niedrig. Dazu kommt, dass China befürchtet, dass die USA sich ihrer Schulden mittelfristig durch Inflation entledigen. Beides zusammen bedeutet, dass die so genannten Treasuries zwar dem Namen nach sicher sind, von der Kaufkraft her aber an Wert verlieren könnten.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

Gegenseitige Abhängigkeit

China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

Ausfuhren gestiegen

Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.

Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.

Weltgrößte Devisenreserven

Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.

Negative Leistungsbilanz

Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).

Schlechter Marktzugang

Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.

Urheberrechte verletzt

Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.

Zögerliche Investitionen

Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.

China schichtet daher bereits seit Jahren systematisch in andere Anlageformen um. Über einen Staatsfonds, die China Investment Corporation (CIC) investiert das Land beispielsweise in Aktien und Direktbeteiligungen an Firmen. Auch Geldanlagen im japanischen oder koreanischen Währungsraum hat das Land ausgebaut. "Diversifizierung ist zum Grundprinzip geworden", sagt Ökonom Yu Yongding von der Chinese Academy of Social Scienes (CASS). "Ich glaube nicht, dass US-Treasuries mittel- bis langfristig sicher sind."

Auch europäische Papiere sind gefragt und machen bereits geschätzte 35 Prozent des chinesischen Devisenschatzes aus. Doch China legt das Volksvermögen nur in Anleihen höchster Bonität an - beispielsweise in deutsche Staatsanleihen. Falls der Euro auseinanderbricht, behalten sie auch in der neuen Währung ihren Wert.

Weniger gefragt sind dagegen Anleihen südoeuropäischer Krisenstaaten oder die Emissionen der Rettungsfonds ESFS und ESM. Hier will sich China lieber zusammen mit anderen Schwellenländern über Mechanismen des Internationalen Währungsfonds engagieren.

Chinas große Devisenreserven kommen von Exportüberschüssen her, die sich wegen Devisenkontrollen nicht durch höheren Wechselkursen ausgleichen. Peking plant deshalb auch, auf einen ausgeglicheneren Handel hinzuarbeiten und künftig mehr ausländische Waren für den Verbrauch im Inland einzuführen. Auch das dient dem Abbau der Reserven.

Kommentare (1)

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TOMAS

01.03.2012, 12:09 Uhr

"Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro)."? Das stimmt nicht. S. z. B.: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2001rank.html?countryName=China&countryCode=ch®ionCode=eas&rank=3#ch

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