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23.11.2015

21:14 Uhr

Dieselgate und die Folgen

Platinpreis findet keinen Halt

VonJürgen Röder, Regine Palm

Vor einigen Wochen bestand Hoffnung, dass der Platin-Crash ein Ende findet. Doch neue Enthüllungen im VW-Skandal sorgten für einen weiteren Verfall. Dabei sieht es für das Edelmetall eigentlich gar nicht so schlecht aus.

Nicht nur Volkswagen und seine Zulieferer belastet der Abgasskandal. Auch dem Platinpreis setzt er zu. dpa

Die folgen eines Skandals

Nicht nur Volkswagen und seine Zulieferer belastet der Abgasskandal. Auch dem Platinpreis setzt er zu.

In den vergangenen Tage wurde die Rohstoffmärkte ordentlich gebeutelt. Längst gilt das nicht mehr nur für Öl. Besonders stark hat es auch Platin getroffen. In den vergangenen sechs Monaten hat das Edelmetall mehr als 25 Prozent an Wert verloren. Der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) fiel von 1.150 US-Dollar Ende Juni 2015 auf mittlerweile unter 850 Dollar. So tief notierte der Preis für eine Unze zuletzt Ende 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Platin im Negativsog der Rohstoffmärkte? Das ist durchaus vorstellbar: „Insbesondere die wachstumsabhängigen Energie- und Industriemetallsektoren waren die Hauptleidtragenden in der vergangenen Woche“, sagt etwa Ole Hansen, Rohstoffexperte bei der Saxo Bank. Doch bei genauerem Hinsehen kristalliert sich eine weitere Ursache als treibende Kraftheraus: Der VW-Dieselgate.

Denn ein Hintergrund für den erneuten Preisverfall ist auch die Tatsache, dass immer mehr Fahrzeuge vom VW-Abgasskandal betroffen sind. Darunter befinden sich neuerdings auch großmotorige drei Liter V6-Antriebe, was Volkswagen vorher immer dementiert hatte.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Platin wird für Dieselmotoren benötigt, da diese wegen ihrer Verbrennungstemperaturen einen besonders „edlen“ Katalysator brauchen. Als einziger Ersatzstoff käme hier Palladium in Betracht. Doch in einem Dieselmotor wäre zwei bis drei Mal so viel Palladium wie Platin notwendig. Aus diesem Grund wird Palladium fast nur für Benzinmotoren mit höherer Temperatur verwendet.

In Europa waren im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der zugelassenen Autos Dieselfahrzeuge. Kein Wunder also, dass die Abgaskrise auf den Preis von Platin durchschlägt. Laut Statista waren die beliebtesten Marken für Dieselautos neben Volkswagen die Marken BMW und Audi. So hatte sich der Platin-Preis bereits wieder im Oktober auf über 1.000 Dollar erholt.

Dann kam der erneute Absturz. „Der Markt ist vorsichtig und reagiert auf kleinste Veränderungen der Nachrichtenlage“, heißt es beim Hanauer Technologie- und Edelmetallkonzern Heraeus. „Der Emissions-Skandal sowie das daraus resultierende fehlende Vertrauen in Dieselfahrzeuge gehörten auch in der vergangenen Berichtsperiode unverändert zu den Topthemen“, schreiben die Experten in ihrem Marktbericht.

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