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14.11.2017

11:12 Uhr

Digitalwährung

Der Bruderkrieg im Bitcoin-Lager

VonFelix Holtermann

Es ist paradox: Die Finanzwelt beobachtet die Digitalwährung Bitcoin mit wachsender Neugier. Die Gemeinschaft der Anhänger aber versinkt in einem bizarren Bruderkrieg. Der könnte die erreichten Erfolge zunichtemachen.

Bitcoin: Warum die Kryptowährung abgestürzt ist Reuters

Symbolische Bitcoin-Münze

Die Digitalwährung ist für ihre Kursturbulenzen berüchtigt.

DüsseldorfWas ist da los bei Bitcoin und Co.? Über Wochen war es für die Digitalwährung langsam, aber stetig bergauf gegangen. Ende September notierte die wichtigste Kryptowährung noch bei gut 3.500 Dollar, Anfang November hatte sie die 7.000-Dollar-Marke geknackt. Dieser Trend ist jetzt vorbei.

Seit der Kurs am Mittwochabend sein bisheriges Rekordhoch von über 7.800 Dollar erreicht hatte, ging es in immer neuen Schüben abwärts. Am Sonntagmorgen hatte der Kurs mit unter 5.700 Dollar seinen jüngsten Tiefpunkt erreicht, stieg anschließend wieder, nur um in der Nacht ähnlich tief zu landen. Am Montagabend notierte er etwas höher bei rund 6.500 Dollar.

Hintergrund der in der jüngeren Geschichte der Währung beispiellosen Berg- und Talfahrt ist ein bizarrer Bruderkrieg im Bitcoin-Lager. Dieser droht, die bisher erreichten Erfolge zunichtezumachen. Gegenüber stehen sich die Anhänger des Bitcoin und der Abspaltung Bitcoin Cash, die rasant an Boden gewinnt.

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird „peer-to-peer“ gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte – die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten „White Paper“, dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem „permissionless“, können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem „trustless“: Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei „ein Spekulationsobjekt“, dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. „Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren.“

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert – für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

In weniger als 60 Stunden stieg ihr Preis von 637 US-Dollar auf bis zu 2.500 US-Dollar am Sonntagmorgen, bevor es wieder abwärts ging. Kurzzeitig war es für die Produzenten (Miner genannt) profitabler, das Bitcoin-Cash-Netzwerk zu pflegen als das mehr als dreimal so große Bitcoin-Netzwerk. Viele leiteten Rechenleistung um, was Bitcoin Cash nach Ethereum zur drittgrößten Kryptowährung katapultierte. Beim Bitcoin-Original warteten zwischenzeitlich über 170.000 Überweisungen auf ihre Bearbeitung. Der Kurs schwankt weiter, die Gemeinschaft ergeht sich in Schuldzuweisungen.

Ausgangspunkt des Schismas ist die Frage, wie viel Reform der Bitcoin-Programmcode verträgt, um mit der wachsenden Nutzerzahl klarzukommen, oder, wie eng sich die heutige Szene an die 2008 vorgestellte Offenbarung der Krypto-Gemeinschaft halten sollte: das „White Paper“ des ominösen Satoshi Nakamoto. In diesem hatten der oder die unbekannten Erfinder die Idee einer Internetwährung entwickelt, die unabhängig von Banken und Zentralbanken funktioniert – dank einer weltweiten, verteilten Datenbank, der Blockchain.

Digitalwährung: Warum der Bitcoin abgestürzt ist

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Der Bitcoin ist berüchtigt für Kursturbulenzen. In den vergangenen zwei Tagen fiel er besonders stark, um Hunderte Dollar binnen Stunden. Das hat Gründe: Die Warnung der deutschen Aufsicht ist noch das geringste Problem.

Die Idee war gut, das System aber ist an seine Kapazitätsgrenzen geraten: Die Blockchain speichert rund sieben Transaktionen pro Sekunde – viel zu wenig für die vielen neuen Nutzer. Teilweise dauert es Stunden, bis eine Überweisung ausgeführt wird, auch die Kosten sind gestiegen. „Tatsächlich besteht eines der Hauptprobleme des Bitcoins darin, dass er nicht richtig skaliert wird, jetzt, da immer mehr Benutzer ihn verwenden“, sagt Daniele Bianchi, Kryptowährungs-Forscherin an der britischen Elite-Universität Warwick. „Dies macht Transaktionen langsamer und langsamer, da die Blockgröße festgelegt ist.“ All das unterminiert die Vorteile gegenüber anderen Zahlungsmitteln.

Eigentlich hatte sich die Gemeinschaft bereits im Juli auf eine Lösung verständigt, die bis November umgesetzt werden sollte: eine Programmcode-Reform mit dem kryptischen Namen Segwit2x. Zahlungen werden damit zum einen effizienter gespeichert, zum anderen sollte die Größe eines Informationsblocks, in dem Transaktionen und andere Änderungen im Netzwerk gespeichert sind, von einem auf zwei Megabyte steigen. „Das ist eine große Erleichterung“, urteilte noch im Juli Ingo Fiedler, der an der Universität Hamburg zu Kryptowährungen forscht, gegenüber dem Handelsblatt. Die Gebühren sollten sinken, Überweisungen beschleunigt werden. Alles Schnee von gestern.

Zustimmung zu Code-Reform: Die Bitcoin-Spaltung ist abgewehrt – vorerst

Zustimmung zu Code-Reform

Die Bitcoin-Spaltung ist abgewehrt – vorerst

Die drohende Spaltung des Bitcoins ist vorerst aufgehalten. Die Gemeinschaft der Produzenten hat eine Reform des Programmcodes genehmigt. Die Nutzer atmen auf. Doch der Kampf um die Zukunft der Währung hat erst begonnen.

Segwit2x ist am Mittwoch abgesagt worden, zumindest was den wichtigeren Teil betrifft, die Erhöhung der Blockgröße. Die Reform war in der Szene extrem umstritten, ihre erzwungene Einführung hätte zu einer erneuten Spaltung des Bitcoin (einer sogenannten hard fork) führen können. Auch aufgrund dieses Widerstands haben die Macher hinter Segwit2x die Reform abgesagt. Profitiert hat davon eine Abspaltung des Bitcoins, Bitcoin Cash, gestartet am 1. August.

Dieser hat den wichtigsten Kritikpunkt aufgegriffen. Bitcoin Cash wirbt mit großen Informations-Blöcken, also mit viel Platz für neue Überweisungsaufträge: Die Blöcke sind derzeit acht Megabyte groß, könnten noch weiter erhöht werden. Wie die Branchenseite BTC-Echo meldet, senkt das die Transaktionsgebühren massiv: Bitcoin weist demnach aktuell eine durchschnittliche Transaktionsgebühr von über zehn US-Dollar auf, bei Bitcoin-Cash liegen die Kosten bei 20 Cent.

Kommentare (7)

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Herr Helmut Metz

14.11.2017, 13:09 Uhr

Vor einigen Tagen habe ich zu Bitcoins hier geschrieben:
"Bei einem freien Wettbewerb der Währungen wird sich jedoch früher oder später das BESTE Tauschmittel durchsetzen (vielleicht auch mehrere), genauer: das Tauschmittel mit dem höchsten GRENZNUTZEN.
Und jetzt schreibe ich hier mal, wo Bitcoins (mittlerweile) einen Nachteil gegenüber Online-Bezahldiensten von Banken haben: in der Anfangszeit konnte man mit Bitcoins beispielsweise einen Kaffee kaufen (wenn der Tauschpartner Bitcoins akzeptierte). Das kann man natürlich auch heute noch, nur sind die TRANSAKTIONSKOSTEN bei Bitcoins mittlerweile explodiert. Wenn Sie heute Ihren Kaffee mit Bitcoins bezahlen, dann kostet Sie der Kaffee statt beispielsweise €1,50 letztendlich sogar das dreifache.
Die Ökonomen sagen dazu: für Mikrozahlungen nimmt der GRENZNUTZEN von Bitcoins besonders schnell ab.
Dagegen sind die Online-Bezahldienste der Banken hier wesentlich günstiger (d.h. deren Grenznutzen nimmt weniger schnell ab).
Im freien Wettbewerb der Kryptowährungen gibt es allerdings auch hier schon heute Alternativen zu Bitcoins, deren Transaktionskosten wesentlich geringer sind."
http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/ueber-100-millionen-euro-sparkassen-wollen-paydirekt-anschieben/v_detail_tab_comments/20551538.html

Der letzte Satz ist der entscheidende: wir erleben bei den Kryptowährungen einen FREIEN - d.h. eben NICHT von den Zentralbanken manipulierten!! - WETTBEWERB. Früher oder später wird sich also die BESTE (evtl. auch mehrere) Kryptowährung durchsetzen.
Was heißt nun "beste" genau?? Die Erklärung dazu liefert NUR die Geldtheorie der österreichischen Schule, und hier kann man wunderbar erkennen, was für ein ökonomisches JAHRTAUSENDGENIE Carl Menger war: unmanipuliert wird sich auf dem freien Markt die Währung mit dem HÖHEREN GRENZNUTZEN durchsetzen.

Herr Helmut Metz

14.11.2017, 13:10 Uhr

(Fortsetzung)

Und welchen höheren Grenznutzen bietet nun etwa Bitcoin-Cash gegenüber Bitcoin? Lesen wir dazu in Wikipedia:
"Der Erfinder und ursprüngliche Hauptentwickler von Bitcoin Satoshi Nakamoto hat 2010 ein Blockgrößen-Limit von 1 MB in die Referenzimplementierung eingebaut. Es beschränkt die Anzahl der Transaktionen auf ca. sieben Transaktionen pro Sekunde. Zur damaligen Zeit war Bitcoin kaum verbreitet, so dass die Anzahl der Transaktionen weit unterhalb des Limits lag. Das Limit wurde eingebaut, um mögliche Angriffe auf das Netzwerk mit übermäßig großen Blöcken zu verhindern. (...)
Die Skalierbarkeit von Bitcoin und die eventuelle Erhöhung des Blockgrößen-Limits werden seit spätestens 2013 diskutiert. Das Entwicklerteam der Referenzimplementierung Bitcoin Core hat eine Erhöhung des Blockgrößen-Limits abgelehnt und bevorzugte stattdessen „Off-Chain“-Lösungen. Mittlerweile war das Transaktionsaufkommen um ein vielfaches im Vergleich zu den Anfängen von Bitcoin gestiegen. Die Blockgröße wurde zu Stoßzeiten bis auf das Limit von 1 MB ausgereizt. Dies führte zu höheren Transaktionsgebühren, längeren Wartezeiten für Zahlungen und verärgerte dadurch einige Benutzer. Der Stau an unbestätigten Transaktionen ist durch die Größe des Mempools erkennbar."
https://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin_Cash

Bitcoin-Cash bietet also gegenüber Bitcoin eine TAUSCHERLEICHERTUNG (schnellere Transaktionen) und HÖHERE ABSATZFÄHIGKEIT - gerade bei Mikrozahlungen (siehe oben). Wenn etwa ein Kaffee wegen der explodierten Transaktionsgebühren mit Bitcoins statt €1,50 letztlich ein Mehrfaches kostet, mit (u.a.) Bitcoin-Cash jedoch nicht, dann hat eben Bitcoin-Cash hier den höheren Grenznutzen.

Herr Heinz Keizer

14.11.2017, 13:44 Uhr

Welche Erfolge? Das ist reine Spekulation und völlig unseriös.

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