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28.12.2011

14:40 Uhr

Drohung aus Teheran

Experten halten die Auswirkung auf den Ölpreis für beherrschbar

Der Iran verschärft seine Drohung: Die Blockade des Persischen Golfs sei „leichter, als ein Glas Wasser zu trinken“, hieß es von Militärs. Investoren fürchten Folgen für den Ölmarkt - doch Experten geben Entwarnung.

Jahresendrally beim Öl statt beim Dax

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Singapur/Frankfurt/DüsseldorfDie Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, hält eine mögliche Blockade der strategisch bedeutenden Straße von Hormus durch den Iran für beherrschbar. Sollte es wirklich zu einer kompletten Schließung dieser wichtigen Handelsroute kommen, falle zwar ein wichtiger Transportweg weg, sagte Kemfert Handelsblatt Online. Doch: „Dies würde nicht sofort zu Engpässen führen, da teilweise auf alternative Transportrouten ausgewichen werden kann und es ein Überangebot an Öl auf dem internationalen Markt gibt.“

Am Mittwochmorgen hatte der Iran seine Drohung einer Öl-Blockade bekräftigt. Die Schließung des Golfs für Öltransporte sei kein Problem, sagte der Chef der iranischen Kriegsmarine, Habibollah Sajjari, im staatlichen Fernsehen. Es sei „leichter, als ein Glas Wasser zu trinken.“ Derzeit gebe es dafür aber keine Notwendigkeit, denn der Iran habe das Meeresgebiet unter Kontrolle und könne den Transit überwachen.

Bereits am Vortag hatte der Iran im Atomstreit mit der Sperrung der weltweit wichtigsten Ölhandelsroute gedroht. Vize-Präsident Mohammed Resa Rahimi sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Irna, „nicht ein Tropfen Öl“ werde die Straße von Hormus passieren, sollte der Westen Sanktionen gegen die Ölexporte seines Landes verhängen. Man habe kein Interesse an Animositäten und Feindschaft. „Aber der Westen wird mit seinen Intrigen nicht aufhören“, fügte er hinzu. Deshalb sei eine harte Antwort nötig.

Der Öl-Preis reagierte auf die Drohung umgehend mit Aufschlägen. Auch am Mittwoch hielt die Furcht der Anleger vor Versorgungsengpässen den Ölpreis hoch. Die Sorten Brent und WTI kosteten 108,64 beziehungsweise 101,08 Dollar je Barrel.

Die schnelle Reaktion der Märkte sei wenig überraschend, erklärte DIW-Expertin Kemfert. Der Ölpreis reagiere erfahrungsgemäß „sehr sensibel“ auf derlei Androhungen, wie der aus Teheran, sagte sie. Ein kurzfristiger Ölpreisanstieg sei aber verkraftbar. Dessen ungeachtet sei die Straße von Hormus eine „wichtige Handelsstraße für den Öltransport“, betonte die Ökonomin. „Knapp 20 Prozent der heutigen weltweiten Ölförderung werden durch diese Handelsstraße transportiert“, sagte Kemfert.

Deutschlands Ölreserven

Wie groß sind die deutschen Ölreserven?

Insgesamt 21 Millionen Tonnen. Davon sind zehn Millionen fertige Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl. Der Rest ist Rohöl. Die Menge reicht aus, um Deutschland im Falle eines kompletten Lieferausfalls für mindestens 90 Tage zu versorgen. Zuständig für die Verwaltung ist der Erdölbevorratungsverband. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist dem Wirtschaftsministerium unterstellt.

Wo werden die Reserven gelagert?

Benzin und die anderen fertigen Produkte werden an 160 Standorten gelagert, die über ganz Deutschland verteilt sind. Der Erdölbevorratungsverband hat dazu Tanklager der großen Mineralölkonzerne angemietet. Das Rohöl wird in unterirdischen Hohlräumen gelagert, meist ehemaligen Salzstöcken. 60 Prozent gehören dem Verband, der Rest ist ebenfalls angemietet.

Wer finanziert den Erdölbevorratungsverband?

Die rund 120 Mitglieder. Raffinerien und Ölhändler müssen eine Zwangsabgabe zahlen, mit denen sich der Verband mit seinen 70 Mitarbeitern an den Standorten Hamburg und Bremerhaven finanziert. Das meiste Geld stammt von großen Raffineriebetreibern wie BP, Shell und Esso.

Wie wird das Öl auf den Markt geworfen?

Der Verband bietet das Öl zunächst seinen Mitgliedern an, die ein Vorkaufsrecht genießen. Was von ihnen nicht abgenommen wird, landet auf dem freien Markt. Die jetzt freigegebenen 4,2 Millionen Barrel werden in vier Tranchen angeboten. Der Preis orientiert sich an den jeweiligen Weltmarktpreisen.

Wird der Verkauf zum Verlustgeschäft?

Nein. Der Verband hat seit seiner Gründung 1978 - damals in Reaktion auf die zweite Ölkrise - viele Jahre Gelegenheit gehabt, sich zu günstigen Konditionen am Markt einzudecken. Ende der 90er Jahre war ein Barrel zeitweise für weniger als zehn Dollar zu haben, heute wird dafür das Zehnfache verlangt.

Wie oft wurden die Reserven schon angezapft?

Die Premiere gab es 1990, als nach dem Angriff des Irak auf das erdölreiche Kuwait die Sorge vor Lieferengpässen umging. Es dauerte 15 Jahre, ehe zum zweiten Mal auf die Reserven zurückgegriffen wurde. 2005 sorgte der Hurrikan Katrina im Golf von Mexiko dafür, dass die dortige Ölproduktion zum Erliegen kam. 500.000 Tonnen bot Deutschland damals an, um Engpässen vorzubeugen. Zuletzt wurden Ölreserven 2011 wegen des Libyenkrieges und der ausfallenden Ölproduktion des Landes freigegeben.

Die USA zeigen sich unbeeindruckt von iranischen Drohungen. Die Aussagen aus Teheran seien „nur ein weiterer Versuch, die Aufmerksamkeit von den wirklichen Themen abzulenken“, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums in Washington. Komme der Iran seinen internationalen Verpflichtung mit Blick auf sein Atomprogramm weiter nicht nach, drohten neue Sanktionen. Füge sich Teheran jedoch, könne eine engere Zusammenarbeit mit dem Westen folgen. Das sei die Doppelstrategie, die Washington weiterhin verfolge.

Der Westen verdächtigt die iranische Regierung, unter dem Deckmantel eines zivilen Nuklearprogramms heimlich am Bau von Atomwaffen zu arbeiten. Israel und die USA haben deshalb auch Militärschläge gegen iranische Atomanlagen nicht ausgeschlossen. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hatte in ihrem jüngsten Bericht Hinweise auf ein solches militärisches Atomprogramm dokumentiert. Daraufhin hatten die USA und die Europäische Union ihre Sanktionen gegen den Iran bereits verschärft. Die EU plant darüber hinaus weitere Strafmaßnahmen. Seit längerem ist auch ein Öleinfuhrverbot im Gespräch.

Die Straße von Hormus ist eine Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs. Über die 6,4 Kilometer breite Wasserstraße zwischen Oman und dem Iran wird nahezu der gesamte Ölexport Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits, des Irak und des Iran abgewickelt - nach US-Angaben etwa ein Drittel des weltweit verschifften Öls. Zudem liefert Katar sein Flüssiggas fast ausschließlich über die Meerenge. In der Region kreuzen Kriegsschiffe der USA. Seit Samstag hält die iranische Marine dort auch Übungen ab.

Alternative Routen für die Öllieferungen aus der arabischen Welt könnten nicht von heute auf morgen gefunden werden, betonte Rohstoff-Experte Greg Smith von Global Commodities. Am Wochenende hatten iranische Streitkräfte ein großangelegtes Manöver in dem Seegebiet begonnen.

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

28.12.2011, 11:18 Uhr

Über die 6,4 Kilometer breite Wasserstraße zwischen Oman und dem Iran wird nahezu der gesamte Ölexport Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits, des Irak und des Iran abgewickelt - nach US-Angaben etwa ein Drittel des weltweit verschifften Öls. Zudem liefert Katar sein Flüssiggas fast ausschließlich über die Meerenge.

Über die konsequenzen die eine solche blokade hätte dürfte damit klarheit herrschen und die,die einen Militärschlag gegen den Iran unterstützen , sind nicht nur Politisch zu uterschätzen !

zarakthuul

28.12.2011, 11:45 Uhr

Kümmert sich denn niemand um das Nuklearwaffenprogramm Israels? Im Gegensatz zum Iran immerhin ein Land, das regelmäßig seine Nachbarn überfällt und Millionen von Palästinensern in Geiselhaft hält.

Philipp

28.12.2011, 11:50 Uhr

und wenn Sie nicht nur politisch unterstützen wollen, empfehle ich Ihnen sich in den Iran zu begeben und schon mal den Befreiungskampf aufzunehmen. Dann bleibt uns wenigstens Ihre Kriegshetze erspart.

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