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08.01.2016

17:31 Uhr

Endlose Ölflut

Droht ein neuer Preiskrieg?

Billiges Öl lässt Autofahrer jubeln und die Inflation verschwinden. Doch Experten wird der Preisverfall unheimlich. Auch Chinas Börsenturbulenzen schocken die Rohstoffmärkte. Womit Verbraucher rechnen müssen.

Spannungen zwischen den Opec-Staaten trüben die Stimmung am Ölmarkt ein. ap

Rohstoffpreise im freien Fall

Spannungen zwischen den Opec-Staaten trüben die Stimmung am Ölmarkt ein.

Berlin/FrankfurtÖlpreisrutsch und kein Ende: Das Börsenchaos in China und das politische Pulverfass Nahost haben das „schwarze Gold“ zum Jahresstart noch einmal billiger gemacht - den Verbrauchern könnte bei wieder ruhigerer Lage aber ein böses Erwachen drohen.

Wer vor kurzem noch dachte, am Ölmarkt könne es gar nicht weiter bergab gehen, der wurde in dieser Woche Lügen gestraft. Seit dem Jahreswechsel rauschten die Preise abermals in den Keller. So auch am heutigen Freitag. Das Nordseeöl der Sorte Brent verbilligte sich um bis zu 1,7 Prozent auf 33,18 Dollar je Barrel (159 Liter). Der Preis für das US-Öl WTI rutschte in der Spitze ebenfalls um 1,7 Prozent auf 32,70 Dollar je Fass ab. Im Sommer hatten die Preise um 60, vor der Finanzkrise teils noch bei 150 Dollar gelegen.

Was Autofahrer, Heizölkunden und auch Hersteller von Chemieprodukten freut, lässt Fachleute zusehends ins Grübeln geraten. Denn das starke weitere Abrutschen der Rohöl-Notierungen seit Neujahr hat vor allem einen Grund: China. Die Börsen im Reich der Mitte gaben empfindlich nach, die Führung in Peking musste zweimal für den Rest des Tages den Handel aussetzen. Die Landeswährung Yuan geriet unter hohen Druck.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Die Turbulenzen lasten auf dem Ölpreis, weil China einer der größten Verbraucher ist. Seit Monaten bereitet das abgeschwächte Wachstum im Reich der Mitte den Händlern Kopfschmerzen.

Unabhängig davon, ob es weiter ab- oder wieder leicht aufwärts geht: Die Schwankungen dürften auch auf Endprodukte durchschlagen. Benzin koste im Bundesschnitt um die 1,25 Euro je Liter, Diesel einen Euro, sagte der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands, Christian Küchen, der dpa mit Blick auf die Rohöl-Lage. „Auf der einen Seite steht eine ungebrochen hohe Förderung in den USA, Saudi-Arabien und Russland. Auf der anderen Seite wächst China nicht mehr so stark.“

Im Langfrist-Trend bleibt Öl nahezu auf Ramschniveau. Ein zentraler Faktor sind laut Commerzbank die China-Risiken - neben der Ölschwemme in der Golfregion. „Die Schwierigkeiten Chinas lassen ein schwächeres Nachfragewachstum befürchten“, erklärte Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Gleichzeitig erhöhen Länder im Mittleren Osten ihre Förderung.“

Spannungen zwischen den Opec-Schwergewichten Iran und Saudi-Arabien nach der Hinrichtung schiitischer Geistlicher tun ihr Übriges, um die gereizte Stimmung im Ölkartell zusätzlich einzutrüben. Ängste, das würde die Preise anheizen, bestätigten sich bisher zwar nicht. Doch generell sei Vorsicht geboten, warnte Krämer: „Dies könnte erhebliche Auswirkungen auf den Ölpreis haben, wobei die Richtung unklar ist.“

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