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22.01.2008

20:37 Uhr

Essay

Das Endspiel um Öl

VonFrank Wiebe

Ein Blick auf die Rekordpreise, die Öl in den vergangenen Wochen erreicht hat, verrät, wie knapp die so wertvolle Ressource allmählich wird. Der Kampf um die letzten Reserven dieses Rohstoffs hat schon längst begonnen. Deutschland hat Chancen auf eine gute Position in diesem Spiel – auch, wenn es darum geht, die Zukunft ohne fossile Brennstoffe zu gestalten.

Im Endspurt um die Verteilung fossiler Brennstoffe hat Deutschland gute Karten. Foto: Archiv

Im Endspurt um die Verteilung fossiler Brennstoffe hat Deutschland gute Karten. Foto: Archiv

Wenn spätere Historiker für die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts eine passende Überschrift suchen, werden sie vielleicht schreiben: „Das Endspiel um Öl beginnt.“ Und sie werden unsere Zeit als Phase des Übergangs charakterisieren: Auf der einen Seite werden die fossilen Brennstoffe knapp und rücken deswegen immer stärker in den Mittelpunkt der nationalen Strategien. Auf der anderen Seite legen wir heute die Grundlagen für die – noch ferne – Zeit danach, in der wir weitgehend ohne diese Energievorräte auskommen müssen.

Wie Deutschland diesen Übergang meistert, wird wesentlich darüber entscheiden, in welcher Position wir uns am Ende des Jahrhunderts befinden. Dabei zeigt aber ein unvoreingenommener Blick: Unsere Chancen auf eine gute Position sind gar nicht so schlecht.

Das Endspiel um Öl findet auf vier Ebenen statt: der militärischen, der politischen, der wirtschaftlichen und der ökologischen. Besonders interessant und relativ neu ist die ökologische: Die Definition und Auslegung von Klimaschutzzielen ist inzwischen ein ganz eigenes Konfliktfeld geworden, in dem nationale Interessen aufeinandertreffen. Zugleich verstärkt der Klimaschutz den Druck, schon vor dem tatsächlichen Auslaufen der fossilen Energievorräte Alternativen zu entwickeln. Damit hat er eine enorm wichtige Pufferfunktion für die Übergangszeit.

Die Großmächte haben das Endspiel um Öl längst eröffnet. Die USA sichern sich militärischen und politischen Einfluss im Nahen und Mittleren Osten, der für ihre Ölversorgung unverzichtbar ist. Dies ist umso dringender, weil nicht nur die US-Wirtschaft, sondern auch das Militär einen extrem hohen Energiebedarf hat. Zugleich stärken die Amerikaner ihre strategische Position in Afrika: Dort soll unter der Bezeichnung „Africom“ ein eigenes Headquarter für die Region entstehen, nach dem Vorbild der europäischen Zentrale „Eucom“ in Stuttgart.

Die amerikanischen Firmen, allen voran der Riese General Electric, entdecken zugleich „die Zeit danach“ als großes Thema. General Electric positioniert sich daher als „green company“. Die amerikanische Politik wiederum versucht, die Restriktionen für ihre Wirtschaft durch den Klimaschutz möglichst kleinzuhalten. Man sollte dies nicht unbedingt für einen Widerspruch zum grünen Marketing der Unternehmen halten: Beides stärkt letztlich die Position der USA. Auch eine neue US-Regierung dürfte daher versuchen, ihrer Industrie möglichst viele Chancen und möglichst wenige Belastungen zu sichern; vielleicht aber mit einer weicheren, glaubwürdigeren Verhandlungslinie.

In Russland hat Wladimir Putin als Präsident den ganzen Staat so umgebaut, dass er im Wesentlichen auf der Macht der russischen Energiekonzerne beruht. Zugleich versucht das Land, im Westen wirtschaftlichen Einfluss in den Abnehmerländern, vor allem in Deutschland, zu gewinnen. Auch hier gilt es, scheinbare Widersprüche im richtigen Licht zu sehen: Der autokratische Regierungsstil ist für die Politik im eigenen Land und zum Teil auch gegenüber den Nachbarländern bestimmt. Die Stärkung des Militärs dient dazu, die eigene Position und die Energiereserven gegenüber jeder anderen Macht, auch den USA, abzusichern. Die Elemente von Demokratie und wirtschaftlichem Liberalismus, etwa der Börsengang des Staatsriesen Gazprom, dienen dazu, auf der wirtschaftlichen Ebene eine akzeptable Position gegenüber dem Westen aufzubauen.

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