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16.01.2015

12:22 Uhr

Euro-Franken-Kurs

Was Sie jetzt zum Franken wissen müssen

VonHolger Alich

Der Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro ist passé. Welche Folgen hat das für Unternehmen? Was bedeutet es für Anleger? Droht der Schweiz eine Rezession? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Franken und Euro: Für die Schweizerische Nationalbank haben die beiden Währungen ein schwieriges Verhältnis. dpa

Franken und Euro: Für die Schweizerische Nationalbank haben die beiden Währungen ein schwieriges Verhältnis.

ZürichWelche Unternehmen trifft die Notenbank-Aktion am meisten und warum?
Die überraschende Aktion der Notenbank trifft zum einen die Export-Industrie. Laut einer Sonderumfrage der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich sind die Umsätze im Maschinenbau, der Autozuliefer-Industrie, der Chemie- und Pharmaindustrie, der Hotellerie und des Textilgewerbes besonders betroffen von der Aufgabe des Mindestkurses. Mehr als 50 Prozent der Exporte der Schweiz gehen in die Euro-Zone.

Laut Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe, drückt eine Aufwertung des Franken zum Euro um ein Prozent die Schweizer Exporte um 0,2 Prozent. Sollte der Franken dauerhaft um die Parität zum Euro pendeln, so dürfte grob gerechnet der Exportsektor in diesem Jahr einen Rückgang um drei Prozent hinnehmen müssen. Betroffen ist auch die Schweizer Tourismusbranche. In der vergangenen Sommersaison (Mai bis Oktober) legten die Logiernächte noch leicht (plus 0,7 Prozent zu).

Doch bereits im Oktober waren die Buchung aus Europa rückläufig. Betroffen ist auch der Schweizer Einzelhandel: Bei einem Franken-Kurs von rund einem Euro lohnt mehr denn je der Einkaufstourismus. Grenznahe Städte wie Konstanz und Rheinfelden stöhnen bereits jetzt über die einfallenden Massen am Wochenende. 2014 kauften Schweizer für fünf Milliarden Franken in Deutschland ein. Dieser Kaufkraftabfluss dürfte nun steigen.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Fällt die Schweiz in eine Rezession?
Das ist möglich, Ökonomen schließen das nicht länger aus. Die Experten der Credit Suisse sind weniger pessimistisch und rechnen mit einem Wachstumsrückgang von 0,5 bis einem Prozentpunkt gegenüber der alten Prognose von 1,8 Prozent, sollte der Franken dauerhaft um 15 Prozent zum Euro aufwerten wie am Tag nach der Entscheidung. UBS senkte ihre Prognose stärker, von 1,8 auf nur noch 0,8 Prozent – am Donnerstag. Am Freitag korrigierte sie sich ebenfalls auf ein BIP-Wachstum von nur noch 0,5 Prozent nach unten. Wie stark die Bremsspuren in der Wirtschaf durch die plötzliche Kehrtwende der Schweizer Notenbank sein wird, hängt davon ab, wo sich der neue Franken-Euro-Kurs einpendeln wird.

Was bedeutet die Aktion für die Bilanz der Notenbank, was kostet der Schritt?
Die Devisen-Reserven der Notenbank umfassten zuletzt rund 500 Milliarden Franken. Davon waren 47 Prozent in Euro-Anlagen und 27 Prozent in Dollar-Anlagen investiert. Die haben in Franken gerechnet und deutlich an Wert verloren. Ökonomen der UBS schätzen daher, dass die Freigabe des Euro-Kurses der Notenbank einen Verlust von 40 bis 50 Milliarden Franken einbringt, sollte sich der Wechselkurs bei der Parität halten.

Notenbank-Chef Thomas Jordan wehrt sich gegen diese Betrachtung: Der Gewinn der Notenbank sei stets Resultat der Geldpolitik - also eine Randgröße und kein Ziel an sich. Zudem argumentiert er, dass der Verlust für die Notenbank noch viel größer geworden wäre, hätte die SNB später den Wechselkurs frei gegeben. Denn seit Anfang des Jahres war die Notenbank laut Expertenschätzungen am Devisenmarkt aktiv und hat damit ihre Bilanz weiter aufgebläht.

Franken Kurs

Kursverlauf Euro/Schweizer Franken am 15. Januar 2015.

Welche Investoren auf den Finanzmärkten haben sich verzockt?
Verzockt haben sich alle jene, die auf einen stabilen Franken-Euro-Kurs von 1,20 gesetzt haben. Auch Aktienanleger, die vor diesem Hintergrund in Schweizer Aktien investiert haben. Allein am Tag der Ankündigung der Kehrtwende der Schweizer Notenbank hat der Leitindex SMI rund neun Prozent verloren.

Gibt es den Verdacht auf Insiderwissen, haben einige Investoren kurz vor dem Schritt verkauft?
Davon ist bisher nichts bekannt.

Kommentare (21)

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Herr Uwe Reissner

16.01.2015, 07:35 Uhr

Zitat: Denn schon jetzt hat die Schweizer Notenbank im Verhältnis zur Wirtschaftskraft eine der größten Bilanzen im Vergleich von allen Notenbanken. Hätte Jordan die Kursgrenze weiter verteidigt, wäre auch die Bilanz im Schlepptau der EZB weiter angeschwollen.........

Komische Aussage. Bilanzen auf was bezogen?

Könnte es sein, das man Druck von Außen ausgeübt hat? Immerhin hat die Nationalbank durch diese Bindung einige Mrd. an "positiver" Bilanz verzeichnen können.

Ein ähnliches Szenario stelle ich mir als Möglichkeit Deutschlands aus dem Euro auszuteten, vor. Mit bewusten erzeugen von "positiver" Bilanz um die anderen Verluste aus dem Ausstieg auszugleichen.

Deshalb frage ich mich, wäre ein sukzessives Anheben der Basis zum Euro nicht besser gewesen?

Herr Uwe Reissner

16.01.2015, 07:36 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Herr Joachim Buch

16.01.2015, 07:44 Uhr

Ein Hoch auf die eigenständigen Schweizer. Sie haben ganz klar zum Ausdruck gebracht, was sie von der EZB-Politik halten - nämlich rein gar nichts. Was das für mich für Konsequenzen hat? Jetzt erst recht Schweizer Produkte kaufen und erst recht in der Schweiz Urlaub machen. Den EUrokraten gerade zum Trotz zeigen, daß es auch anders geht. Die EU samt dem Euro muß WEG!

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