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07.06.2016

12:15 Uhr

Extreme Schwankungen beim Pfund

Sterling im Visier von Spekulanten

Die Gefahr eines Brexits irritiert Investoren enorm: Das britische Pfund steigt innerhalb von Sekunden rasant an, um genauso schnell wieder zu fallen. Experten spekulieren über einen sogenannten „Fat Finger“.

Die Kursschwankungen der britischen Währung nehmen im Vorfeld des EU-Votums deutlich zu. dpa

Britische Pfundnoten

Die Kursschwankungen der britischen Währung nehmen im Vorfeld des EU-Votums deutlich zu.

LondonInnerhalb von Sekunden ist am Dienstag das britische Pfund im Vergleich zum US-Dollar um 1,5 Prozent gestiegen - gut zwei Wochen vor der Entscheidung der Briten, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Diese extreme Volatilität könnte möglicherweise weitergehen. Denn die Erwartungen für die Schwankungen der britischen Währung in den nächsten Monaten haben vor dem Referendum am 23. Juni ein neues Sieben-Jahres-Hoch erreicht.

Investoren und Analysten sind nach der plötzlichen Bewegung irritiert. Einige spekulieren, dass ein Tippfehler an der Computertastatur, eine sogenannter „Fat Finger“, automatische Kauf- oder Verkauf- Order ausgelöst hast. Mit solchen Stopp-Ordern begrenzen Händler ihre Verluste.

Europas Versprechen beim Verbleib der Briten in der EU

Zugeständnisse der EU

David Cameron hat beim EU-Gipfel im Februar hart gekämpft, um der EU Zugeständnisse vor dem Brexit-Referendum abzuringen. Der Premier jubelte nach 40-stündigen Verhandlungen, er habe einen „Sonderstatus“ für Großbritannien ausgehandelt. Letztlich war es wie immer in Europa ein Kompromiss, und die Reformen gelten zumeist für alle. Ein Überblick über die Zusagen, die in Kraft treten, wenn Großbritannien EU-Mitglied bleibt.

Volle Sozialleistungen für EU-Zuwanderer erst nach vier Jahren

Cameron bekam die geforderte „Notbremse“, um die Zuwanderung aus EU-Staaten zu begrenzen. Bei einem außergewöhnlichen Anstieg der Einwanderung kann London in den kommenden sieben Jahren einen „Schutzmechanismus“ beantragen. Sozialleistungen wie Lohnaufbesserungen und der Anspruch auf Sozialwohnungen können Arbeitnehmern dann für vier Jahre gestrichen oder gekürzt werden. Die Regelung ist nur auf steuerfinanzierte Sozialleistungen anwendbar. Sie gilt deshalb als maßgeschneidert für Großbritannien, wo dies im Gegensatz zu anderen EU-Ländern der Fall ist.

Kindergeld nach Aufenthaltsland

Die Höhe von Kindergeld-Zahlungen kann vom Aufenthaltsland des Nachwuchses abhängig gemacht werden. Dies gilt etwa für Kinder, die in der Heimat der Eltern bleiben, während diese zum Arbeiten ins EU-Ausland gehen. Die Zahlungshöhe kann dann geringer ausfallen, wenn der Lebensstandard im Aufenthaltsland des Nachwuchses niedriger ist. Dies war vor allem bei osteuropäischen EU-Ländern auf Widerstand gestoßen. Bis 2020 wären vorerst nur neue Zuwanderer von der Regelung betroffen, danach alle Arbeitnehmer aus anderen EU-Staaten.

Zusagen an Nicht-Euro-Staaten

Großbritannien und andere Nicht-Euro-Staaten bekommen die Zusicherung, dass die Unabhängigkeit ihrer Währungen und Finanzplätze garantiert werden. Zudem wird ausgeschlossen, dass sie „Not- und Krisenmaßnahmen“ der Eurozone etwa zur Stützung angeschlagener Länder mitfinanzieren müssen. Im Gegenzug verpflichten sich die neun Staaten ohne den Euro, wichtige Beschlüsse der Währungsunion nicht zu verzögern oder zu verhindern, und sie dürfen keine Hindernisse für eine weitere Vertiefung der Währungsunion schaffen.

Mehr Rechte für nationale Parlamente

Der Gipfel sicherte zu, dass die von Cameron kritisierte Formulierung einer „immer engeren Union“ aus den EU-Verträgen keinen Mitgliedstaat dazu zwingt, an einer weiteren politischen Vertiefung teilzunehmen. Für nationale Parlamente würde es wie von London gefordert mehr Rechte geben: Bei EU-Gesetzen können sie binnen zwölf Wochen nach Vorlage eines Entwurfs die rote Karte zeigen, um das Vorhaben zu stoppen. Nötig ist dazu eine Mehrheit von 55 Prozent der nationalen Parlamente in der EU.
(Quelle: afp)

„Es könnten Stopps gewesen sein, die bei geringer Liquidität ausgelöst wurden“, meint Joseph Capurso, Währungsstratege bei der australischen Commonwealth Bank in Sydney. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Pfund während der Handelszeiten in Asien sehr liquide ist.“

„Es gab keinen offensichtlichen Grund für die Bewegung, die sieht stopp-getrieben aus“, schrieb auch Sue Trinh aus Hongkong, Expertin für Auslandswährungen bei der Royal Bank of Canada, in einer Notiz an Kunden.

Am heutigen Mittwoch notierte das Pfund nach dem sekundenschnellen Anstieg auf 1,4660 US-Dollar vormittags wieder bei 1,4517 US-Dollar. Der kurzzeitige Anstieg um 1,5 Prozent war die größte Schwankung an einem Handelstag seit dem 17. März.

Der Sterling zeigt nun wieder Stärke nach dem Kursrutsch um 1,1 Prozent in dem frühen Handel am Montag, als drei Umfragen anzeigten, dass mehr Briten einen Brexit als einen Verbleib in der EU bevorzugen. Zwei weitere Erhebungen, die später am gleichen Tag veröffentlicht wurden, zeigten eine geringe Führung für die Befürworter des EU-Verbleibs.

Fünf Schritte zum EU-Austritt

Schritt 1

Großbritannien informiert die Vertretung der EU-Staaten über seine Absicht, aus der Union auszutreten.


Schritt 2

Die Staats- und Regierungschefs legen unter Ausschluss Großbritanniens Leitlinien für die Austrittsverhandlungen fest.

Schritt 3

Die EU-Kommission oder ein anderes, von den Staaten ernanntes Gremium handelt mit Großbritannien ein Abkommen über die Einzelheiten des Austritts aus. Dabei wird auch der Rahmen für die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur Union festgelegt.

Schritt 4

Die EU-Staaten beschließen das Abkommen mit qualifizierter Mehrheit nach Zustimmung des Europäischen Parlaments.

Schritt 5

Wenn kein Abkommen zustande kommt und keine Fristverlängerung gewährt wird, scheidet Großbritannien zwei Jahre nach dem Einreichen des Austrittsgesuchs ungeregelt aus der EU aus.

Angesichts der immer stärker werdenden Risiken eines Brexits bereiten sich Händler und andere Marktteilnehmer nun intensiv auf diese Entscheidung vor. Die Sicherheitsleistungen beim Handel wurden erhöht, Handelszeiten in London erweitert. Investoren von Thailand bis Boston sind wachsam und wollen wissen, inwieweit ihre Positionen betroffen sind, sollten die Briten sich entscheiden, das europäische Handelsbündnis zu verlassen.

Das britische Pfund schwankt seit der Debatte um das Referendum stark. Im Februar hatte die Währung mit 1,3868 US-Dollar ein neues Sieben-Jahres-Tief erreicht und war die Währung eines Industrielandes mit der schlechtesten Entwicklung in diesem Jahr.

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