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03.12.2015

15:53 Uhr

Financial Times

Falscher Tweet rüttelt Devisenmärkte durch

VonMartin Dowideit

Ein falscher Tweet der Financial Times hat wenige Minuten vor der EZB-Zinsentscheidung die Märkte erschreckt: Der Euro schoss in die Höhe und reagierte auf eine Ente.

Sieben Minuten vor der Veröffentlichung der EZB-Zinsentscheidung veröffentlicht: ein falscher Tweet der Financial-Times-Redaktion.

Financial times

Sieben Minuten vor der Veröffentlichung der EZB-Zinsentscheidung veröffentlicht: ein falscher Tweet der Financial-Times-Redaktion.

DüsseldorfDie Reaktionszeiten moderner Finanzmärkte sind extrem kurz. Am Donnerstagmittag hat der Euro-Kurs wenige Minuten vor der lange erwarteten EZB-Zinsentscheidung einen deutlichen Satz nach oben gemacht - von 1,054 Dollar auf 1,0686 Dollar. Grund dafür war aber eine Ente, eine Falschmeldung.

Über den Twitter-Account „ftmarkets“ hatte die Redaktion der britischen Finanzzeitung Financial Times um 12.38 Uhr Londoner Zeit gemeldet, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen unverändert lasse. Der Markt hatte aber eine Senkung des Einlagenzinses für Bankguthaben erwartet. Daher gewann der Euro an Attraktivität für Anleger, der Kurs schnellte nach oben.

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung vom 03.12.2015

Commerzbank

Chefvolkswirt Jörg Krämer:

„Die EZB hat ihren Einlagensatz nicht ganz so stark gesenkt wie es Marktteilnehmer erwartet hatten. Sonst wäre die Nullzinspolitik weiter zementiert worden, was die Immobilienpreise noch mehr angefacht hätte in Deutschland. Das würde auch Druck von den Finanzministern der hoch verschuldeten Euro-Länder nehmen, ihre Hausarbeiten zu machen. Außerdem kann ein noch negativerer Einlagenzins auch kontraproduktiv sein für die Realwirtschaft. Das zeigen die Beispiele Dänemark und Schweiz. Dort wurden die Kosten des Strafzinses nicht an die Konteninhaber weitergereicht. Stattdessen wurden die Kreditzinsen für Unternehmen und Häuslebauer erhöht.“

Deutsche Bank

Chefvolkswirt David Folkerts-Landau:

Aus ökonomischer Perspektive kann ich verstehen, warum die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik weiter lockert: Sie versucht gestiegenen externen Risiken auf Inflation und Wachstum durch eine Schwächung des Euro und eine Stärkung der Binnennachfrage entgegen zu wirken. Ich bin allerdings enttäuscht darüber, dass die Euro-Zone auch sieben Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise noch immer nicht in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen und dass Zentralbanken mit Garantien und extremen geldpolitischen Maßnahmen eingreifen müssen. Diese Geldpolitik kompensiert den mangelnden Fortschritt nationaler Regierungen bei der Umsetzung notwendiger Strukturreformen. Die Aussage Mario Draghis, dass die EZB tun werde, 'was immer nötig sein wird', hat sicherlich auch zu dieser Situation beigetragen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies nicht nachhaltig ist

KfW

Chefvolkswirt Jörg Zeuner:

„Die Senkung des Einlagensatzes um zehn Basispunkte fällt moderat aus. Diese Rücknahme ist vor dem Hintergrund der bisher enttäuschenden Inflationsentwicklung nachvollziehbar. Wen das enttäuscht, der sei daran erinnert, dass die Euro-Zone sich auf Erholungskurs befindet. Weitere Anpassungen am Anleihen-Kaufprogramm sollten ebenfalls moderat bleiben. Die EZB sollte jetzt die volle Wirkung aller bisherigen Maßnahmen sich entfalten lassen. Andere Politikbereiche müssen künftig mehr Verantwortung übernehmen. Dabei denke ich vor allem an eine stärker Wachstum fördernde Fiskalpolitik und flexible Anpassungsmechanismen auf nationaler und europäischer Ebene.“

Sparkassen

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon:

„Weder die aktuelle konjunkturelle Lage noch die Entwicklung der Verbraucherpreise im Währungsraum rechtfertigen die heute getroffenen Maßnahmen. Zum einen verzeichnet die Wirtschaft des Euro-Raumes ein moderates Wachstum. Zum anderen ist ein ernstzunehmendes Deflationsrisiko im Euro-Raum momentan nicht zu erkennen. Für den europäischen Finanzmarkt ist die erneute geldpolitische Lockerung der EZB nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich. Wir warnen vor den Nebenwirkungen der expansiven Geldpolitik für die Sparer ebenso wie für die Volkswirtschaften. Es wäre besser gewesen, die volle Wirkungskraft der milliardenschweren Anleihe-Käufe und sonstigen Sonderprogramme der EZB abzuwarten.“

„Wirtschaftsweise“

Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Isabel Schnabel:

„Die Senkung des Einlagezinses könnte sich als kontraproduktiv erweisen, wenn die Banken in Reaktion auf weiter fallende Erträge die Kreditzinsen erhöhen, statt sie zu senken. Hinweise auf ein solches Verhalten lassen sich in der Schweiz im Bereich der Immobilienkredite finden.“

Tatsächlich hat die Europäische Zentralbank den Einlagezins aber von minus 0,2 Prozent auf minus 0,3 Prozent gesenkt, um so die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln und die Inflation anzuheizen. Die Redaktion der FT löschte den Tweet kurze Zeit später, doch da waren die Märkte schon in Aufruhr. Der Euro-Kurs sackte kurz wieder ab – um dann aber wieder den Aufwärtskurs einzuschlagen. Er liegt um 14.03 Uhr bei 1,0691 Dollar.

Die Financial Times entschuldigte sich für den Fehler und erklärte, es seien zwei unterschiedliche Berichte zur Zinsentscheidung vorbereitet worden – und aus Versehen der falsche Text und auch noch vor der eigentlichen Uhrzeit veröffentlicht worden. Ein automatisierter Prozess habe den Text dann über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Der Publikationsprozess werde geprüft, um solche Fehler zukünftig zu unterbinden.

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