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29.06.2011

17:59 Uhr

Finanzmärkte

Anleger bremsen die Griechenland-Euphorie

Das griechische Parlament stimmt für weitere Sparmaßnahmen. Damit ist die unmittelbar drohende Pleite noch einmal abgewendet. Doch an den Märkten herrscht Skepsis. Der Euro legt nur leicht zu..

Zwei Miniaturarbeiter "retten" eine griechische Euromünze. Quelle: dpa

Zwei Miniaturarbeiter "retten" eine griechische Euromünze.

Frankfurt Zum Bankenschluss in Frankfurt hat der Euro am Mittwoch wieder angezogen. Mit 1,4435 Dollar notierte die Gemeinschaftswährung nur knapp unter dem Tageshoch von 1,4447 Dollar. Bei 1,4450 Dollar lauern New Yorker Händlern zufolge Verkaufsorders, so dass ein Anstieg des Euro über diese Marke schwer wäre.
Gewinnmitnahmen nach der Zustimmung des griechischen Parlaments zum Sparpaket der Regierung hatten den Euro zuvor bis auf rund 1,4350 Dollar gedrückt. Am Donnerstag stehen im griechischen Parlament noch Abstimmungen über die Umsetzung der Maßnahmen an. Analysten erwarten dabei keine neuen Verzögerungen.

„Die Zustimmung des griechischen Parlaments zu dem Sparpaket war keine Überraschung mehr“, sagte Helaba-Analystin Viola Stork. „Die Anleger hatten bereits in den vergangenen Tagen darauf gesetzt, dass das Sparprogramm abgesegnet wird.“ Alles andere wäre auch eine Katastrophe gewesen. Mit der Zustimmung ist der Weg frei für die nächste Finanzhilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU. Am Donnerstag steht zwar noch eine Abstimmung über ein Gesetz an, das bestimmte Schritte zur Umsetzung des Sparprogramms enthält. Doch rechnen Analysten dabei nicht mehr mit einem Scheitern.

Dennoch blieben viele Marktteilnehmer vorsichtig. „Das ist noch keine wirkliche Entwarnung, denn die große Herausforderung für die griechische Regierung hat ja gerade erst begonnen“, warnte Metzler-Bank-Analyst Eugen Keller.

Prominente Stimmen zur Schuldenkrise

Axel Weber, Ex-Chef der Bundesbank

„Ab einem bestimmten Punkt muss man seine Verluste einschränken und das System neu starten“

Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident und einst Chef des IWF

„Die Euro-Gruppe und das ganze europäische Projekt stehen wegen gravierender politischer Versäumnisse in der Vergangenheit vor einer nie dagewesenen Zerreißprobe.“

George Soros, Großinvestor und Präsident von Soros Fund Management

„Seien wir mal ehrlich: Wir stehen am Rand des Zusammenbruchs, der - sagen wir mal - mit Griechenland anfängt, aber sich leicht ausweiten kann.“

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister

„Wir stehen vor dem realen Risiko der ersten ungeordneten Staatsinsolvenz innerhalb der Euro-Zone.“

Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pacific Investment Management Co (Pimco)

„Griechenland hat zu viele Schulden und kann nicht wachsen, solange diese Probleme nicht gelöst sind. [...] Das Land wird um eine Umschuldung nicht herumkommen.“

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung

„Also das Geld ist verloren. Die Griechen können ja jetzt schon nicht zurückzahlen. Griechenland war im Grunde schon vor einem Jahr pleite.“

Barack Obama, US-Präsident

„Eine Spirale der Zahlungsunfähigkeit wäre eine Katastrophe.“

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank

„Solidarität darf nicht in der Weise missverstanden werden, dass die europäischen Partner und die internationale Gemeinschaft keine andere Wahl hätten, als die Finanzierung fortzusetzen. Niemand ist erpressbar und niemand darf erpressbar sein. [...] Das Schicksal des Euro hängt nicht an Griechenland.“

Warren Buffett, Investmentlegende

„Ein Kollaps des Euro ist nicht undenkbar.“

Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und ehemaliger Chefökonom des IWF

„Die EU schiebt das Schuldenproblem nicht nur vor sich her, sondern wie einen Schneeball den Berg hinunter.“

Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premier und Eurogruppenchef

„Es wird keine vollständige Umschuldung Griechenlands geben. Auch der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist niemals ein Thema gewesen“.

Jim Rogers, Börsenexperte

„Lasst Griechenland pleitegehen!“

Jim O'Neill, Chef der Vermögensverwaltung bei Goldman Sachs

„Es wäre besser für die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Währungsunion, die Restrukturierung Griechenlands schnell über die Bühne zu bringen. Wenn nicht, wird die Krise immer schlimmer und breitet sich womöglich auch auf andere Länder aus.“

Bill Gross, Manager des größten Anleihefonds der Welt

„Die Währungshüter versuchen, das Ungleichgewicht von zu hohen Schulden und zu attraktiven Zinsen auf Ersparnisse auszugleichen. Man könnte das als finanzielle Repression bezeichnen. Wir nennen es Taschendiebstahl.“

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Wenn der Euro als Ganzes in Gefahr ist, ist es das deutsche Interesse zu helfen, um den wirtschaftlichen Aufschwung nicht zu gefährden.“

Vor allem die Proteste auf den Straßen Athens verunsicherten einige Anleger, erklärte ein Devisenhändler. Der zeitweilige Anstieg des Euro über 1,44 Dollar hing Händlern zufolge auch mit technischen Faktoren zusammen. „Anleger, die sich eindecken mussten, haben den Kurs hochgetrieben“, erklärte Adam Myers, Währungsstratege bei Credit Agricole. Eugen Keller von der Metzler Bank sieht für den Euro vor allem bei 1,4442 Dollar eine technische Widerstandslinie. Da der Euro daran letztlich gescheitert war, hätten einige Anleger Gewinne mitgenommen, erklärte Keller.

Am Rentenmarkt sorgte die wachsende Zuversicht der Anleger für Kursgewinne auch bei den arg gebeutelten Anleihen Griechenlands, Portugals und Irlands. Entsprechend gaben die Renditen der Anleihen dieser Länder wieder nach. So rutschte die Rendite der zweijährigen griechischen Staatsanleihen auf unter 27 Prozent von über 29 Prozent am Vorabend ab. „Die Erleichterungs-Rally wird allerdings nicht von langer Dauer sein, aber es wird sie geben“, sagte Nick Stamekovic, Zinsstratege bei der RIA Capital Markets. Bevor es eine wesentliche Verbesserung in Griechenland geben könne, müssten die Maßnahmen auch umgesetzt werden. Auch die Kosten für eine Versicherung gegen den Zahlungsausfall griechischer Papiere verbilligte sich.

Viele Anleger schichteten vor allem aus den zuletzt besonders gesuchten deutschen Staatspapieren um: der Bund-Future fiel um bis zu 96 Ticks auf 125,60 Punkte. Am späten Nachmittag lag der Terminkontrakt 50 Ticks im Minus bei 126,06 Punkte. Die Rendite der dem Bund-Future zugrundeliegenden zehnjährigen Bundesanleihe kletterte auf fast drei Prozent von 2,93 Prozent am Vorabend.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

29.06.2011, 17:45 Uhr

Tolle Nummer, Staatsbonkrott zum wiederholten Male verschleppt, Wäre Griechenland ein deutsches Unternehmen würde die Anklage schon längs auf Konkursverscheppung lauten.
So wird die Pleite nur gerinfügig in die Zukunft verschoben.

tuscarora

29.06.2011, 18:09 Uhr

Erstaunlich, so viele gute Ratschläge von so vielen klugen
Menschen und nichts passiert um die entsprechende Schritte
zu einer im Gesetzbuch festgehaltenen Insolvenzregelung einzuleiten. Wie es aussieht wird Griechenland mit einem
Assetstripping dem Boden gleich gemacht. Das sowas nicht
funktioniert dürfte mit der ''Privatisierung'' der staatl.
Einrichtungen in Neuseeland in den 80'er Jahren klar ge-
worden sein.

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