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15.05.2015

16:48 Uhr

Gemeinschaftswährung legt zu

Euro profitiert von schwächelnder US-Wirtschaft

Noch vor einem Monat schien der Euro auf die Parität zum Dollar hinzusteuern. Doch die Experten lagen fast allesamt daneben: Der Euro steigt wieder. Das liegt aber nicht daran, dass es in der Eurozone so gut läuft.

Schlechte Zahlen aus Übersee lassen den Euro zum Dollar wieder an Boden gewinnen. dpa

Schwächelnde US-Wirtschaft

Schlechte Zahlen aus Übersee lassen den Euro zum Dollar wieder an Boden gewinnen.

FrankfurtNeun Monate lang kannte der Euro nur eine Richtung - nach unten. Am Ende der langen Talfahrt hatte die Gemeinschaftswährung im März bei 1,04 Dollar den tiefsten Stand seit zwölf Jahren erreicht. Schwache Konjunkturdaten aus den USA und ein Anspringen der Wirtschaft in der Eurozone konnten den Euro aber aus seiner Talfahrt herausreißen. Besonders kräftige Kursgewinne gab es im Verlauf dieser Woche. Der Euro stieg erstmals seit Februar wieder über 1,14 Dollar.

Eine Ursache für das Comeback des Euro sehen Experten darin, dass die Konjunktur in den USA seit Beginn des Jahres mächtig ins Stottern geriet. Im ersten Quartal war die größte Volkswirtschaft der Welt kaum noch gewachsen. Erste Konjunkturdaten für das zweite Quartal - wie beispielsweise aus dem Einzelhandel - lassen befürchten, dass die US-Konjunktur auch im Frühjahr nicht richtig in Schwung kommt.

An den Finanzmärkten wächst die Unruhe: Könnten die schwachen Daten dazu führen, dass die erste Zinserhöhung in den USA seit der schweren Wirtschaftskrise in weite Ferne rückt? Denn die Entscheidung darüber hängt nach Worten von US-Notenbank-Chefin Janet Yellen ganz entscheidend von der Erholung der amerikanischen Wirtschaft ab.

Schon kommentierte Devisenexperte Todd Elmer von der Citigroup-Bank: „Mit der Aussicht auf eine späte Zinswende verliert der Dollar einen der kräftigsten Antriebsmotoren.“ In den vergangenen Monaten hatte die Aussicht auf eine schnelle Zinswende in den USA und eine gleichzeitig weiter extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dem Dollar Auftrieb gegeben und den Euro belastet.

Nach Einschätzung des Experten Lutz Karpowitz von der Commerzbank springt die derzeit am Markt vorherrschende Einstellung zu kurz. „Den US-Währungshütern geht es nicht um die Konjunktur und das Wachstum an sich, sondern vor allem um die Lage am Arbeitsmarkt.“ Karpowitz wertet es als eine „glatte Übertreibung“, wenn man aufgrund der zuletzt schwachen US-Konjunkturdaten „schon dunkle Wolken am US-Arbeitsmarkt ausmachen würde“. Zuletzt hatte sich der Arbeitsmarkt nämlich trotz der lahmenden Konjunktur robust gezeigt.

Karpowitz rechnet daher weiterhin damit, dass die US-Notenbank am geldpolitischen Kurs festhalten und die Zinsen noch im laufenden Jahr erhöhen wird. Für die Kursentwicklung am Devisenmarkt bedeutet das: „Auf Sicht von einigen Wochen oder Monaten dürfte sich die derzeitige Dollar-Schwäche als übertrieben herausstellen.“ Oder anders ausgedrückt: Der Euro dürfte wieder unter Druck geraten.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Immerhin: Der jüngste Kursanstieg reicht schon, damit sich Urlauber auf weniger Kosten bei der gebuchten Reise in die USA freuen können. Ein Kurssprung von über sieben Prozent seit Mitte April hat bereits spürbare Auswirkungen auf die Urlaubskasse. Außerdem können Waren aus den USA hierzulande wieder etwas günstiger angeboten werden - dazu zählt auch das in Dollar gehandelte Öl.

Ein weiter steigender Euro könnte aber auch Schattenseiten mit sich bringen - vor allem für die deutsche Exportwirtschaft. Es war nämlich unter anderem der günstige Eurokurs, der beispielsweise bei deutschen Autokonzernen zu Beginn des Jahres für glänzende Geschäfte und zahlreiche Rekordbilanzen sorgte. Denn je schwächer der Euro, desto billiger werden deutsche Waren für Kunden außerhalb der Eurozone.

Von

dpa

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