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21.06.2017

17:07 Uhr

Günstig in die Ferien

Öl-Poker drückt Spritpreise

Alle Jahre wieder bittet die Mineralölbranche pünktlich zum Ferienbeginn die Autofahrer ordentlich zur Kasse. Diesmal jedoch könnte der sommerliche Schreck ausbleiben. Warum es an der Zapfsäule plötzlich so billig ist.

Zitterpartie dauert an

Ölpreise haben die Börsen weiter fest im Griff

Zitterpartie dauert an: Ölpreise haben die Börsen weiter fest im Griff

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Frankfurt/BerlinZu Beginn des Sommerurlaubs zieht es viele Deutsche wieder auf die Autobahnen. Die Niedersachsen und Bremer sind die ersten, die am Donnerstag in die Ferien starten. Ölkonzerne und Tankstellenbetreiber nutzen die Zeit gern für Preisaufschläge – doch dieses Jahr haben Autofahrer Glück: Die Spritpreise fallen vielerorts. Grund ist die schwindende Macht des Opec-Kartells, das im globalen Öl-Poker gegen die USA immer mehr ins Hintertreffen gerät.

Benzin und Diesel sind so billig wie seit Monaten nicht. Laut ADAC sanken die Spritpreise seit Mitte April. Zuletzt kostete ein Liter Super E10 im Schnitt 1,33 Euro – fünf Cent weniger als vor acht Wochen. Ein Liter Diesel war mit 1,11 Euro sogar für sieben Cent weniger zu haben. Und auch wer sein Haus mit Öl heizt, hat Gelegenheit zum Sparen: 100 Liter Heizöl kosten derzeit laut der Internetplattform „heizoel24“ nur noch etwas mehr als 50 Euro, nach knapp 59 Euro Mitte April. Andere Quellen sprechen vom niedrigsten Stand seit über acht Monaten.

Die Hauptursache dieser Entwicklung ist ein Preisverfall beim Rohöl, das als Vorprodukt die Benzin-, Diesel- und Heizölpreise maßgeblich beeinflusst. „Den weiter sinkenden Preisen an den Zapfsäulen geht der weiter leicht gesunkene Rohölpreis voran“, erklärt der ADAC. Am Dienstag fiel der Ölpreis sogar wieder unter das Niveau von Ende November zurück, als wichtige Förderländer eine historische Einigung über eine gemeinsame Produktionsbeschränkung erzielten. Am Mittwoch ging es bei den wichtigen Sorten Brent und WTI dann weiter abwärts.

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern – sprich Russland – zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.

Durch die Verknappung der Menge peilen die Ölförderer ein höheres Preisniveau an. Das will der Opec jedoch nicht wirklich gelingen. Besonders bemerkenswert: Der Preisverfall setzt sich trotz steigender Spannungen zwischen den Golf-Staaten rund um Katar, die normalerweise zu Verunsicherung am Markt und wachsenden Preisen führen, fort. Dabei hatte sich die Opec mit Russland und weiteren Förderern eigentlich fest vorgenommen, dem Billigöl ein Ende zu setzen.

Seit Mitte 2014 war der Preis von über 100 Dollar je Barrel (159 Liter) bis unter 30 Dollar abgestürzt, er konnte sich bis heute nicht richtig berappeln. Für Staaten wie Saudi-Arabien, die wirtschaftlich fast vollständig vom Ölexport abhängen, eine Katastrophe. Die Autofahrer und Heizölkunden in den Importländern freilich freut es.

Die Opec-Strategie: Kappung der Produktion um 1,8 Millionen Barrel pro Tag, ursprünglich für ein halbes Jahr – inzwischen wurde die Maßnahme bis März 2018 verlängert. „Wir starten in eine neue Ära der Kooperation“, frohlockte Russlands Energieminister Alexander Nowak.

Doch das Kalkül geht nicht auf. Zwar stiegen die Preise zwischenzeitlich, aber inzwischen ist der Effekt verpufft. „Die Marktteilnehmer hatten mit stärkeren Kürzungen der Produktionsmengen gerechnet, und zum anderen bestehen Zweifel an der langfristigen Wirksamkeit“, heißt es beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

Kommentare (1)

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Herr Michael Müller

22.06.2017, 09:02 Uhr

Den größten Teil des Benzinpreises kassiert der Staat und nicht die Mineralölbranche!

Wenn ich 100 Euro verdient habe, bekommt der Staat ca. 50 Euro davon. Tanke ich dann von den verbleibenden 50 Euro, bekommt der Staat davon ca. 60% = 30 Euro an Steuern, so dass ich für 20 Euro Benzin bekomme. Um Benzin für 20 Euro zu bekommen, muß ich zuerst einmal 100 Euro verdienen. Mineralölindustrie: 20 Euro - Staat 80 Euro! Das sind lockere 400%!

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