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07.02.2006

12:08 Uhr

Holzindustrie erstarkt

Erholung nach dem Sturm

VonHelmut Steuer

Als vor einem Jahr, in der Nacht zum 9. Februar, der Sturm „Gudrun“ über Südschweden hinwegfegte, war es nicht nur eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes. Es wurden Wälder und Holzbestände im Wert von rund 17 Mrd. Kronen (1,8 Mrd. Euro) zerstört.

STOCKHOLM. Was sonst normalerweise in einem ganzen Jahr von den Waldbesitzern und Forstkonzernen gefällt wird, lag nach nur wenigen Stunden am Boden.

Für Schwedens Holzwirtschaft war der Jahrhundertsturm eine Katastrophe: Immerhin ist das Land nach Kanada weltweit zweitgrößter Lieferant von Papier, Zellstoff und Holz. Der Preis für Schnittholz fiel wegen des Überangebots von 510 bis 540 Kronen je Kubikmeter (55,14 bis 58,40 Euro) auf 400 Kronen. In den stark vom Sturm betroffenen Gebieten tauchten zudem schnell auch deutsche Holzeinkäufer auf, die den günstigen Preis ausnutzen wollten. Verträge wurden quasi am Straßenrand geschlossen.

Mittlerweile hat sich die Lage etwas entschärft, für einen Kubikmeter Holz aus dem Sturmgebiet müssen wieder mindestens 450 Kronen gezahlt werden. In anderen Gegenden liegt der Preis seit Anfang 2006 bei knapp über 500 Kronen. Die durch „Gudrun“ angeschlagene Branche profitiert vom internationalen Bauboom. Leif Brodén, Chef von Södra, dem größten Zusammenschluss südschwedischer Waldbesitzer und einer der größten europäischen Zellstoffhersteller, hat hohe Nachfrage nach dem durch den Sturm gefällten Holz gespürt. „Es läuft gut hier in Schweden, aber mittlerweile ist Großbritannien ein mindestens ebenso wichtiger Holzabnehmer für uns“, sagte er vor kurzem. Selbst nach Nordamerika exportiere sein Unternehmen Schnittholz. In Deutschland sei dagegen die Nachfrage nach Zellstoff deutlich gestiegen, sagt Brodén. Er glaubt, bis Jahresende das gesamte durch den Sturm gefällte Holz als Schnittholz oder als Zellstoff verkauft zu haben.

Schweden ist weltweit zweitgrößter Exporteur von Schnittholz. Doch ist es weniger Bauholz, das die Branche so interessant macht. „Rund 60 Prozent des Baumes werden zu Brettern verarbeitet, 40 Prozent gehen in die Zellstoffproduktion“, sagt Mikael Jåfs, Analyst vom französischem Investmenthaus Chevreux in Stockholm. Und gerade wegen des Zellstoffs haben die großen nordeuropäischen Papierkonzerne wie UPM, Stora Enso und M-Real aus Finnland, sowie SCA und Holmen aus Schweden und Norske Skog aus Norwegen eigene Holzfabriken und Sägewerke. „Sie wollen ihren eigenen Zellstoff herstellen“, sagt Jåfs und betont, dass der Papierpreis „völlig unabhängig“ vom Holzpreis ist.

Tatsächlich kam es zu keinem weiteren Preisfall bei Papier nach dem Sturm. Doch kämpfen alle großen Papier- und Forstkonzerne seit langem mit Überkapazitäten und harter Konkurrenz aus Asien, wo schnell wachsende Bäume angepflanzt werden. Die Papierqualität von dort soll zwar etwas schlechter sein, doch viele Kunden schauten nur auf den Preis, heißt es. Um die Überkapazitäten in den Griff zu bekommen, haben UPM, Norske Skog und auch Stora Enso die Schließung von Fabriken angekündigt. „Die Papierpreise sind nach den Ankündigungen bereits leicht gestiegen“, sagt Jåfs. Für Zeitungspapier müssen seit Jahresanfang 490 Euro je Tonne gezahlt werden. Beim Magazinpapier liegt der Preis bei 580 Euro. Das sind etwa sechs bis acht Prozent mehr als 2005.

In Deutschland erwägen deshalb die Verlage Holtzbrinck, Springer, WAZ und Madsack den Aufbau einer eigenen Papierproduktion in Russland. Etwa eine halbe Milliarde Euro wollen die Verlage in eine Fabrik mit einer Produktionskapazität von rund 400 000 Tonnen im Jahr investieren, die ab Mitte 2008 den Betrieb aufnehmen könnte. „Das dürfte ein teures Experiment werden“, sagt Jåfs, Er glaubt wie andere Experten, dass der Vorstoß mehr als Warnung an Nordeuropas Papierkonzerne gedacht ist.

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