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23.11.2011

10:13 Uhr

HSBC-Chefstratege David Bloom

„Niemand ist so blöd, eine globale Depression zu riskieren“

VonRalf Drescher

ExklusivEin Zusammenbruch des Euros wäre eine Katastrophe, sagt HSBC-Chef-Währungsstratege David Bloom. Im Interview erklärt er, warum die Euro-Zone auf dem richtigen Weg ist und wieso die Welt einen schwachen Dollar braucht.

HSBC-Chef-Währungsstrage David Bloom: „In den USA hat sich nichts verbessert.“ Andreas Reeg für Handelsblatt

HSBC-Chef-Währungsstrage David Bloom: „In den USA hat sich nichts verbessert.“

Herr Bloom, die Euro-Krise zieht immer weitere Kreise. Steht der Euro vor dem Zusammenbruch?

Ich sehe am Devisenmarkt keine Krise. Wir haben sehr volatile Aktien- und Bondmärkte. Aber der Euro ist extrem stabil.

Dass die Euro-Zone ein bedrohliches Schuldenproblem hat, können Sie kaum abstreiten.

Das ist richtig. Aber Europa hat die Schuldenkrise nicht allein, es ist ein globales Megathema. Und die europäischen Politiker gehen die Krise an. Auf dem letzten Euro-Gipfel haben sie große Entschlossenheit gezeigt, das war sehr positiv. Ich denke, jeder in Europa hat verstanden, dass es zur Rettung des Euros keine Alternative gibt.

Es werden durchaus andere Modelle diskutiert, eine Teilung der Euro-Zone zum Beispiel.

Wir haben mal durchgerechnet, was passieren würde, wenn sich die Euro-Zone in einen „Kern-Euro“ und einen „Peripherie-Euro“ aufspalten würde. Der Kern-Euro läge wahrscheinlich bei 1,80 bis 1,90 Dollar, der Peripherie-Euro im Bereich der Parität. Was aber würden Staaten wie Deutschland machen, wenn ihre Währung massiv aufwertet und die Industrie unter Druck kommt? Sie würden Peripherie-Bonds kaufen. Unter dem Strich wäre das Ergebnis das Gleiche, es wäre überhaupt nichts gewonnen.

Die Kursentwicklung des Euro seit Einführung

1. Januar 1999

1. Januar 1999: Der Euro wird von den elf Gründerländern der Europäischen Währungsunion (EWU) aus der Taufe gehoben. Der Umrechnungskurs zur D-Mark beträgt 1,95583 DM je Euro.
Am 4. Januar startet der Handel in Sydney - der ersten großen Börse, die nach dem Datumswechsel öffnet - mit 1,1747 Dollar.

Dezember 1999

Der Euro fällt erstmals auf 1,00 Dollar.

Frühherbst 2000

Bei Kursen unter 0,85 Dollar wächst die Befürchtung, der schwache Euro könnte die Weltwirtschaft destabilisieren. Mit Unterstützung der Zentralbanken Japans und der USA greift die EZB der jungen Währung unter die Arme. Doch die Interventionen verpuffen rasch: Am26. Oktober ist ein Euro noch 0,8225 Dollar wert. Eine weitere Interventionsrunde im November hievt ihn wieder auf 0,86 Dollar.

Januar 2002

Die reibungslose Einführung des Euro-Bargelds honorieren die Finanzmärkte mit Euro-Käufen. Im Juli erreicht der Euro wieder die Ein-Dollar-Marke.

März 2003

Der Beginn des Irakkrieges geht zu Lasten des Dollar. Der Euro erreicht wieder sein Einführungsniveau.

September 2003

Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer (G7) fordern flexiblere Wechselkurse, was an den Märkten als Signal für den Wunsch nach einem schwächeren Dollar interpretiert wird. Am 28. November 2003 steigt der Euro erstmals über 1,20 Dollar.

September 2007

Nach einer deutlichen US-Zinssenkung im Zuge der Subprime-Krise steigt der Euro über 1,40 Dollar.

Juli 2008

Der Euro erreicht mit 1,6038 Dollar ein Rekordhoch. Nur wenige Tage zuvor - am 11. Juli - hatte übrigens auch der Ölpreis mit 147,50 Dollar je Fass sein Allzeithoch erreicht.

Oktober 2008

Im Sog der Lehman-Pleite ziehen US-Investoren ihre Euro-Gelder ab und drücken ihn bis zum 28. Oktober auf 1,2328 Dollar ,den niedrigsten Stand seit April 2006.

Oktober 2009

Mit den Aktienmärkten steigt zwar auch der Euro - erstmals seit einem Jahr klettert er am 21. Oktober über 1,50 Dollar. Doch das Comeback ist von kurzer Dauer: Griechenland schockiert die Märkte mit der Ankündigung eines etwa doppelt so hohen Haushaltsdefizits wie bislang gedacht.

Dezember 2009, Januar 2010

Mit ersten Herabstufungen Griechenlands durch die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's sowie Moody's beginnt der Euro seine Talfahrt.

Frühjahr und Sommer 2011

EZB-Chef Jean-Claude Trichet signalisiert am 3. März überraschend für April eine Zinserhöhung. Im Juli folgt sogar eine zweite Zinsanhebung. Am 4. Mai notiert der Euro zeitweise über 1,49 Dollar. Spekulationen über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone bremsen die Gemeinschaftswährung aber für den Rest des Sommers aus. Sie pendelt meist in einer Spanne von etwa 1,40 bis 1,45 Dollar.

Ende Februar 2012

Eine zweite EZB-Geldspritze lässt den Euro wieder steigen. Er schafft es fast bis auf 1,35 Dollar. Banken können sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von einem Prozent Geld leihen. Zusammen mit der ersten derartigen Aktion vom Dezember greifen die europäischen Banken rund eine Billion Euro ab.

Juni 2012

Die Angst der Investoren vor einer Eskalation der Staatsschuldenkrise ist größer denn je und belastet den Euro. Vor allem Spanien ist wegen seines taumelnden Bankensektors angezählt. Im Juni fällt der Euro bis auf 1,21 Dollar.

Juli 2012

Vor Investoren in London kündigt EZB-Chef Draghi am 26. Juli an, die EZB werde „alles nötige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der vorläufige Wendepunkt in der Euro-Krise. Sofort steigt der Euro deutlich. Innerhalb eines Tages von 1,2118 auf 1,2287 US-Dollar. Wenige Wochen später machte Draghi klar, was das bedeutet: Im Notfall kauft die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer. Der Euro startet einen neuen Höhenflug.

Februar bis März 2013

Die Erleichterungs-Rally geht weiter: Anfang Februar steigt der Euro bis auf 1,37 Dollar. Das Hoch hält allerdings nicht lange vor. Wegen Unsicherheiten in Italien und Zypern fällt die Gemeinschaftswährung und notiert aktuell bei knapp unter 1,30 Dollar.

September 2014

Die EZB überrascht die Märkte mit einem neuen Zinssenkungszyklus. Der Euro nimmt seine Talfahrt wieder auf. Signale von EZB-Chef Mario Draghi für weitere Geldspritzen drücken den Euro bis zum Jahresende auf rund 1,21 Dollar.

06. Januar 2015

Der Euro fällt auf 1,1853 Dollar und erreicht damit das Tief von Februar 2006. Zugleich nimmt die Talfahrt der Ölpreise weiter Fahrt auf. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligt sich um bis zu 1,7 Prozent auf 50,22 Dollar je Barrel (159 Liter).

Und was ist, wenn einzelne Staaten die Euro-Zone verlassen würden?

Das wäre das Worst-Case-Szenario. Wenn ein Staat entscheiden würde, die Euro-Zone zu verlassen, müsste er Kapitalverkehrskontrollen einführen, den Wechselkurs festsetzen und die Banken verstaatlichen. Es würde ohne Zweifel einen Run auf die Banken geben, das komplette System würde kollabieren. Das wäre nicht nur eine Katastrophe für Europa, keine Ecke dieser Erde würde unberührt bleiben. Wir würden eine globale Rezession bekommen, wenn nicht die zweite große Depression. Ich glaube nicht, dass irgendwer in Europa so blöd ist, dass er das erlauben würde.

Die Märkte scheinen da nicht so überzeugt …

Jeder weiß, dass es für die massiven Staatsschulden keine schnelle Lösung gibt. Das müssen wir akzeptieren. Die Märkte jedoch haben die Geduld verloren. Am Devisenmarkt waren die meisten Experten zuletzt sehr pessimistisch, die Short-Positionen sind hochgeschossen. Aber man darf eins nicht übersehen: Der Euro handelt mit 1,35 Dollar, sein fairer Wert liegt bei 1,25 Dollar. Warum ist das so, wenn sich jeder über den Euro sorgt?

Verraten Sie es uns!

Weil es etwas auf der anderen Seite gibt, das sich Dollar nennt. Es gibt die Befürchtung, dass der Euro scheitern könnte. Aber wenn das nicht passiert, könnte jetzt der Augenblick sein, an dem Europa Disziplin lernt. In einem positiven Szenario wird Europa seine Probleme in fünf oder zehn Jahren lösen, die USA dagegen werden immer noch Geld drucken. Zur Erinnerung: Die USA haben 15 Billionen Dollar Schulden.

Nur, dass das im Moment am Markt niemanden wirklich interessiert.

Der Markt rotiert seit Monaten von einem Risiko zum anderen. Die Ironie ist, dass die Märkte jetzt Italien attackieren, obwohl die Schuldenquote seit fünf Jahren stabil ist und Berlusconi eine der stabilsten Regierungen seit dem zweiten Weltkrieg geformt hatte. In den USA hat sich nichts verbessert, es hat sich weiter verschlechtert.

Kommentare (25)

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Account gelöscht!

23.11.2011, 10:36 Uhr

Das ist mal eine klare Ansage. Jemand der der sich an Fakten haelt. Deshalb steht auch seine Bank "1A" in der Welt da! Respekt HB fuer diese Veroeffentlichung.

Beo

23.11.2011, 11:02 Uhr

David Bloom ist ein unterhaltsamer Klown, liegt aber meist in seinen Prognosen falsch. Schon seit Monaten singt er den Song vom schwachen USD auf allen Kanälen ... und der USD stärkt sich fortlaufend.

Account gelöscht!

23.11.2011, 11:06 Uhr

Kommentar: geschenkt!

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