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16.05.2017

15:32 Uhr

IEA-Ölmarktbericht

Öllager sind trotz Förderkürzung noch gut gefüllt

VonMatthias Streit

Die Öllager der Industriestaaten sind gut gefüllt. Das Ölkartell Opec will daher länger auf Teile seiner Produktion verzichten. Dennoch hält die Internationale Energieagentur wenig gute Nachrichten für die Opec bereit.

Der Öl-Hahn soll nicht wieder geöffnet werden, fordern Russland und Saudi-Arabien. dpa

Ölfeld

Der Öl-Hahn soll nicht wieder geöffnet werden, fordern Russland und Saudi-Arabien.

FrankfurtWer wissen will, warum Russland und Saudi-Arabien am Montag für eine Verlängerung der Förderkürzung plädieren, der muss einen Blick in den aktuellen Ölmarktbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) werfen. Denn die Ölmarktexperten bilanzieren für das erste Quartal trotz der Markteingriffe gestiegene Lagerbestände.

Die IEA erfasst die Ölvorräte der OECD-Staaten, also der wichtigsten Industrieländer. Zwar seien die Vorräte im März bereits zum zweiten Mal in Folge abgeschmolzen. Doch unterm Strich stehen für das erste Quartal 2017 dennoch Zuwächse. 

Was die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) aber noch viel mehr beunruhigen sollte, ist der Ausblick. Selbst wenn die Opec und elf weitere Nicht-Opec-Staaten ihre Förderkürzung über den Juni hinaus verlängern, wie es Russland und Saudi-Arabien fordern, würden zwischen April und Juni zwar 700.000 Barrel pro Tag aus den Lagern verschwinden und im zweiten Halbjahr sogar noch mehr. Doch: „Selbst wenn sich diese Annahme als wahr herausstellt, könnten die Lager Ende 2017 noch immer nicht auf den Fünf-Jahres-Durchschnitt gefallen sein.“ Derzeit beträgt der Stand drei Milliarden Barrel (à 159 Liter). Schließlich folgt eine indirekte Aufforderung an das Ölkartell: „Das bedeutet, dass in der zweiten Jahreshälfte 2017 noch viel mehr Arbeit erledigt werden müsste.“

Was die Einigung des Ölkartells nach sich zieht

Ist der Ölpreis-Anstieg nachhaltig?

Zumindest für die kommenden Monate sagen die meisten Analysten einen höheren Preis voraus. Die Nordea-Bank etwa rechnet für 2017 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 57 Dollar je Fass - das wäre gut ein Viertel mehr als im ablaufenden Jahr. Allerdings erwarten etwa die Experten von Barclays für die zweite Jahreshälfte 2017 wieder fallende Preise. Ein Grund dafür: Die Produzenten von Schieferöl, das mit Hilfe des technisch aufwendigen und teuren Fracking-Verfahrens gewonnen wird, dürften ihre Produktion hochfahren, weil sich dies für sie ab einem bestimmten Preisniveau wieder lohnt. Experten wie Eugen Weinberg von der Commerzbank zweifeln zudem, ob die Förderländer ihre Vereinbarung vollständig umsetzen werden.

Zieht die Inflation in Europa wieder an?

Nein. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone dürfte nach Prognose von Sal.-Oppenheim-Chefvolkswirt Martin Moryson ihren Zenit überschritten haben. Im ersten Quartal war die Inflationsrate wegen des starken Ölpreisanstiegs zeitweise an die Marke von 2,0 Prozent herangereicht. Dieser Effekt läuft nun aus. Ölprodukte wie Benzin, Diesel und Heizöl haben einen hohen Anteil am Warenkorb, mit dessen Hilfe die Inflation berechnet wird. Deshalb schlagen höhere Ölpreise auf die Teuerungsrate durch.

Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Wegen steigender Preise an den Zapfsäulen und für Heizöl bleibt den Verbrauchern weniger Geld im Portemonnaie. „Mit anziehender Inflation wird der Kaufkraftgewinn durch Lohnsteigerungen geringer“, sagt BayernLB-Ökonom Stefan Kipar. „Auch steigen die Produktionskosten vieler Unternehmen, wenn Rohstoffe teurer werden.“ Das sieht Nordea-Europachefvolkswirt Holger Sandte ähnlich. „Zwar wird sich die Importnachfrage Russlands und anderer Ölexportländer erhöhen und damit die Nachfrage nach europäischen Exporten gestützt“, erläutert der Ökonom. „Aber der Schwung beim privaten Verbrauch dürfte nachlassen.“ Das sei einer der Gründe, warum die Wirtschaft in der Währungsunion 2017 nur um 1,3 Prozent wachsen dürfte.

Was heißt das für Anleger?

An den Anleihenmärkten wird es im kommenden Jahr kaum etwas zu verdienen geben, erwartet Sal.-Oppenheim-Anlagestratege Lars Edler. Denn die steigende Inflation zehrt massiv an den ohnehin niedrigen Renditen. So dürfte etwa die zehnjährige Bundesanleihe sogar eine negative Gesamtrendite von etwa einem Prozent abwerfen, wenn man die Teuerung einrechnet. Auch am Devisenmarkt könnten viele Anleger umdenken: Die Währungen von Ölförderländern wie Norwegen und Russland legten wegen der höheren Ölpreise bereits merklich zu.

Wie reagiert der Aktienmarkt?

Hier gibt es viele Gewinner, aber ebenso viele Verlierer. Papiere von Öl- und Gasförderern wie der italienischen Eni waren nach der Einigung auf eine Förderbremse gefragt. Auf der anderen Seite leiden Fluggesellschaften wie die Lufthansa, weil der Kerosinpreis ein großer Kostenfaktor ist. Üblicherweise werden auch energieintensive Unternehmen und Konsumgüterhersteller besonders belastet, wenn die Ölpreise anziehen.

Zur Erinnerung: Das Ölkartell Opec und seine Mitstreiter des Förderabkommens haben es als ihr Hauptziel erklärt, die prall gefüllten Öllager auf den Fünf-Jahres-Durchschnitt zu senken. Seit Januar fördert das Kartell daher 1,2 Millionen Barrel Öl pro Tag weniger als noch im Oktober 2016. Elf weitere Ölnationen, darunter Russland als größter Produzent der Welt (11,1 Millionen Barrel pro Tag), verzichten ihrerseits auf 600.000 Barrel. Das soll den Lagerüberhang abbauen und den Markt stabilisieren.

Sowohl bei den OECD-Staaten als auch in den USA sind die Lager aber immer noch gut gefüllt. Am Montag betonten der saudische Ölminister Khalid Al-Falih und sein russischer Amtskollege Alexander Nowak, dass sie alles tun würden, was auch immer nötig sei, um dies zu ändern.

Nach der Opec korrigiert auch die IEA ihre Prognose für zusätzliches Öl von außerhalb der Kürzungsländer nach oben. In diesem Jahr werden diese Länder 600.000 Barrel mehr fördern statt wie bisher angenommen 450.000. Die Opec rechnet gar mit 900.000 Barrel.

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