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15.03.2017

13:03 Uhr

IEA-Report zum Ölmarkt

Ölexperten: Anleger sollen Nerven behalten

VonMatthias Streit

Der Effekt der Förderkürzung des Ölkartells Opec lässt auf sich warten. Auch die Internationale Energieagentur sieht noch immer ein Überangebot am Markt. Die Lage dürfte sich aber bald ändern.

Während sich das Ölkartell Opec überwiegend an seine Förderkürzung hält, mangelt es an der Umsetzung elf weiterer Förderstaaten, darunter Russland, die ihrerseits Kürzungen versprachen. dpa

Öl marsch!

Während sich das Ölkartell Opec überwiegend an seine Förderkürzung hält, mangelt es an der Umsetzung elf weiterer Förderstaaten, darunter Russland, die ihrerseits Kürzungen versprachen.

FrankfurtSo sehr sich die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) auch bemüht, das Überangebot am Ölmarkt zu reduzieren, es will einfach nicht funktionieren. Wie die Internationale Energieagentur in ihrem aktuellen Ölmarktbericht schreibt, ist das Öl-Angebot im Februar um 260.000 Barrel (à 159 Liter) auf 96,52 Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Das ist zwar weniger als noch vor einem Jahr, allerdings immer noch mehr als weltweit nachgefragt wird.

„Der Markt braucht Zeit, damit der volle Effekt der Förderkürzungen durchschlägt”, schreiben die Experten. Gleichwohl bezichtigen sie auch die Opec, zumindest teilweise an der hohen Produktion schuld zu sein. Denn das Kartell hat im Februar wieder mehr gefördert als im Januar.

Gerade Saudi-Arabien, das für rund ein Drittel der Opec-Produktion steht, hat im Februar wieder mehr als zehn Millionen Barrel gefördert. Damit hält das Königreich seine versprochene Kürzung immer noch ein – und baut zugleich Druck auf die anderen Mitglieder des Kartells auf.

Was die Einigung des Ölkartells nach sich zieht

Ist der Ölpreis-Anstieg nachhaltig?

Zumindest für die kommenden Monate sagen die meisten Analysten einen höheren Preis voraus. Die Nordea-Bank etwa rechnet für 2017 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 57 Dollar je Fass - das wäre gut ein Viertel mehr als im ablaufenden Jahr. Allerdings erwarten etwa die Experten von Barclays für die zweite Jahreshälfte 2017 wieder fallende Preise. Ein Grund dafür: Die Produzenten von Schieferöl, das mit Hilfe des technisch aufwendigen und teuren Fracking-Verfahrens gewonnen wird, dürften ihre Produktion hochfahren, weil sich dies für sie ab einem bestimmten Preisniveau wieder lohnt. Experten wie Eugen Weinberg von der Commerzbank zweifeln zudem, ob die Förderländer ihre Vereinbarung vollständig umsetzen werden.

Zieht die Inflation in Europa wieder an?

Nein. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone dürfte nach Prognose von Sal.-Oppenheim-Chefvolkswirt Martin Moryson ihren Zenit überschritten haben. Im ersten Quartal war die Inflationsrate wegen des starken Ölpreisanstiegs zeitweise an die Marke von 2,0 Prozent herangereicht. Dieser Effekt läuft nun aus. Ölprodukte wie Benzin, Diesel und Heizöl haben einen hohen Anteil am Warenkorb, mit dessen Hilfe die Inflation berechnet wird. Deshalb schlagen höhere Ölpreise auf die Teuerungsrate durch.

Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Wegen steigender Preise an den Zapfsäulen und für Heizöl bleibt den Verbrauchern weniger Geld im Portemonnaie. „Mit anziehender Inflation wird der Kaufkraftgewinn durch Lohnsteigerungen geringer“, sagt BayernLB-Ökonom Stefan Kipar. „Auch steigen die Produktionskosten vieler Unternehmen, wenn Rohstoffe teurer werden.“ Das sieht Nordea-Europachefvolkswirt Holger Sandte ähnlich. „Zwar wird sich die Importnachfrage Russlands und anderer Ölexportländer erhöhen und damit die Nachfrage nach europäischen Exporten gestützt“, erläutert der Ökonom. „Aber der Schwung beim privaten Verbrauch dürfte nachlassen.“ Das sei einer der Gründe, warum die Wirtschaft in der Währungsunion 2017 nur um 1,3 Prozent wachsen dürfte.

Was heißt das für Anleger?

An den Anleihenmärkten wird es im kommenden Jahr kaum etwas zu verdienen geben, erwartet Sal.-Oppenheim-Anlagestratege Lars Edler. Denn die steigende Inflation zehrt massiv an den ohnehin niedrigen Renditen. So dürfte etwa die zehnjährige Bundesanleihe sogar eine negative Gesamtrendite von etwa einem Prozent abwerfen, wenn man die Teuerung einrechnet. Auch am Devisenmarkt könnten viele Anleger umdenken: Die Währungen von Ölförderländern wie Norwegen und Russland legten wegen der höheren Ölpreise bereits merklich zu.

Wie reagiert der Aktienmarkt?

Hier gibt es viele Gewinner, aber ebenso viele Verlierer. Papiere von Öl- und Gasförderern wie der italienischen Eni waren nach der Einigung auf eine Förderbremse gefragt. Auf der anderen Seite leiden Fluggesellschaften wie die Lufthansa, weil der Kerosinpreis ein großer Kostenfaktor ist. Üblicherweise werden auch energieintensive Unternehmen und Konsumgüterhersteller besonders belastet, wenn die Ölpreise anziehen.

Bereits am Dienstag hatte die Opec gemeldet, dass trotz ihrer Einschränkungen die Lagerbestände der OECD-Mitglieder, der großen Industriestaaten, im Januar über drei Milliarden Barrel gestiegen sind, 278 Millionen über dem Fünf-Jahres-Durchschnitt. Die Internationale Energieagentur bestätigte die gestiegenen Lagervorräte heute. Theoretisch reichen die Reserven aus, um die OECD-Länder 64 Tage lang mit Öl zu versorgen, ohne dass zusätzliche Lieferungen benötigt würden.

Für Februar konnte zwar auch die IEA noch keine endgültigen Zahlen liefern, stellte aber einen leichten Rückgang in Aussicht, vermutlich um fünf Millionen Barrel. Die Energieexperten mahnten zugleich vor zu großer Nervosität. Angebot und Nachfrage werde sich im Laufe des Jahres ausbalancieren. Man müsse nun „geduldig“ sein und „die Nerven behalten“.

Vor diesem Hintergrund konnte sich der Ölpreis nach den Verlusten der vergangenen Tage wieder etwas stabilisieren. Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich am Mittwoch um knapp zwei Prozent auf 51,80 Dollar. Stützend auf den Preis wirkt zudem die Schätzung der Öl-Interessengruppe American Petroleum Institute, dass die Lagervorräte in den USA erstmals seit Jahresbeginn wieder gefallen seien. Offizielle Daten werden am Nachmittag von der amerikanischen Energiestatistikbehörde EIA erwartet.

Anleger sollten sich dennoch nicht in Sicherheit wiegen. Es sei wahrscheinlich, dass sich die Schwankungen der vergangenen Tage wiederholen, schreiben die Experten der Internationalen Energieagentur. Die IEA wurde in den 1970er-Jahren gegründet, als die Ölpreise drastisch stiegen. Die Agentur sollte als Vertreter der Industrieländer und ölimportierenden Staaten gewissermaßen als Gegenstück zum Ölkartell Opec agieren.

Künftige Schwankungen dürften auch von den Kürzungszusagen der elf Nicht-Opec-Staaten liegen. Während das Ölkartell zugesagt hat, seine Förderung um 1,2 Millionen Barrel einzudämmen – und sich überwiegend daran hält –, wollen die Nicht-Mitglieder ihrerseits 558.000 Barrel weniger zutage fördern. Noch aber hapert es an der Umsetzung. Den IEA-Schätzungen zufolge verzichten die Nicht-Mitglieder, darunter Russland, Mexiko und Oman, in den ersten beiden Monaten des Jahres gerade einmal auf 37 Prozent der zugesagten Menge.

Doch laut IEA-Rechnung dürfte sich die Lage bald ändern: Würden die aktuellen Förderniveaus konstant gehalten, könnte das Überangebot noch im ersten Halbjahr in ein leichtes Angebotsdefizit von 0,5 Millionen Barrel pro Tag drehen – sofern das Angebot nicht andernorts ausgeweitet wird. Genau das ist aber durchaus wahrscheinlich. Seit Monaten erhöhen die US-Schieferölunternehmen ihre Produktion. Fraglich ist zudem, ob die Opec ihre Ende Juni auslaufende Förderkürzung bis Ende des Jahres verlängern wird oder nicht selbst wieder im Kampf um Marktanteile stärker an den Markt zurückdrängt.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

15.03.2017, 13:53 Uhr

Kartelle sind FEINDE einer freien Markt-Gesellschaft...sind FEINDE einer Wohlstandsgesellschaft....dieses OPEC KARTELL ist eine Mafiavereinigung und gehört schon längst VERBOTEN. Danke!

Herr Hans Peter

15.03.2017, 14:16 Uhr

Mit dem Öl ist es komisch, der Preis ist niedrig, wird Dank Fracking noch weiter sinken und keiner weiß wie lange dieser Preis noch so niedrig ist. Dafür ist es aber zu 99% sind, dass über lang, oder sehr kurz, die Preise explodieren werden.
Wieso? Kein Land/Produzent kann auf Dauer zu diesen Preisen durchhalten, die Geschäftsmodelle funktionieren nicht. Es wird an Investitionen gekürzt bis zum geht nicht mehr, die besten Produktionsstätten ausgebeutet um irgendwie günstig herzustellen.
Lohnt sich Fracking ab 50 USD/Barrel? Ja. Wenn die Maschinen dank Insolvenz nicht bezahlt werden mussten, genauso wie die Erschliessung des Feldes. Doch auch nur bei wenigen Feldern.

Sinkt der globale Ölverbrauch? Dank Elektromotoren? Nein, jeder der sich mal in Asien oder Indien umgesehen hat, deren Energiehunger fängt erst an. Dazu kostet das Herstellen, Laden, Entsorgen von Autobatterien viel Energie, es verlagert nur den Bedarf, verringert diesen nicht.

Der Bedarf steigt, er kann dann nicht mehr gedeckt werden. Gleichzeitig werden die Fördermengen sinken, es dauert 1-2 bis die ersten, neuen Felder erschlossen werden können.

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