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07.09.2012

08:09 Uhr

Investoren-Umfrage

Der Euro wird überleben - die nächsten vier Monate

Spanien braucht Hilfe, Griechenland geht pleite, aber der Euro wird überleben - zumindest bis zum Jahresende. Das ist das Ergebnis einer großangelegten Umfrage unter Investoren aus aller Welt. Aber nicht nur das.

Den Euro sehen die von Bloomberg befragten Händler, Investoren und Analysten nicht in Gefahr. dpa

Den Euro sehen die von Bloomberg befragten Händler, Investoren und Analysten nicht in Gefahr.

New YorkSpanien wird innerhalb eines Jahres ein Rettungspaket beantragen, Italien hingegen wird dies vermeiden können. Das ist eines der Ergebnisse einer weltweiten Umfrage unter 847 Bloomberg-Kunden. Auch zeigte sich ein wachsender Optimismus, dass die aus 17 Mitgliedern bestehende Europäische Währungsunion das restliche Jahr intakt überstehen wird. Allerdings erwarten 92 Prozent der Befragten eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands und 56 Prozent, dass das Land bis Ende kommenden Jahres aus der Eurozone ausgeschieden sein wird.

85 Prozent der befragten Investoren, Analysten und Händler gehen davon aus, dass Spanien, die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, innerhalb der kommenden zwölf Monate Rettungsgelder beantragen wird. 59 Prozent erwarten, dass Italien diesen Schritt im gleichen Zeitraum vermeiden kann. „Für Spanien ist die Notwendigkeit, den Rettungsfonds anzuzapfen, deutlich größer als für Italien“, sagt der Umfrageteilnehmer Ulrich Leuchtmann, Leiter Devisenstrategie bei der Commerzbank AG in Frankfurt. „Spanien verfehlt seine Haushaltsziele weitaus stärker als Italien.“

„Heißer Herbst“ für die Euro-Retter - Der Fahrplan in der Krise

Ende September/Anfang Oktober

Die „Troika“ der internationalen Kreditgeber Griechenlands will ihren neuesten Bericht über die Fortschritte bei den Reformen veröffentlichen. Die Analyse der Experten von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Grundlage für die Auszahlung der nächsten Kredittranche an Athen.

8. Oktober

Treffen der Euro-Finanzminister.

18. und 19. Oktober

EU-Gipfel in Brüssel. Dort könnten die Euro-Retter entscheiden, ob Athen weitere Kredite und möglicherweise mehr Zeit für sein Sparprogramm erhält oder ob der Geldhahn zugedreht wird. Im letzteren Fall droht Griechenland der Staatsbankrott mit anschließendem Euro-Austritt.

Spanien leidet unter den Folgen einer geplatzten Immobilienblase. Die Wirtschaft ist in die zweite Rezession seit dem Jahr 2009 abgerutscht und die Arbeitslosenrate hat den europäischen Rekordwert von 25 Prozent erreicht. Die Finanzschwäche einiger Regionen und geringere Steuereinnahmen werden dazu führen, dass das diesjährige Haushaltsdefizit mit 6,4 Prozent bei mehr als dem Doppelten der für Eurozonen-Mitglieder zulässigen drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt liegen wird.

47 Prozent der Umfrageteilnehmer rechnen mit einem Zahlungsausfall Spaniens, genauso viele wie bei der vorherigen Umfrage im Mai. Bei fast sieben Prozent liegt die Rendite der zehnjährigen Spanien-Bonds nahe an dem kritischen Niveau, bei dem Griechenland, Portugal und Irland um Rettungsgelder ersuchen mussten. Ministerpräsident Mariano Rajoy verhandelt bereits über Hilfen im Volumen von bis zu 100 Milliarden Euro für die spanischen Banken.

Im Falle Italiens rechnen 25 Prozent der Befragten mit einem Zahlungsausfall – ebenso viele wie in früheren Umfragen. Das italienische Haushaltsdefizit wird nach Prognosen der Europäischen Kommission vom Mai in diesem Jahr bei rund zwei Prozent liegen. „Die Anpassungen, die die italienische Regierung vornimmt, werden effektiver sein als das, was die spanische Regierung tut“, sagte Umfrageteilnehmer Tatu Paasimaa, Portfoliomanager bei Nordea Investment Management in Helsinki. „Spanien wird in den kommenden sechs Monaten ein Rettungspaket benötigen, bei Italien kann ich das zurzeit nicht erkennen.“

Die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass Portugal bankrottgehen wird. Das ist der geringste Prozentsatz seit Januar 2011. 21 Prozent rechnen mit einer Staatspleite Irlands – der niedrigste Anteil seit Juni 2010. Dagegen erwarten 92 Prozent der Umfrageteilnehmer einen Zahlungsausfall Griechenlands und 56 Prozent sehen das Land Ende nächsten Jahres nicht mehr in der Währungsunion; 69 Prozent sehen den Ausstieg bis Ende 2014.

Beim Krisenausblick wächst die Zuversicht leicht: 27 Prozent der Befragten sagen, dass Schlimmste sei vorbei. Das ist ein Anstieg um zehn Prozentpunkte seit Mai. 69 Prozent halten jegliche Anzeichen für eine Stabilisierung für nur vorübergehend. Im Mai waren dies noch 80 Prozent der Befragten.

Staatspleiten sind die Regel

Argentinien

Jahr der Unabhängigkeit: 1816

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.

Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.

Australien

Jahr der Unabhängigkeit: 1901

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Brasilien

Jahr der Unabhängigkeit: 1822

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9

Deutschland

Jahr der Unabhängigkeit: 1618

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Finnland

Jahr der Unabhängigkeit: 1917

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Frankreich

Jahr der Unabhängigkeit: 943

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Griechenland

Jahr der Unabhängigkeit: 1829

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Großbritannien

Jahr der Unabhängigkeit: 1066

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Italien

Jahr der Unabhängigkeit: 1569

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Kolumbien

Jahr der Unabhängigkeit: 1819

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Mexiko

Jahr der Unabhängigkeit: 1821

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Niederlande

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Norwegen

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Österreich

Jahr der Unabhängigkeit: 1282

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Portugal

Jahr der Unabhängigkeit: 1139

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3

Russland

Jahr der Unabhängigkeit: 1457

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Schweden

Jahr der Unabhängigkeit: 1523

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Spanien

Jahr der Unabhängigkeit: 1476

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13

Türkei

Jahr der Unabhängigkeit: 1453

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6

USA

Jahr der Unabhängigkeit: 1783

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: Als Folge der Wirtschaftskrise von 1837 stellten acht amerikanische Bundesstaaten ihre Zahlungen ein. Mehr als 100 Banken gingen in daraufhin Pleite. Knapp 150 Jahre schlingert die US-Wirtschaft wieder: Am 15. August 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon die sofortige Aufhebung der Dollar-Konvertierbarkeit in Gold, also die Aufhebung der Verpflichtung der USA, jederzeit Dollar in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Diese auch als Nixon-Schock bekannte Ankündigung bedeutete faktisch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Zahlungsunwilligkeit, da die Aufhebung einseitig und unter Bruch bestehender Abmachungen (Bretton-Woods-System) erfolgte.

Venezuela

Jahr der Unabhängigkeit: 1830

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

Erstmals in diesem Jahr gehen die Befragten nicht mehr mehrheitlich davon aus, dass ein oder mehrere Länder bis Januar die Eurozone verlassen haben werden. Nur noch 32 Prozent sind dieser Ansicht, nach 57 Prozent im Mai. Nur sechs Prozent rechnen mit einem Kollaps der Eurozone in diesem Jahr.

Der Anteil, der mit einem Zusammenbruch im Bankensektor der Eurozone rechnet, verringerte sich von 53 Prozent vor einem Jahr auf 16 Prozent. Nur zehn Prozent sagen, die Krise in der Eurozone werde zu einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft führen.

Der Anteil derjenigen, die mit einer Verschlechterung der Wirtschaftslage in der Eurozone rechnen, hat sich von 84 Prozent im Mai auf 79 Prozent verringert.

Die Umfrage wurde von Selzer & Co. in Des Moines, Iowa, durchgeführt und hat eine Fehlermarge von 3,4 Prozentpunkten.

Kommentare (36)

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Italo

07.09.2012, 08:22 Uhr

Die EUROLIRE wird es in 100 Jahren noch geben.

Machiavelli

07.09.2012, 08:38 Uhr

Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Bedingt durch den permanenten deutschen Leistungsbilanzüberschuss, ist der Euro für die meisten andere Länder überbewertet und erschwert diesen Ländern Exporte und bremst Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien - dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
Was Europa braucht sind Vertragsänderungen die zu einer Wirtschaftskonvergenz innerhalb der Währungsunion führen und zu einer horizontalen Arbeitsteilung, Vertragsänderungen die den natürlichen Standortsnachteile der Peripherieländer entgegen wirken.

Leopold

07.09.2012, 08:51 Uhr

Er wird überleben bis zur Wahl in Deutschland. Und bis dorthin ist die Bevölkerung hoffentlich aufgewacht und hat gemerkt, wie ihnen Brüssel und EU auf der Nase herumtanzen und unsere Steuer-Kassen leerräumen. Mit Unterstützung der deutschen Politik. Wir müssen aufwachen!

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