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25.03.2014

14:07 Uhr

Kapitalflucht

Russland kommt nicht an frisches Geld

Schon wieder muss Russland eine geplante Auktion von Anleihen absagen. Das Finanzministerium verweist auf „ungünstige Marktbedingungen“. Innerhalb kurzer Zeit haben Investoren fast 70 Milliarden Dollar abgezogen.

Expertengespräch

„Die Krim-Krise ist eine vollendete Tatsache“

Expertengespräch: „Die Krim-Krise ist eine vollendete Tatsache“

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Moskau, London, FrankfurtDie Krim-Krise schlägt sich auf die Finanzen der russischen Regierung nieder. Das Finanzministerium strich die für Mittwoch geplante Ausgabe von Staatsanleihen. Der Schritt hänge mit „ungünstigen Marktbedingungen“ zusammen, erklärte das Ministerium. Es ist bereits die vierte Woche in Folge, dass die regulären Anleihe-Auktionen abgesagt wurden.

Am stärksten verunsichere Investoren derzeit die Möglichkeit von verschärften wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, sagte Experte Chris Weafer von der Moskauer Beratungsfirma Macro Advisory der „Financial Times“.

Bislang haben USA und EU zwar noch keine Wirtschaftssanktionen gegen Russland beschlossen. Doch allein die Androhung sorgt für Verunsicherung an den Kapitalmärkten: In den ersten drei Monaten des Jahres hätten Investoren unter dem Strich zwischen 65 und 70 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen, erklärte der stellvertretende russische Wirtschaftsminister Andrej Klepach am Montag. Das war mehr als im gesamten Jahr 2013.

Die Kapitalflucht belastet auch den Rubel. Die russische Währung verlor seit Jahresbeginn rund zehn Prozent gegen den Dollar. Seit Beginn des Konflikts um die Krim sind außerdem die Zinsen für Unternehmensanleihen gestiegen und die Aktienkurse eingebrochen. Der auf Rubel lautende Moskauer Aktienindex Micex gab seit der Verschärfung der Krise um die Halbinsel Krim rund 12 Prozent nach. Nach Schätzungen befinden sich 70 Prozent der russischen Aktien im Besitz von Ausländern.

Wladimir Putin über...

... mögliche Militäraktionen in der Ukraine:

„Russland erwägt keinen Anschluss der Krim.“

„Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht.“

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“

„Meine Entscheidung über einen Militäreinsatz in der Ukraine wird völkerrechtlich legitim sein.“

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“

... Sanktionsforderungen

„Drohungen an die Adresse Russlands sind kontraproduktiv und schädlich.“

... den G8-Gipfel in Sotschi:

„Wenn die anderen nicht anreisen wollen, müssen sie das nicht tun.“

... über den Sturz Janukowitschs:

„Janukowitsch bleibt gesetzmäßiger Präsident der Ukraine. Er wurde in einem ungesetzlichen Verfahren seines Amtes enthoben.“

„In der Ukraine hat es einen verfassungswidrigen Umsturz und eine bewaffnete Machtergreifung gegeben.“

„Ich denke, er hat keine politische Zukunft mehr.“

„Janukowitsch ist wohlauf und wird sich noch bei der Beerdigung derjenigen erkälten, die ihm jetzt Böses wünschen.“

(Putin über Medienberichte, der entmachtete ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch sei tot)

... die US-amerikanische Ukraine-Politik:

„Ich habe manchmal den Eindruck, dass hinter dem großen Teich eine Art Laborant in Amerika sitzt und Experimente macht, wie mit Ratten, ohne die Folgen seines Handelns zu begreifen.“

International tätige Großkonzerne wie Gazprom oder Sberbank sind besonders betroffen. Der Aktienkurs des Gasproduzenten Novatek brach allein am Freitag in der Spitze um 13 Prozent ein – zu den Besitzern gehört Gennadi Timtschenko, der Putin nahestehen soll und von den US-Strafmaßnahmen betroffen ist.

Mögliche Sanktionen sowie die Abwertung des Rubels dürften auf die Ergebnisse russischer Firmen durchschlagen. Die Experten von Morgan Stanley halten Ergebnisrückgänge wie zu Zeiten der Finanzkrise 2008/2009 für möglich, als der Gewinn je Aktie der Unternehmen im Schnitt um 62 Prozent einbrach.

„Schon vor der Krim-Krise wurde ich gefragt, warum ich so pessimistisch sei“, sagt Maarten-Jan Bakkum, Anlagestratege für die Schwellenländer-Fonds der ING. Schließlich seien die Aktien doch vergleichsweise niedrig bewertet. „Meine Antwort war: In Russland können sich die Dinge jederzeit verschlechtern.“ Und damals waren etwaige Wirtschaftssanktionen noch in keiner Weise absehbar.

Ende vergangener Woche hatte US-Präsident Barack Obama den Weg für Sanktionen gegen Kernbereiche der russischen Wirtschaft freigemacht. Die Strafmaßnahmen beschränken sich bislang auf Einreiseverbote und Kontensperrungen gegen einzelne Personen. Auch die EU-Staats- und Regierungschefs weiteten Einreise- und Kontosperren aus.

Die US-Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch stuften Russland schlechter ein. Standard & Poor's teilte am vergangenen Donnerstag mit, die wirtschaftlichen Aussichten Russlands würden von stabil auf negativ herabgesetzt. Die Bonitätswächter verwiesen auf die „geopolitischen Risiken“, die Investitionen aufhalten und eine Kapitalflucht zur Folge haben könnten. Einen Tag später zig Fitch nach. Das Herabsetzen der Perspektiven auf negativ berücksichtige die Auswirkungen möglicher Sanktionen gegen Russland, erklärte Fitch.

Von

rtr

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

25.03.2014, 11:30 Uhr

Das geschieht den Russen recht! Der Westen braucht gar keine militärischen Mittel, um Russland in Schach zu halten. Mit der bewährten Finanzwaffe der Welt wird das neue Sowjetreich des Herrn Putin in die Knie gezwungen. Hat schon mit der Ölwaffe Mitte/Ende der 1980er/Anfang der 1990er prima geklappt!

Account gelöscht!

25.03.2014, 11:55 Uhr

Soll einem Herr Putin jetzt so langsam leid tun? Wäre das nicht alles auch ohne die zwangsweise Besetzung der Halbinsel umzusetzen gewesen? Tja, was der Mensch nicht so alles zu tun imstande ist...

Account gelöscht!

25.03.2014, 12:04 Uhr

So schnell wie diese "angeblichen" Investoren ihr Geld abgezogen haben, so schnell kommen dieses "Finanz-Heuschrecken" auch wieder zurück.
Die Deutschen und Europäischen Firmen, die in Russland investiert sind, mit Niederlassungen und Produktionsstätten, werden diese EU-Sanktionen härter treffen als dieser Peanuts-Abzug von "angeblichen" Investoren (Finanzspekulanten)!

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