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19.07.2017

15:47 Uhr

Kryptowährung

Wie China den Bitcoin zerstören könnte

VonStephan Scheuer

Die Volksrepublik ist Bitcoin-Land: Nirgendwo ist die Nachfrage nach der Kryptowährung so groß. Doch jetzt droht ein Streit zwischen den beiden wichtigsten Gruppen der Bitcoin-Banche die Währung zum Scheitern zu bringen.

Der Unternehmer stellt die digitale Währung Bitcoin her. Stephan Scheuer

Bruce Xie

Der Unternehmer stellt die digitale Währung Bitcoin her.

DalianBruce Xie hat seine wuscheligen schwarzen Haare zur Seite gekämmt. Sein blaues Poloshirt spannt sich stramm über seinen mächtigen Bierbauch. Er strahlt die Ruhe eines Mannes aus, der schon alles gesehen hat. Aber wenn er einmal anfängt zu reden, dann kann ihn nichts mehr stoppen. „Der Markt für Bitcoin entwickelt sich gut“, sagt Xie. Er ist Geschäftsmann. Doch in seiner Branche geht es nicht um Produkte, die man anfassen kann, sondern um die digitale Währung Bitcoin.

Der Unternehmer handelt nicht mit Bitcoins – er stellt sie her. Über ganz China verteilt lässt er tausende Computer Tag und Nacht komplizierte Rechenaufgaben lösen. So hält er die hinter der Digitalwährung stehende Datenbank am Laufen – und wird mit Bitcoins belohnt. „Es gibt viele Produkte, deren Qualität sich unterscheidet, je nachdem, ob sie in Japan oder den USA hergestellt werden. Bei Bitcoin ist das nicht so. Ihre Qualität ist immer gleich“, sagt Xie. Deshalb biete China so gute Chancen. Die Computer für die Serverfarmen ließen sich günstig kaufen, und Strom sei nicht teuer.

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Xie ist ein Schatzsucher. Seine kostbarsten Fundstücke sind Orte, die hervorragende Bedingungen für seine Serverfarmen bieten. In der Inneren Mongolei betreibt er eine Mine. Tausende Rechner stehen in einem Fabrikgelände in der Nähe der Stadt Ordos. Sie sollte einst eine Wüstenmetropole werden, doch die Pläne gingen nicht auf. Deshalb produzieren die Kraftwerke in der Region viel mehr Strom, als gebraucht wird. Xies Computer sind dankbare Abnehmer für den Billigstrom.

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird „peer-to-peer“ gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte – die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten „White Paper“, dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem „permissionless“, können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem „trustless“: Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei „ein Spekulationsobjekt“, dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. „Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren.“

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert – für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

Dazu hilft dem Unternehmer das Klima. Die Wüste Gobi ist im Winter bitterkalt. Dadurch müssen die Klimaanlagen kaum arbeiten, um die Computer nicht zu heiß werden zu lassen. Doch im Sommer wird es in der Wüste mehr als 40 Grad heiß. Dann lässt Xie die Computer mit Lastwagen in die tibetische Hochebene transportieren. Dort, auf rund 3000 Metern Höhe, ist es auch im Sommer kalt. Und Wasserkraftwerke liefern günstigen Strom.

Die Bitcoins sind eine beispiellose Erfolgsgeschichte für China. In Europa und Nordamerika wollten Unternehmen mit Bitcoin reich werden und investierten in hochgerüstete Serveranlagen. Doch am Ende setzen sich Armeen von Billigcomputern in der Volkrepublik gegen die Hochleistungsrechner durch. China vereint heute laut Hochrechnungen mehr Minenleistung als der Rest der Welt zusammen.

Doch die Geschichte hat einen Haken: Das Bitcoin-System stößt an seine Grenzen. Das Netzwerk lässt nur wenige Transaktionen pro Sekunde zu. Zum Vergleich: Visa bringt es auf 24.000 Stück pro Sekunde. Der Aufstieg zur globalen Währung kann so nicht gelingen. Im vergangenen Jahr gab es immer wieder Verzögerungen, Überweisungen wurden nur sehr langsam oder gar nicht ausgeführt.

Eine Reform des Programmcodes soll das System wieder beschleunigen. Doch der Streit darüber, wie dieses Update genau aussehen soll, zieht sich schon seit zwei Jahren hin. Zwei große Lager mit vielen Splittergruppen stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite positionieren sich die Entwickler, die das System vorgeben. Auf der anderen Seite stehen die Minenbetreiber, die das System anwenden. Die Konstellation ist also ähnlich wie beim Computer und seinem Betriebssystem. Nur wenn die Kombination stimmt, kann der Rechner richtig arbeiten.

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Anfang 2016 hatten sich Minenbetreiber und Entwickler in Hongkong auf einen Kompromiss geeinigt. Der fiel wenig später jedoch wieder auseinander. Jetzt wird ein neuer Anlauf genommen. Die Entwickler wollen das System schneller machen und haben eine Änderung des Protokolls namens SegWit vorgeschlagen. Den Minenbetreibern geht es darum, ihre Einnahmen zu sichern. Deshalb wollen sie, dass die Blockgröße der Blockchain von einem auf zwei Megabyte erhöht wird und haben dafür ein erweitertes Update namens SegWit2x vorgeschlagen.

Ende Juli kommt es zum Showdown. Dann läuft die Frist für die Umstellung ab. Bekommt der aktuell diskutierte Kompromissvorschlag (das sogenannte „Bitcoin Improvement Proposal“ BIP 91) keine Zustimmung durch 80 Prozent der Bitcoin-Gemeinde, droht am 1. August eine Spaltung des Systems. So weit muss es aber nicht kommen: Zuletzt wurde das Quorum von 80 Prozent bereits überschritten. Und dass die Zustimmung bis zum Stichtag (21. Juli) wieder unter die erforderliche Marke fällt, ist weniger wahrscheinlich.

Haben die Minenbetreiber in dem Streit die Zukunft des Bitcoins riskiert? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Leonhard Weese, Präsident der Hongkonger Bitcoin-Vereinigung. „Am wahrscheinlichsten finde ich, dass es um Egos geht“, spekuliert Weese. „Ich habe es persönlich oft mitbekommen, wie Entwickler aus den USA und Europa Minenbetreiber aus China herablassend behandelt haben.“ Für sie seien die chinesischen Unternehmer Leute, die Elektrizität klauten und einfache Technik zusammensteckten. Doch das ließen sich die chinesischen Unternehmer nicht mehr gefallen.

Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

19.07.2017, 13:36 Uhr

"„Am wahrscheinlichsten finde ich, dass es um Egos geht“, spekuliert Weese."

Tut es eigentlich immer.

"„Ich habe es persönlich oft mitbekommen, wie Entwickler aus den USA und Europa Minenbetreiber aus China herablassend behandelt haben.“ Für sie seien die chinesischen Unternehmer Leute, die Elektrizität klauten und einfache Technik zusammensteckten. /
Doch das ließen sich die chinesischen Unternehmer nicht mehr gefallen."

Kann ich verstehen.


Sowieso:

Wenn es Streit um Geld gibt, geht es in Wrklichkeit eigentlich immer um Macht und Rechte.

Da ist es eh egal, in welcher bzw. in was für einer Währung diese Auseinandersetzungen geführt werden.

Herr Helmut Metz

19.07.2017, 18:07 Uhr

"Zerstört" werden könnten Kryptowährungen tatsächlich nur irgendwann in der Zukunft durch Quantencomputer oder durch einen globalen EMP-Angriff:
https://www.heise.de/tp/features/Schutz-vor-einem-EMP-Angriff-3222031.html
Da sowas dann gleichbedeutend mit einem nuklearen Weltkrieg wäre, wäre das dann jedoch das mit Abstand geringste Problem...

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