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24.04.2013

14:00 Uhr

Mehr Wechselkurs-Schwankungen

Devisenhandel erlebt neuen Boom

Die unterschiedlicher Konjunkturentwicklungen der großen Volkswirtschaften gibt dem Devisenhandel einen neuen Schwung. Die weltweiten Handelsvolumina steigen stark an – und die Finanzinstitute profitieren.

Der Devisenhandel lebt wieder auf. dpa

Der Devisenhandel lebt wieder auf.

Nach jahrelanger Talfahrt zeigt der Devisenhandel wieder Anzeichen einer Erholung. Volkswirtschaften entwickeln sich auseinander, und das erhöht die Kursschwankungen und damit das Gewinnpotenzial auf dem größten Finanzmarkt der Welt.

Bloomberg-Daten zeigen, dass das tägliche Volumen im Devisenhandel bei den Brokern ICAP, CME und Thomson Reuters im letzten Quartal bei rund 387 Milliarden Dollar lag, 14 Prozent mehr als 2012. Im vergangenen Jahr waren die Erträge im Devisenhandel der weltweit zehn größten Investmentbanken um 22 Prozent auf etwa 7 Milliarden Dollar zurückgegangen, so die Analysefirma Coalition.

Es gibt keine zentrale Quelle für Handelsdaten, doch der Anstieg der Volumina unterstreicht das wachsende Interesse an Währungen im Zuge der Entkopplung der Volkswirtschaften – da heißt, das Wachstum einer großen Volkswirtschaften ist nicht mehr von anderen abhängig. Die US-Wirtschaft erholt sich, unterstützt von Geldspritzen der Notenbank Fed. Die Eurozone dagegen steckt in einer Rezession, Großbritannien steht vor einer Wirtschaftsschrumpfung, und Japan verstärkt den Kampf gegen die Deflation.

„Dies scheint eine asynchrone Erholung zu sein“, sagte Greg Anderson, Nordamerika-Chef für die G-10-Devisenstrategie bei der Citigroup. „Wenn sich die Erholung verstärkt und weiterhin von Nordamerika angeführt wird, dann wird die Fed womöglich als erste die quantitativen Lockerungen einstellen, und dann werden wir höhere Volumina im Devisenhandel und höhere Volatilität erleben.“

Geschichte des Euro

Anfänge

Das Ziel einer Währungsunion war bereits im EG-Vertrag verankert. Am 1. Januar 1999 ist es so weit: Der Euro wird gemeinsame Währung von elf Ländern. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte Geld bleibt jedoch zunächst das allein gültige Zahlungsmittel. Wenige Tage später nehmen auch die Finanzmärkte den Handel mit Euro auf.

Euro-Zone

Zu den ersten Ländern, die den Euro einführten, gehörten Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien. Griechenland trat erst 2001 der Gemeinschaft bei, da es vorher nicht die Auflagen erfüllte. Großbritannien, Dänemark und Schweden verzichteten auf den Euro.

Bargeld

Am 1. Januar 2002 wird der Euro in zwölf Ländern gesetzliches Zahlungsmittel. Die D-Mark behält für zwei Monate ihr Gültigkeit, kann danach aber immer noch gegen Euro eingetauscht werden. Der Wechselkurs ist festgesetzt auf 1 Euro = 1,95583 D-Mark.

Neue Mitglieder

2004 werden zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen. Bis heute sind allerdings nur fünf weitere Staaten der Euro-Zone beigetreten, nämlich Slowenien, Malta, Zypern, Estland und die Slowakei. Damit gibt es insgesamt 17 Länder in Europa, in denen offiziell mit Euro bezahlt werden kann.

Höchststand

Ende August 2008 steigt der Euro zum ersten Mal über die psychologisch wichtige Marke von 1,50 US-Dollar. Sein bisheriges Allzeithoch von 1,5990 Dollar erreicht die Gemeinschaftswährung am 15. Juli, wobei der höchste je am Markt gehandelte Kurs sogar über 1,60 Dollar liegt.

Schuldenkrise

Im Frühjahr 2010 kommt Griechenland in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euro-Land Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, in dessen Zuge weitere Länder, darunter Irland und Portugal, um Geldmittel bitten müssen. In der Öffentlichkeit wird heftig über einen möglichen Zusammenbruch der Euro-Zone spekuliert. Die Gemeinschaftswährung wertet kontinuierlich ab.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel schrieb 2010 in ihrer letzten dreijährigen Studie, dass die weltweiten Handelsvolumina um etwa 20 Prozent auf 4 Billionen Dollar pro Tag gestiegen sind. Seitdem zeigten regelmäßige Updates, dass die Zahl meistens ähnlich hoch oder niedriger war, mit gelegentlichen Sprüngen auf fünf Billionen Dollar.

Auf Devisen spezialisierte Fonds hatten 2013 ihren besten Jahresbeginn seit mindestens zehn Jahren. Der Parker Global Currency Manager Index legte in den ersten drei Monaten zwei Prozent zu, der stärkste Anstieg in einem ersten Quartal seit 2003. Im gesamten Jahr 2012 gab der Index um 0,2 Prozent nach, im Jahr davor um sechs Prozent.

Daten von Bloomberg Industries zeigen, dass die vier größten amerikanischen Investmentbanken ihre Erträge aus dem Handel mit Anleihen, Devisen und Rohstoffen im vierten Quartal um 39 Prozent auf 8,82 Milliarden Dollar steigern konnten, als die Volatilität begann.

Auch wenn die größten US-Banken keine separaten Devisenerträge melden, war dies „eindeutig ein großes Quartalsplus für sie“, sagte Richard Bove, Analyst bei Rafferty. Die Bank of New York steigerte im ersten Quartal ihren Ertrag im Devisenhandel zum Vorjahr um zehn Prozent auf 149 Millionen Dollar. Der Ertrag stieg gegenüber dem Vorquartal um 41 Prozent infolge „gestiegener Volatilität und höherer Volumina“, meldete die weltgrößte Depotbank.

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Der JPMorgan Global FX Volatility Index legte in den ersten drei Monaten 2013 um elf Prozent zu, so viel wie zuletzt im dritten Quartal 2011. Im Februar erreichte der Index ein Acht- Monats-Hoch bei 9,81 und schloss am Dienstag bei 9,20. Im Oktober 2008, im Gefolge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers Holdings Inc., stieg der Index auf einen Rekordwert von 27,02.

„Die Eurozone könnte mit den quantitativen Lockerungen anfangen, wenn die USA damit aufhören“, sagte Neil Jones von der Mizuho Bank. „Das hält das Interesse am Devisenmarkt wach. In der Zwischenzeit wird auch Japan mit quantitativen Lockerungen sehr aktiv sein.“

„Ich erwarte 2013, wie schon im ersten Quartal gesehen, höhere Volumina und höhere Volatilität als 2012, aber ich weiß nicht, ob wir wieder das normale Niveau erreichen“, so Citigroup-Stratege Anderson. Zentralbanker „unternehmen immer noch nichts wirklich Dramatisches, wie die Zinsen anzuheben.“

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