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28.05.2015

14:02 Uhr

Nach Entkopplung des Franken

Schweiz entgeht knapp dem Schiffbruch

Viele Schweizer Unternehmen hatten befürchtet, dass mit der Aufwertung des Franken die Exporte einbrechen würden. Offenbar ist die große Schrumpfkur vorerst ausgeblieben. Doch der Blick in die Zukunft bringt wenig Gutes.

Viele Ökonomen hatten schon für das erste Quartal gravierende Veränderungen in der Schweizer Wirtschaft erwartet. Diese sind nun zwar ausgeblieben, doch die Aussichten beflügeln nicht gerade. dpa

Wo steuert die Schweizer Wirtschaft hin?

Viele Ökonomen hatten schon für das erste Quartal gravierende Veränderungen in der Schweizer Wirtschaft erwartet. Diese sind nun zwar ausgeblieben, doch die Aussichten beflügeln nicht gerade.

Die Schweiz ist wohl nochmal davongekommen und einer wirtschaftlichen Schrumpfung im ersten Quartal entgangen. Damit hätte sie zumindest zeitweilig noch der rekordträchtigen Franken-Aufwertung, die den Konjunkturausblick getrübt hat, die Stirn geboten.

Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte wahrscheinlich in den drei Monaten bis März, nachdem die Schweizerische Nationalbank ihren Franken-Deckel aufgegeben hatte. Das ergab der Median aus einer Umfrage von Bloomberg unter 16 Ökonomen. Damit würden zwar drei Jahre mit Quartalszuwächsen ihr Ende finden, doch die befürchtete Schrumpfung bliebe aus. Die offiziellen Zahlen werden am Freitag dieser Woche bekannt gegeben.

Die verdüsterten Aussichten sind der Preis, den das Land für den Schlag durch den Wechsel in der Franken-Politik im Januar zahlt. Die Verbraucher profitieren nun zwar von günstigeren Importen, die stärkere Währung belastet aber die Exporteure. Der Schock zwang die Zentralbank dazu, ihre Wachstumsprognosen zu senken.

„Das BIP-Wachstum wird im ersten Quartal wahrscheinlich gar nicht so schlecht ausfallen - der Konsum sollte wieder die Triebkraft sein“, erwartet Ökonom Maxime Botteron von der Credit Suisse Group in Zürich. Da allerdings die Arbeitslosigkeit wohl zunehmen dürfte, aufgrund der Bremseffekte des Wechselkurses auf die Industrie, „sollte dieses Jahr ziemlich schwach sein - das Basisszenario ist eine Stagnation, keine Rezession“, fügt er hinzu.

Die Schweizer Wirtschaft, Deutschland und die EU

Reger Warenaustausch

Zwischen der Schweiz und der EU besteht ein reger Warenaustausch. Die Schweiz exportierte 2013 nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWI) Waren im Wert von rund 90 Milliarden Euro (54,9 Prozent der Ausfuhren) in die Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Importe

Importiert wurden aus den Mitgliedstaaten der EU Waren im Wert von rund 108 Milliarden Euro (74,4 Prozent der gesamten Einfuhren).

Viertwichtigster Handelspartner

Die Schweiz ist viertwichtigster Handelspartner der EU nach USA, China und Russland. Exportiert werden Pharmazeutika, Industriemaschinen, Präzisionsinstrumente, Uhren.

Deutschland

Deutschland ist laut BMWI Zielland für rund ein Drittel der schweizerischen Exporte. Knapp ein Fünftel der schweizerischen Importe stammen aus Deutschland. Deutschland ist somit der mit Abstand wichtigste Wirtschaftspartner der Schweiz.

Wichtige Handelsbeziehungen

Aber auch für Deutschland sind die Handelsbeziehungen zur Schweiz von „enormer“ Bedeutung, schreibt das BMWI auf seiner Webseite. Die Schweiz nimmt demnach in der Rangliste der wichtigsten deutschen Handelspartner den 8. Rang sowohl bei den Exporten als auch bei den Importen ein.

Mehr deutsche Produkte

2012 hatte die vergleichsweise kleine Schweiz (acht Millionen Einwohner) wertmäßig mehr deutsche Produkte eingeführt als beispielsweise Russland (142 Millionen Einwohner), Japan (127 Millionen Einwohner) oder Polen (38 Millionen Einwohner).

Deutsche in der Schweiz

290.000 Deutsche leben und arbeiten laut BMWI in der Schweiz. Deutsche bilden damit nur noch knapp nach Italienern (15,9 Prozent) die zweitstärkste Ausländergruppe (15,2 Prozent).

SNB-Präsident Thomas Jordan rechnet damit, dass die Wirtschaft in diesem Jahr knapp unter 1,0 Prozent wachsen wird. Das ist nur etwa halb so stark wie vor der Aufgabe des Euro- Mindestkurses von 1,20 Franken erwartet worden war. Der Franken hat im ersten Jahresviertel um 15 Prozent gegenüber dem Euro zugelegt, was der stärkste Ausschlag seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 1999 war.

Eine Rezession - zwei Quartale mit BIP-Rückgängen in Folge -ist SNB-Währungshütern zufolge unwahrscheinlich. Vize-Präsident Jean-Pierre Danthine hatte letzte Woche gesagt, es werde wahrscheinlich nur ein schlechtes, negatives Quartal geben.

Dennoch: in einer separaten Umfrage vor den Aussagen von Danthine hatten Volkswirte eine Rezession für die Schweiz vorhergesagt, wobei die drei Monate bis Juni am stärksten unter der Franken-Aufwertung leiden dürften und das BIP erst wieder im Schlussquartal 2015 expandieren würde.

Die Schweiz in Zahlen

Bevölkerung

Bevölkerung: Acht Millionen, der Anteil von Männern und Frauen liegt bei je 50 Prozent.

Ausländer

Ausländer:1,86 Millionen, 2013 zählte das Land netto 80 000 Zuwanderer.

Durchschnittsalter

Durchschnittsalter der Schweizer: 41, 6 Jahre. Zum Vergleich: Deutsche sind im Schnitt 43 Jahre alt.

Grenzen

Die Landesgrenze bildet die Schweiz mit Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Liechtenstein

Bruttoinlandsprodukt

Bruttoinlandsprodukt: 2010: 574,3 Milliarden Schweizer Franken, 2011: 586,8 Milliarden Schweizer Franken 2012: 593,0 Milliarden Schweizer Franken

Die größten Städte

Zürich (1,2 Millionen Einwohner), Genf (530.000), Basel (500.562), Bern (355.000), Lausanne (342.000), Luzern 211. 000), St. Gallen (151.000)

Sprachen

Sprachen: Deutsch 65,6 Prozent, Französisch 22,8 Prozent, Italienisch 8,4 Prozent, Rätoromanisch 0,6 Prozent.

„Wir hatten einen Wechselkurs-Schock, purzelnde Preise, Unternehmen, die mit Stellenstreichungen reagieren“, sagt Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin in Zürich. „Das bedeutet, dass die Produktion fällt, und für mich ist das ein Anzeichen dafür, dass die Schweizer Wirtschaft leiden wird - es ist natürlich, dass es in solch einem Kontext kein Wachstum geben kann.“

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