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17.01.2005

08:37 Uhr

Neubau von Pipelines soll Ausfuhrengpässe beseitigen

Russlands Ölexport stößt an seine Grenze

VonMathias Brüggmann

Russland hat im vergangenen Jahr so viel Erdöl gefördert wie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr. 2004 stieg die Rohölproduktion um neun Prozent auf 458,8 Mill. Tonnen. Der Export in Staaten, die nicht zur russischen Föderation (GUS) gehören, wuchs laut staatlicher Energieaufsicht sogar um 17,5 Prozent auf 182,2 Mill. Tonnen. 1991 war mit dem Zerfall des Landes auch die Industrie weitgehend zusammen gebrochen.

MOSKAU. Allerdings scheint damit der Höhepunkt überschritten: Zwar sollen neue Pipelines die bestehenden Exportengpässe beseitigen; eine soll nach Asien führen. Doch bis zur Fertigstellung werden Jahre vergehen. Die lukrativen Exportrouten in den Schwarzmeerhafen Noworossijsk, ins lettische Ventspils und zum Ostseeterminal Primorsk sind nach Angaben von Sergej Suwerow, Analyst der Moskauer Gazprombank, derzeit „absolut ausgelastet“. Als Folge davon, so die Investmentbank Aton, sind Überkapazitäten entstanden. Der innerrussische Ölpreis sei binnen zwei Monaten um 53 Prozent auf jetzt 11,2 Dollar pro Barrel (159 Liter) gestürzt. Doch inzwischen sinkt auch die Ölproduktion wieder: Von 9,42 Mill. Barrel täglich im September auf 9,33 Mill. im Dezember.

Als Grund sehen Analysten neben den Exportengpässen vor allem die steigenden staatlichen Eingriffe in die Rohstoffindustrie. So wurden die Steuern für Ölexporte so drastisch angehoben, dass selbst extrem hohe Weltmarktpreise kaum Mehreinnahmen in die Kassen der russischen Konzerne spülen. Zudem hat das politisch motivierte Vorgehen des Kreml gegen den unliebsamen Ölkonzern Yukos die Investitionsbereitschaft in der Rohstoffindustrie nachhaltig gestört. Deshalb rechnet das Wirtschaftsministerium mit einem schwächeren Wachstum der Ölförderung.

Um wenigstens die bisherigen Engpässe beim Export zu beseitigen, will der staatliche Pipeline-Monopolist Transneft die Baltische Pipeline deutlich vergrößern. Zudem hat die Regierung den Bau einer Pipeline nach Asien beschlossen.

Demnach soll Transneft binnen vier Jahren eine 4 000 Kilometer lange Pipeline für elf Mrd. US-Dollar von den Ölfeldern Ostsibiriens in die Stille-Ozean-Bucht Perewosnaja bauen. Diese Entscheidung ist vor allem politisch motiviert: Denn die 80 Mill. Tonnen zusätzlicher Exportkapazitäten sollen Tankerlieferungen nach Japan und Korea zugute kommen – nicht aber China, das ebenfalls als möglicher Endpunkt der Röhrenleitung geplant gewesen war.

Ein Abzweig mit 30 Mill. Tonnen Jahreskapazität in Richtung China wurde von der Regierung bislang nicht beschlossen. Russlands Industrieminister Viktor Christenko schließt aber nicht aus, dass dennoch ein Pipeline-Arm ins chinesische Daqing führen könnte. Der würde rund drei Mrd. Dollar extra kosten – und müsste von Peking selbst bezahlt werden. Der Kabinettsbeschluss ist zudem eine klare Absage an private Ölkonzerne wie Lukoil und Yukos, die eigene Pipelines bauen wollten. Die Entscheidung fügt sich so in die Kreml-Strategie, die Energiewirtschaft stärker staatlich zu kontrollieren.

Zugleich verschärft sie das Rangeln um Russland: Während Japan und Südkorea im Wettlauf um russisches Öl jetzt die Nase vorn haben, wollen China und sein Rivale Indien an der ehemals wichtigsten Yukos-Fördertochter Yuganskneftegaz (YNG) beteiligt werden. Indien rechnet mit einem jährlichen Ölmehrverbrauch von fünf Prozent in den nächsten zwei Jahrzehnten – das zweitschnellste Wachstum nach China. YNG war bei einer Zwangsversteigerung für 9,3 Mrd. Dollar an die unbekannte Baikalfinancegroup verkauft worden, die dann vom Staatsölkonzern Rosneft geschluckt wurde.

Der staatlichen indischen Ölgesellschaft ONGC war von Rosneft und Präsident Wladimir Putin eine Minderheitsbeteiligung an YNG angeboten worden und sowohl der Konzern als auch Indiens Energieminister haben starkes Interesse bekundet. Auch Chinas Ölförderer CNPC hat Kaufabsichten durchblicken lassen.

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