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18.04.2013

15:40 Uhr

Neue Bezahlkultur

Die Schweden verzichten auf Greta Garbo

Schweden wird seiner modernen Vorreiterrolle gerecht – auch im Finanzsystem. Die meisten Kunden nutzen fast ausschließlich elektronische Zahlungswege – und verbannen damit sogar eine Nationalheldin aus dem Portemonnaie.

Schwedische Banken verzichten weitgehend auf Bargeld – es kaum noch Nachfrage. Reuters

Schwedische Banken verzichten weitgehend auf Bargeld – es kaum noch Nachfrage.

StockholmWer in Schweden Bargeld sehen möchte, der sollte es nicht unbedingt bei der Bank suchen. Die großen Filialbanken des Landes haben den Bargeldverkehr am Bankschalter weitgehend eingestellt. Die Schweden vertrauen zunehmend Kreditkarten, nehmen Zahlungen über das Internet vor und nutzen bereits in vielen Fällen die Bezahlfunktionen von Smartphones.

Nur noch rund 20 Prozent der Käufe werden in Schweden mit Barmitteln abgewickelt, erklärte die schwedische Handelskammer. Die markführenden Banken SEB, Swedbank und Nordea haben in bis zu 75 Prozent ihrer Filialen den Bargeldverkehr abgeschafft.

Damit kommen die schwedischen Banknoten mit den Konterfeis des Botanikers Carl von Linné oder bald sogar der Schauspielerin Greta Garbo immer seltener zum Einsatz. „Wir haben den Bargeldverkehr gestoppt, weil wir einfach eine Veränderung des Kundenverhaltens bemerkt haben“, sagt Swedbank-Sprecherin Anna Sundblad. Nur noch fünf Prozent der Kunden wünschten bei ihrem Institut noch den Bargeldverkehr am Bankschalter.

Beim Marktführer in Skandinavien, Nordea, falle die Nachfrage nach Bargeldtransaktionen um etwa 20 Prozent pro Jahr, sagt Sprecher Erik Durhan. Für Nordea-CEO Björn Wahlroos ist das Ende des Bargelds „der logische nächste Schritt“ in einem Prozess, der bereits andere alternative Zahlungsformen wie etwa den Scheckverkehr beendet hat.

Skandinavien ist in dieser Hinsicht vielen Ländern in Europa und auch den USA überlegen, sagte er. „In Skandinavien haben wir das Scheckbuch vor rund 30 Jahren abgeschafft. In den USA und selbst in Großbritannien werden Schecks aber weiterhin verwandt“, sagte Wahlroos. Es sei da nur logisch, wenn es nun darum gehe, auf Münzen und Scheine in Schweden zu verzichten.

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Logisch oder nicht – schwedische Banken haben schon öfter richtig gelegen, wenn die Konkurrenten in anderen Ländern in Schwierigkeiten geraten waren. Die Finanzindustrie des skandinavischen Landes hat etwa die Schuldenkrise in Europa wesentlich besser durchstanden als andere Staaten.

Auch in der Aktienkursentwicklung drückt sich das aus. Aktien von Nordea haben im laufenden Jahr bereits 22 Prozent im Kurs zugelegt und sich damit erheblich besser entwickelt als die Branche in Europa. Der aus 40 Finanzwerten bestehende Bloomberg-Index europäischer Finanzwerte ist dagegen nur um 2,5 Prozent vorgerückt.
Die Swedbank hat im gleichen Zeitraum 17 Prozent gewonnen und die SEB Bank 23 Prozent. Nicht zuletzt Kosteneinsparungen sind nach Angaben der Banken durch die Beendigung des Bargeldumlaufs zu erzielen. Auch steigen die Gewinne durch Gebühreneinnahmen im Kartengeschäft. Alleine im letzten Jahr sind bei der SEB die entsprechenden Einnahmen um acht Prozent auf 4,37 Millionen Kronen gestiegen, wie es hieß.

Die SEB hat sich im Heimatland Schweden nach Angaben der Sprecherin Anna Helse von 70 Prozent des manuellen Bargeldumsatzes getrennt. Unter den vier größten schwedischen Banken bieten lediglich die Svenska Handelsbanken noch Bargeld in ihren 461 Filialen an. Sprecher Henrik Westman zufolge wird die Bank diesen Service beibehalten, so lange er nachgefragt wird.

Aber eine solche Dienstleistung zieht auch eine andere Klientel an. Die meisten Banküberfälle in Schweden fanden zuletzt bei Filialen der Handelsbanken statt. Bei allen anderen Banken hat der Trend zur Abkehr vom Bargeld die Zahl der Überfälle erheblich gesenkt – und zwar auf nur noch fünf im vergangenen Jahr. 2011 waren es noch 16, berichtete die schwedische Bankenvereinigung.

Die für den schwedischen Finanzsektor zuständige Gewerkschaft drängt nun alle Banken des Landes zu einem kompletten Verzicht auf Bargeld. Ein solcher Schritt sei ein Beitrag zum Schutz von Arbeitnehmern und Bankkunden in den schwedischen Bankenfilialen. Insgesamt könne die Branche so sicherer werden, hieß es. Die Zahl der Finanztransaktionen auf Kartenbasis nehme seit zehn Jahren kontinuierlich zu, und damit sei auch in Zukunft zu rechnen, erklärte Zahlungsspezialist Bengt Nilervall von der schwedischen Handelskammer. Die meisten Länder in Europa, sagte er, seien noch lange nicht so weit.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

18.04.2013, 16:06 Uhr

Können sie dort gern machen und es noch als fortschrittlich ansehen, dazu muss allerdings sehr naiv sein, denn ein falscher Stecker gezogen und zack kucken da einige dumm aus der Wäsche.

Will nicht wissen wie das in Germany zugehen würde wenn dieser kriminelle Hehlerstaat alles voll digital unter Kontrolle hätte. Nein Danke.

pool

18.04.2013, 16:13 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Querschlaeger

18.04.2013, 16:13 Uhr

mit der Abschaffung des Bargeld uebergibt man dem System absolute Kontrolle ueber alle Zahlungsmoeglichkeiten.
Sollte die Bevoelkerung dem System einestages bedrohlich werden, kann per Knopfdruck das gesamte Zahlungssystem oder nur gezielt Teile lahm gelegt werden.
Unsere Regierung hat schon jetzt zuviel Kontrolle.

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