Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.08.2013

10:48 Uhr

Niedrige Zinsen

Der Markt kauft Draghi alles ab

Die Zinsen werden bis 2016 niedrig bleiben, verkündete der Notenbankchef der Bank of England. Doch der Markt glaubt ihm nicht. Die Wetten am Devisenmarkt zeigen: Draghis Versprechen wiegt deutlich mehr.

Europas Wirtschaftslage verhilft Mario Draghi zu mehr Glaubwürdigkeit. Reuters

Europas Wirtschaftslage verhilft Mario Draghi zu mehr Glaubwürdigkeit.

FrankfurtEZB-Präsident Mario Draghi hat mehr Erfolg als sein britischer Amtskollege, die Investoren zu überzeugen, dass die Zinsen auf Rekordtiefs bleiben werden.

In der vergangenen Woche haben Händler Spekulationen, dass die Zinsen im Euroraum langsamer steigen werden als in Großbritannien, so stark erhöht wie seit einem Jahr nicht mehr, wie aus Terminkontrakten hervorgeht. Das spiegelt Erwartungen von Investoren wieder, dass die niedrigen Fremdkapitalkosten ein entscheidender Faktor für die Erholung des Euroraums von der Rezession sein wird. Die Aussichten, dass die Federal Reserve die Stützungsmaßnahmen zurückfährt, treiben weltweit die Bondrenditen nach oben, wobei die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen sich in Relation zu den entsprechenden britischen Renditen auf dem tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren befinden.

„Die Lage in Europa macht es der Zentralbank leichter, Investoren zu überzeugen, dass die Politik noch einige Zeit beibehalten wird”, sagt John Stopford, Leiter Festverzinsliche bei Investec Asset Management. „Es gibt immer noch Zweifel, ob das von uns zu beobachtende Wachstum mehr als eine Stabilisierung ist. Bei der EZB ist eine klarere Tendenz zu einer unveränderten oder lockereren Politik auszumachen.”

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Die implizite Rendite für Euribor-Kontrakte mit Laufzeit bis September 2015, ein Indikator für den Ausblick der Drei- Monats-Geldmarktsätze, ist in der vergangenen Woche um 13 Basispunkte auf 0,91 Prozent gestiegen. Der Satz für entsprechende britische Sterling-Kontrakte ist um 28 Basispunkte auf 1,33 Prozent geklettert, womit sich die Differenz zwischen den beiden Kontrakten um 15 Basispunkte ausgeweitet hat, der größte Wochenanstieg seit Mai 2012.

Der Renditeaufschlag von zehnjährigen britischen Gilts gegenüber deutschen Bundesanleihen vergleichbarer Laufzeit liegt bei 82 Basispunkten, dem höchsten Wert seit Juni 2010 auf der Basis von Schlusskursen.

Zwar hat der britische Notenbankgouverneur Mark Carney gesagt, er gehe nicht davon aus, dass die Bank of England die Zinsen vor frühestens 2016 erhöhen werde. Jedoch haben die Anzeichen konjunktureller Stärke und die Uneinigkeit der Mitglieder der geldpolitischen Ausschusses der BoE bezüglich des Inflationsausblicks Spekulationen angeheizt, dass der britische Notenbankchef früher handeln werde. Der EZB-Rat hat den Hauptrefinanzierungssatz im Mai auf ein Rekordtief von 0,5 Prozent gesenkt, was die britischen Kollegen bereits im März 2009 getan hatten.

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Republikaner

22.08.2013, 10:58 Uhr

Es ist doch eher anders herum. Draghi kauf dem Markt alle Pleite Bonds ab und verseucht damit die EZB Bilanz.

Matthes

22.08.2013, 11:03 Uhr

Der Markt? Mag sein!
Aber ich als Europa-Bürger und Wähler kaufe ihm absolut nichts mehr ab. Mal schauen, wer da am längeren Hebel sitzt!

Account gelöscht!

22.08.2013, 11:23 Uhr

der ist bestimmt auch ein prima Poker Spieler.

Ein guter Bluff ist alles...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×