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18.09.2016

16:34 Uhr

Öl-Markt

Von Versprechen und Rally-Visionen

VonMatthias Streit

Iran’s Präsident Rohani will einen stabilen Ölmarkt und steigende Preise. Währenddessen muss Libyen seine erste Öllieferung seit 2014 verschieben. Und die Bank of America sieht eine Rally direkt voraus.

Seit Monaten spricht die Opec davon, den Ölmarkt zu stabilisieren. Bislang hat sie ihre Förderung aber weder gedeckelt noch gekürzt. dpa

Erdölförderung

Seit Monaten spricht die Opec davon, den Ölmarkt zu stabilisieren. Bislang hat sie ihre Förderung aber weder gedeckelt noch gekürzt.

FrankfurtWenn sich Ende September die Energieminister der einflussreichsten Ölstaaten in Algerien zu informellen Gesprächen treffen, glaubt außer ihnen kaum jemand an ein mögliches Abkommen über eine Fördergrenze. Doch die Opec lässt nicht locker und will genau das den Märkten immer wieder eintrichtern. Jüngst frischte der iranische Präsident die Botschaft auf.

Instabilität und fallende Ölpreise sind schädlich für alle Länder, vor allem Ölproduzenten, wird Rohani von der iranischen Nachrichtenagentur „Shana“ zitiert. „Teheran heißt jede Maßnahme willkommen, die den Ölmarkt stützt und die Preise steigen lassen“, sagte der iranische Präsident. Er ließ er sich jedoch nicht nehmen, an die Gerechtigkeit und faire Förderquoten für alle Produzenten zu appellieren.

Nachdem der Westen Anfang des Jahres einen Großteil seiner Sanktionen wegen des iranischen Atomprogramms aufgehoben hat, plant das persische Land, sein Ölförderung wieder auf das Vorsanktionsniveau anzuheben. Damals pumpte der Iran etwas mehr als vier Millionen Barrel (à 159 Liter) pro Tag. Weit davon ist das Land nicht mehr entfernt, das seine Ölförderung seit Beginn des Jahres um 800.000 Barrel auf 3,6 Millionen Fass Ende August steigern konnte.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Doch selbst wenn es zu einer Deckelung der Förderung kommen sollte, dürften deren Effekte gering ausfallen. Die Opec fördert derzeit mit täglich 33,7 Millionen Barrel so viel Öl zutage wie nie zuvor. Weltweit werden täglich 97 Millionen Fass Öl aus dem Boden gepumpt. Allen voran haben der Irak und die Vormacht des Ölkartells, Saudi-Arabien ihre Produktion auf neue Höhen ausgeweitet.

Hinzu kommt: Diese Woche hat die Internationale Energieagentur ihre Ölmarktprognose korrigiert. Ging sie zuvor noch davon aus, dass sich Angebot und Nachfrage im ersten Halbjahr 2016 ausgleichen werden, strich sie diesen Ausblick vorerst. Gerade die Nachfragesituation macht Sorgen. So ist etwa jene in China im Moment vor allem auf Pump (Konjunkturprogramme) gestützt. Das Land in Fernost ist hinter den USA (knapp ein Fünftel des globalen Verbrauchs), der zweitgrößte Öl-Konsument der Welt (13 Prozent des globalen Ölverbrauchs).

Auf die große Frage, wann der Ölmarkt wieder ausgeglichen sei, bleiben die Experten in ihrem jüngsten Bericht eine konkrete Antwort schuldig. Stattdessen heißt es: „Wir müssen wohl noch eine Weile warten.“ Die Eintrübungen der IEA-Prognose haben die Ölpreise bis zum Wochenende auf 45,77 Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent fallen lassen – ein Verlust von knapp drei Dollar gegenüber dem Wochenbeginn.

Indes muss Libyen, dessen Ölwirtschaft nach dem arabischen Frühling sich langsam zu erholen schien, Rückschläge hinnehmen. Erstmals seit 2014 plant das Land wieder Frachtschiffe mit Öl aus seinen Häfen zu schicken. Doch daraus wird vorerst nichts. Die Kämpfe um die wichtigen Ölhäfen im Osten des Landes zwischen einer Miliz und der libyschen Armee sind am Wochenende wieder aufgebrochen. Obwohl das Land im Moment gerade einmal 260.000 Barrel pro Tag fördert – also gerade einmal 0,3 der globalen Produktion – hatte eine Aussicht auf ein Wiedererstarken seiner Ölindustrie die Preise fallen lassen. Vor dem Fall seines Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 förderte Libyen knapp 1,6 Millionen Fass täglich.

Rohstoffe: Kein Ende der Ölschwemme in Sicht

Rohstoffe

Kein Ende der Ölschwemme in Sicht

Die Internationale Energieagentur hat zuletzt 2017 einen ausgeglichenen Ölmarkt erwartet, zieht diese Prognose aber wieder zurück. Ein entscheidender Faktor für den Ölpreis dürfte der Ausgang der Wahlen in den USA sein.

Bleibt ein Ausblick auf den Preis. Und da hat die Bank of America Merrill Lynch für gehörig aufsehen gesorgt. Im Schnitt liegen die Ölpreis-Prognosen der Analysten für Ende 2017 gerade einmal bei 59 Dollar je Barrel, verglichen zu den Preisschwankungen der vergangenen Monate also eine Aussicht auf moderates Wachstum.

Doch die Bank of America will es wissen. Deren Rohstoff-Strategen glauben nämlich, dass der Ausverkauf beim Öl nun ein Ende hat. Offenbar ist sie, wie die erdölfördernden Länder, von der einhaltenden Stabilität am Ölmarkt überzeugt. Der Rohstoff werde sich in den kommenden Monaten besser entwickeln als der breite nordamerikanische Aktienindex S&P 500. Dem Ölpreis bescheinigen sie rosige Aussichten: Das nordamerikanische Leichtöl, derzeit bei 43,19 Dollar je Barrel, werde bis Juni 2017 auf 69 Dollar klettern, also um knapp die Hälfte steigen. Durchaus eine mutige Prognose in einem immer noch unsicheren Angebot-Nachfrage Verhältnis.

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