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04.01.2008

05:05 Uhr

Öl

Noch zu billig

VonDirk Heilmann

Na endlich, die 100-Dollar-Marke ist geknackt. Selbst wenn es offenbar nur ein einzelner US-Händler mit einer Minimal-Bestellung war, der den magischen Preis bezahlte, den gewünschten psychologischen Effekt dürfte er erzielt haben. Doch wie schlimm sind dreistellige Ölpreise eigentlich? Sollten wir sie nicht vielmehr begrüßen?

Nun überbieten sich die Experten mit Horrorszenarien: 150 Dollar je Barrel (159 Liter) bis 2030 sieht der Direktor der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Nobuo Tanaka, kommen, 200 Dollar schon 2020 hält Claudia Kemfert, Energieexpertin des Konjunkturforschungsinstituts DIW, für möglich. Kurzfristig hingegen rechnen die meisten Analysten damit, dass der Ölpreis in den kommenden Monaten wieder ein gutes Stück sinkt, auf 80 bis 85 Dollar oder vielleicht sogar darunter.

Das Problem mit dem Öl ist halt, dass kein anderer Rohstoffpreis solchen politischen Einflüssen und kaum ein anderer so starken spekulativen Schwankungen unterliegt. Darum lässt sich auch so trefflich darüber streiten, wer die Schuld an steigenden Preisen trägt und wer etwas an ihnen ändern könnte.Gestern folgte die Diskussion den ausgetrampelten Pfaden der vergangenen Monate. Die IEA als Vertreterin großer Ölverbraucherstaaten warnte, dass die steigende Nachfrage aus China, Indien und anderen Schwellenländern dringend eine höhere Produktion des Ölkartells Opec erfordere. Ihre Argumentationslinie ist, dass der Preisanstieg im Wesentlichen fundamental bedingt ist.

Die Opec sieht das ganz anders: Spekulanten treiben nach ihrer Ansicht die Preise, und die großen Ölproduzenten schauen hilflos zu. Es sei genug Öl auf dem Markt, so dass jede Produktionserhöhung verpuffen würde. Darum haben die Ölminister auch Anfang Dezember bei ihrem letzten Treffen eine Anhebung der Produktionsquoten verweigert. Anfang Februar treffen sie sich das nächste Mal, und dann wird der internationale Druck noch deutlich höher sein.

Kurzfristig können viele Elemente den Ölpreis heftig ausschlagen lassen: Eine Ausweitung der Unruhen in Nigeria oder ein Kälteeinbruch auf der Nordhalbkugel kann ihn rasch ein paar Dollar in die Höhe treiben; eine diplomatische Lösung der Iran-Krise oder ein milder Winter kann ihn ein gutes Stück senken. Keiner kann das zuverlässig voraussagen. Was die langfristige Entwicklung anbelangt, gibt es noch gravierendere Unwägbarkeiten, auch außerhalb der Geopolitik. Ein Unsicherheitsfaktor auf der Nachfrageseite ist, wie stark sich ein Ölpreis von rund 100 Dollar auf den Verbrauch auswirken wird. In den USA sind erste Anzeichen für einen sparsameren Umgang mit dem Schmierstoff der Weltwirtschaft auszumachen. Europas und Japans relative Bedeutung als Abnehmer sinkt von Jahr zu Jahr. Die Klimaschutzpolitik wird den Trend verstärken.

Auf der anderen Seite wird der Öldurst der Schwellenländer nach wie vor vom rasanten Wachstum Chinas und Indiens bestimmt. Sie subventionieren ihrem wachsenden Heer von Autofahrern den Sprit und nehmen dadurch dem Spiel von Angebot und Nachfrage die Wirkung. Doch wie lange können und wollen sie sich das leisten? Auf der Angebotsseite streiten sich die Experten darüber, wie viel Öl denn tatsächlich noch in der Erde ist. Immer mehr Anhänger findet die „Peak-Oil-Theorie“, derzufolge die globale Ölproduktion ihren Höhepunkt überschritten hat oder das in naher Zukunft tun wird. Wenn das zutrifft und die Weltwirtschaft sich widerstandsfähig gegen hohe Energiekosten zeigt, dann sind Ölpreise von 150 oder 200 Dollar keine fernen Fantasien. Dämpfend werden allerdings Marktmechanismen wirken: Je höher die Preise steigen, desto lukrativer wird es, auch kleine oder schwer zu bergende Ölvorkommen auszubeuten.

Doch wie schlimm sind dreistellige Ölpreise eigentlich? Sollten wir sie nicht vielmehr begrüßen? Wenn Europa seine Klimaschutzziele ernst nimmt, müssen fossile Brennstoffe doch sowieso teurer werden, um den Anreiz für Energiespar-Investitionen und den Einsatz erneuerbarer Energien zu erhöhen. Und wenn hohe Dollar-Ölpreise die USA relativ stärker treffen als uns, dann wird auch dort der Druck größer werden, der Energieverschwendung Einhalt zu gebieten. Genauso werden China und Indien einen wachsenden wirtschaftlichen Zwang zur Energieeffizienz spüren. Wenn Europa seine Klimaschutzziele ernst nimmt, müssen fossile Brennstoffe doch sowieso teurer werden, um den Anreiz für Energiespar-Investitionen und den Einsatz erneuerbarer Energien zu erhöhen. Und wenn hohe Dollar-Ölpreise die USA relativ stärker treffen als uns, dann wird auch dort der Druck größer werden, der Energieverschwendung Einhalt zu gebieten. Genauso werden China und Indien einen wachsenden wirtschaftlichen Zwang zur Energieeffizienz spüren.

Teures Öl kann den Regierungen helfen, ihre Klimaschutzpolitik durchzusetzen. Sie sollten die Gelegenheit nutzen, eine Strategie zur Abkehr vom Öl zu entwickeln. Statt Jahr für Jahr mehr Milliarden an die Ölförderstaaten zu überweisen, sollten sie in die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien für den Verkehr investieren und alle Energiesparmöglichkeiten ausreizen helfen. So betrachtet, ist Öl eigentlich noch immer zu billig.

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