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14.06.2016

12:29 Uhr

Öl-Prognose der IEA

Balance kommt schneller als gedacht

VonMatthias Streit

Schon Ende 2016 werden sich Angebot und Nachfrage am Ölmarkt ausbalancieren, schätzt die Internationale Energieagentur. Warum sie dennoch nicht mit einem deutlichen Preisanstieg rechnet.

Die niedrigen Ölpreise haben auch der US-Ölindustrie schwer zugesetzt. Trotz Marktbalance rechnet die IEA aber nicht mit deutlich steigenden Preisen. dapd

Ölförderung in Kansas

Die niedrigen Ölpreise haben auch der US-Ölindustrie schwer zugesetzt. Trotz Marktbalance rechnet die IEA aber nicht mit deutlich steigenden Preisen.

Frankfurt am MainDie Nachricht zwischen den Zeilen ist klar: Verabschieden Sie sich von den niedrigen Preisen. So direkt schreibt das die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem jüngsten Ölmarktbericht zwar nicht. Doch es ist die logische Konsequenz aus ihren Prognosen. Wie das Ölkartell Opec glaubt auch die IEA: Schon im dritten Quartal 2016 wird die Nachfrage das Angebot übersteigen. Die Jahre des Überangebots könnten damit vorbei sein.

Damit revidiert die IEA ihre bisherige Prognose, die von einer Balance im ersten Halbjahr 2017 ausging. Dafür gebe es zwei maßgebliche Gründe: Erstens steigt die Nachfrage stärker als erwartet. Allein im ersten Quartal stieg sie um 1,6 Millionen Barrel (159 Liter) und damit um ein Drittel stärker als bislang gedacht auf 95 Millionen Barrel pro Tag. Im Jahresschnitt rechnet die IEA mit einem Anstieg um 1,3 Millionen Barrel. Und so soll es 2017 auch weitergehen.

Zweitens machen die Produktionsausfälle der Angebotsseite weiterhin zu schaffen. Vor allem den Waldbränden in Kanada, Anschlägen auf die Ölinfrastruktur in Nigeria sowie Unruhen in Lybien ist die Verknappung des Angebots zuzuschreiben. Im Mai sei das globale Angebot um 0,8 Millionen Barrel gefallen. „Das ist der erste signifikante Fall seit Anfang 2013“, schreiben die Energieexperten der IEA.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Die Statistikbehörde des US-Energieministeriums rechnete sogar mit zwischenzeitlichen Produktionsausfällen von insgesamt über drei Millionen Barrel. Demnach hätte die Nachfrage das Angebot bereits im Mai überschritten.

Dass es nicht noch drastischere Einschnitte am Markt gab, ist der Rückkehr des Ölproduzenten Iran zu verdanken. Das Land darf nach dem Ende der Sanktionen durch den Westen wegen seines Atomprogramms nun wieder sein Öl am Weltmarkt anbieten – und der Iran macht davon reichlich Gebrauch. „Mit 700.000 Barrel pro Tag verzeichnet der Iran ganz klar das stärkste Angebotswachstum der Opec in diesem Jahr“, schreiben die IEA-Experten.

Und doch sollen schon im dritten Quartal, also in den Monaten Juli bis September, erstmals seit Jahren wieder mehr Vorräte aufgezehrt als aufgebaut werden. Für den gestiegen Verbrauch sorge zum einen vor allem Indien. Zum anderen überrascht eine starke „driving season“ in den USA – die Amerikaner zieht es in der Urlaubszeit wieder verstärkt auf die Straßen.

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