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11.08.2016

19:20 Uhr

Öl-Report der IEA

Nachfrage frisst Angebot auf

Das Ölkartell pumpt im Moment so viel Öl aus dem Boden wie nie zuvor. Doch laut der Internationalen Energieagentur steht der Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt kurz bevor.

Die Mitglieder des Ölkartells Opec, allen voran die Golfstaaten, fördern derzeit auf Rekordniveau. dpa

Öl marsch!

Die Mitglieder des Ölkartells Opec, allen voran die Golfstaaten, fördern derzeit auf Rekordniveau.

Frankfurt am MainZum ersten Mal seit zwei Jahren könnte es im dritten Quartal 2016 zu einem Rückgang der Ölreserven kommen. Zwischen Juli und September übersteige die Nachfrage das Angebot sogar um eine Millionen Barrel (je 159 Liter). Das zumindest prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem monatlichen Bericht für August. Die Agentur erklärte, dass sie in der zweiten Jahreshälfte nicht mit einem Überangebot rechne. Schon gegen Ende dieses Jahres oder zu Beginn des nächsten könnte sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ausgleichen.

Die Einschätzung der IEA hat die Ölpreise kräftig steigen lassen. Sowohl die Nordseesorte Brent als auch das nordamerikanische Leichtöl WTI legten um mehr als 4,5 Prozent zu. Ein Barrel Brent kostet damit wieder mehr als 46 Dollar. Nach seinem Fall auf ein Zwölf-Jahres-Tief im Februar bei 27 Dollar hatte sich der Ölpreis zwischenzeitlich schon wieder fast verdoppelt.
Zwei Entwicklungen hätten das Überangebot verschwinden lassen: Zum einen die Produktionsrückgänge von nicht-Opec-Staaten, also des Ölkartells. Zum anderen sei die Nachfrage weiter gestiegen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Gestützt wurden die Preise auch von Aussagen des saudischen Energieministers Khalid al-Falih. Saudi-Arabien, einer der größten Ölproduzenten der Welt, werde den Ölmarkt beobachten und wenn nötig mit anderen erdölexportierenden Ländern Maßnahmen ergreifen, um die Märkte zu stabilisieren.

Bereits zu Beginn der Woche hatte der Präsident des Ölkartells der erdölexportierenden Staaten (Opec) für Ende September ein informelles Treffen einberufen. Die Opec arbeite ständig daran, „Stabilität und Ordnung am Ölmarkt wiederherzustellen“.
Dabei fördert die Opec selbst im Moment mit 33,4 Millionen Barrel am Tag auf Rekordniveau. Das entspricht mehr als einem Drittel der aktuellen Nachfrage. Allein Saudi-Arabien hat seine Förderung im Juli um 123.000 Fass auf 10,7 Millionen Barrel täglich gesteigert. Zudem halten die Saudis an ihrer Strategie, ihren Marktanteil zu verteidigen, weiter fest. Einigen asiatischen und US-amerikanischen Abnehmern bieten sie rabattierte Konditionen.

Zugleich schwemmt der Irak, der zweitgrößte Opec-Förder, mehr Öl auf den Markt. Im Juli waren es 4,6 Millionen Barrel. Und künftig könnten noch einige hunderttausend hinzukommen. Nach Angaben von Regierungsvertretern habe sich das Land nach monatelangem Stillstand mit BP, Shell und Lukoil zu weiteren Investitionen in die Entwicklung größer Ölfelder geeinigt. Das könnte die irakische Produktion im kommenden Jahr um weitere 350.000 Fässer erhöhen. Auch Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate fördern auf Rekordniveau.

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Nicht zu vergessen bleibt der Iran. Das Land will nach der weitgehenden Aufhebung der Sanktionen durch den Westen wegen seines Atomprogramms seine Ölförderung wieder auf Vorsanktionsniveau heben. Seit Anfang des Jahres konnte es seine Förderung bereits um 800.000 Barrel auf 3,6 Millionen Barrel steigern. Ein neues gesetzliches Rahmenwerk soll nun zudem die Beteiligung ausländischer Konzerne an iranischen Ölquellen ermöglichen.

Den tatsächlichen wie geplanten Produktionssteigerungen zum Trotz hält die IEA an ihrer Prognose fest. In den kommenden Monaten werde die starke Nachfrage aus den Raffinerien der Welt das Angebot ausgleichen und die hohen Lagerbestände nach und nach aufzehren. Es werde jedoch Monate dauern, bevor die derzeitigen Lagerbestände abgebaut würden, räumte die IEA ein.

Wenngleich die Ölexperten ihre Nachfrage-Prognose für das kommende Jahr leicht um 100.000 Barrel nach unten revidierten, so sei dennoch mit einem Niveau „oberhalb des Trends“ zu rechnen. 2017 würden täglich 1,2 Millionen Barrel mehr gebraucht.

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