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23.09.2016

14:16 Uhr

Öl

Spekulationen auf Fördergrenze lassen die Preise steigen

Zwischen den rivalisierenden Ölförderstaaten Saudi-Arabien und Iran zeichnet sich Insidern zufolge ein Kompromiss ab. Das heizt Spekulationen auf eine mögliche Fördergrenze an und ließ am Freitag die Preise steigen.

Saudi-Arabien soll bereit sein, seine Ölförderung zu drosseln, wenn der Iran einer Obergrenze von 3,6 Millionen Barrel pro Tag zustimmt. AP

Ölraffinerie

Saudi-Arabien soll bereit sein, seine Ölförderung zu drosseln, wenn der Iran einer Obergrenze von 3,6 Millionen Barrel pro Tag zustimmt.

FrankfurtWenige Tage vor einem mit Spannung erwarteten Treffen der Ölförderstaaten deutet sich Insidern zufolge ein Kompromiss zwischen den rivalisierenden Ländern Saudi-Arabien und Iran ab. Das gab den Spekulationen auf eine mögliche Obergrenze für die Ölförderung neue Nahrung und ließ die Preise für den Rohstoff steigen. Drei mit den Gesprächen vertrauten Personen sagten Reuters am Freitag, Saudi-Arabien sei bereit seine Ölförderung zu drosseln, wenn der Iran einer Obergrenze von 3,6 Millionen Barrel pro Tag zustimme. "Die Saudis stehen dem offen gegenüber, aber Iran muss den Vorschlag nun annehmen", sagte ein Insider.

Ein Fass (159 Liter) der richtungsweisenden Sorte Nordsee-Sorte Brent verteuerte sich um bis zu 1,3 Prozent auf 48,26 Dollar, nachdem es zuvor noch Gewinnmitnahmen gegeben hatte. US-Leichtöl der Sorte WTI kostete mit 46,55 Dollar je Barrel zeitweise ein halbes Prozent mehr.

In der algerischen Hauptstadt Algier treffen sich Anfang nächster Woche Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) sowie Russland, das ebenfalls Öl exportiert. Spekulationen von Investoren auf eine Vereinbarung über eine Produktions-Obergrenze haben die Ölpreise in den vergangenen Wochen gestützt.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Analysten der Commerzbank rechnen allerdings nicht damit, dass es bei den Verhandlungen zu einem Durchbruch kommt. "Dies würde der aktuellen Strategie der OPEC-Länder widersprechen, die in erster Linie ihre Marktanteile verteidigen wollen", schrieb Volkswirt Eugen Weinberg in einer Kurzstudie. Die Analysten senkten daher ihre Prognosen: Bis zum Jahresende sehen sie einen Preis von 47 Dollar je Fass statt 50 Dollar. Für 2017 rechnen sie mit einem durchschnittlichen Preis von 52 Dollar, das sind fünf Dollar weniger als bisher.

Massive Überproduktionen und die Rückkehr des Iran an den Markt nach dem Wegfall internationaler Sanktionen führte in den vergangenen zwei Jahren zu einer beispiellosen Ölschwemme, was die Preise belastete. Mitte 2014 kostete ein Fass Öl noch rund 115 Dollar, im Januar 2016 waren es gerade noch rund 28 Dollar. Im April hatten die Opec-Staaten schon einmal über eine Kappung der Ölproduktion verhandelt und waren gescheitert.

Von

rtr

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