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26.04.2016

12:53 Uhr

Öl- und Gasförderung

Unter Druck in der Nordsee

VonMatthias Streit

In den USA gab es bereits Insolvenzen von Ölförderern wegen des Ölpreises. In diesem Jahr könnte es für Unternehmen in der Nordsee brenzlig werden. Unternehmensberater sehen nur einen Ausweg aus der misslichen Lage.

Allein in der norwegischen Ölbranche wurden 30.000 von einst 300.000 Jobs abgebaut. dpa

Ölförderung vor Norwegen

Allein in der norwegischen Ölbranche wurden 30.000 von einst 300.000 Jobs abgebaut.

Frankfurt am MainEine Fusionswelle in der europäischen Öl- und Gasbranche hat begonnen: Im Januar verkaufte Eon sein Explorations- und Produktionsgeschäft an die die britische Firma Premier Oil für 135 Millionen US-Dollar. Ebenfalls im Januar kaufte der norwegische Staatskonzern Statoil einen 11,9 Prozent Anteil der Schweden von Lundin Petroleum. Doch das dürfte erst der Anfang gewesen sein.

Die Unternehmensberatung A. T. Kearney kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass die Öl- und Gasförderer wegen des niedrigen Ölpreises vor einer Reihe von Zusammenschlüssen und Übernahmen stehen. Seitdem der Ölpreis von knapp 115 Dollar je Barrel (159 Liter) im Juni 2014 auf derzeit unter 45 Dollar sank, befindet sich die Branche in der Krise. In diesem Jahr dürften vor allem Unternehmen im Fokus stehen, die in der Nordsee tätig sind. Ausschlaggebend dafür seien vor allem zwei Gründe.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Erstens sind die Produktionskosten in vielen Feldern der Nordsee deutlich höher als beispielsweise beim Fracking oder der Produktion auf der arabischen Halbinsel. So erwirtschaftet nur etwa die Hälfte aller Ölfelder vor den Küsten Norwegens und Großbritanniens Gewinne, wenn der Ölpreis unter 45 Dollar liegt. Fällt der Preis unter 30 Dollar, also auf die Tiefststände im Januar, sind nur noch knapp ein Viertel aller Felder wirtschaftlich profitabel.

Zweitens hätten viele kleinere Anbieter ihren Markteinstieg auf Pump finanziert, als die Preise noch deutlich über dem heutigen Niveau lagen. Es drohen daher Liquiditätsengpässe und ausfallende Kreditzusagen. Speziell eine Methode, mit der sie sich Geld bei Banken liehen, erschwert ihnen nun das Geschäft: „Die Praxis des sogenannten Reserve Based Lendings (RBL), bei denen Unternehmen den Wert ihrer Reserven beleihen, zwingt sie bei dauerhaft niedrigen Ölpreisen zusätzlich zum Verkauf von Firmenanteilen“, schreibt das Autorenteam von A.T. Kearney in der Studie.

Daher stehen nicht zuletzt die kleinen Unternehmen stärker unter Druck. Wie schnell es nicht nur in den USA, sondern auch in der Nordsee gehen kann, zeigen die Beispiele First Oil Expro und Iona Energy, die Anfang 2016 Konkurs anmeldeten. Bislang lag der Fokus vor allem auf US-Unternehmen, wo bis Ende 2015 etwa 40 Förderfirmen Insolvenz anmeldeten.

„Schlüsselrisiken liegen bei den kleineren Explorations- und Produktionsfirmen sowie kleineren Zulieferern. Sie sind finanziell weniger flexibel als die großen Unternehmen, nicht zuletzt in hochpreisigen Region wie der Nordsee vor Großbritannien“, erklärt Alex Griffiths von der Ratingagentur Fitch.

Für Zukäufe stehen allen voran die großen Multis bereit. „In diesem Jahr trennt sich die Spreu vom Weizen: Wenigen finanzstarken Unternehmen steht eine große Zahl potenzieller Kaufkandidaten gegenüber, denen durch den niedrigen Ölpreis und hohe Schulden die Puste ausgeht“, sagt Tobias Lewe, Leiter des Energiebereichs in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika bei A.T. Kearney.

Die Nationalen Ölkonzerne scheiden hingegen eher aus. Deren Ambitionen bei Fusionen und Übernahmen seien von den Staatshaushalten ihrer Länder sowie der politischen Agenda abhängig. Das beschränkt sie. Wahrscheinlich seien in ihrem Fall jedoch Zukäufe von bereits erforschten Reserven, um die kostspielige eigene Erkundung neuer Felder zu vermeiden.

Kommentare (4)

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Herr Marc Otto

26.04.2016, 13:07 Uhr

Ja, wir sollten nun einfach mal dafür sorgen, dass wir endlich eine flachendeckende Einführung von e-autos hin bekommen. Auch die Windräder sollte man mehr fördern. Das Öl ist so billig geworden, dass die Alternativen Energien ohne 95% Subventionen nicht mehr auskommen.

Account gelöscht!

26.04.2016, 13:17 Uhr

Höchste Zeit, daß alternative Energien wie die Müllverbrennung vermehrt über die Stromerzeugung zum Antrieb von E-Mobilen verwendet wird auch die Kohle wird neuerdings wieder mehr verwendet.

Account gelöscht!

26.04.2016, 13:39 Uhr

Herr Marc Otto@
Die 95% zeugen von der Alternativlosigkeit der alternativen Energien und ihrer Subvention. Wie sonst könnte sich der Erfolg einstellen ?

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