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06.06.2017

15:24 Uhr

Ölkartell Opec

Katar-Krise erschüttert die Förderallianz

VonMatthias Streit

Katar ist einer der kleinsten Produzenten des Ölkartells Opec. Dennoch belastet die von Saudi-Arabien angeführte Isolation des Landes den Ölpreis. Denn die Spannungen am Golf gefährden das Kürzungsabkommen.

Katar ist ein zentrales Drehkreuz für Lastschiffe im Persischen Golf. Das Bild zeigt den Verkehr von sieben Tagen. Katar ist der größte Flüssiggas-Exporteur der Welt. Einen Großteil dessen verlässt das Emirat per Schiff. Reuters

Schiffsknotenpunkt

Katar ist ein zentrales Drehkreuz für Lastschiffe im Persischen Golf. Das Bild zeigt den Verkehr von sieben Tagen. Katar ist der größte Flüssiggas-Exporteur der Welt. Einen Großteil dessen verlässt das Emirat per Schiff.

FrankfurtDie Nachricht über die Blockade Katars konnte die Ölpreise am Montag nur für kurze Zeit in die Höhe treiben. Schon bald war klar: Einschnitte bei der Ölversorgung sind nicht zu befürchten. Doch die Sorge wich keinesfalls der Erleichterung. Stattdessen machten sich andere Sorgen breit: Was, wenn die Eskalation der Beziehungen am Golf das Ölkartell der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) wieder zerrüttet?

Tatsächlich spiegelt sich diese Stimmung nun am Markt wider. Die Ölpreise fallen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete zuletzt 49,26 Dollar und damit gut einen Dollar weniger als nach dem Zwischenhoch am Montag. Ein Fass nordamerikanisches Leichtöl WTI verbilligte sich ähnlich stark auf 47,20 Dollar.

Seit Montag haben fünf arabische Staaten (Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain, Jemen, Vereinigte Arabische Emirate) ihre diplomatischen Beziehungen zu dem kleinen Emirat am Golf eingestellt. Land-, Luft- und Seegrenzen wurden gesperrt. Saudi-Arabien wirft Katar vor, den internationalen Terrorismus zu finanzieren. Bereits 2014 hatten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain ihre Botschafter wegen ähnlicher Gründe für neun Monate aus Katar abgezogen.

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern – sprich Russland – zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.

Katar, das ungefähr halb so groß wie Hessen ist, gehört dem Ölkartell Opec an. Mit seinen aktuell 619.000 täglich geförderten Barrel Öl ist es allerdings das drittkleinste Mitglied. Verwerfungen am Ölmarkt sind vorerst nicht zu befürchten. Denn die wichtigsten Abnehmer des Landes sind nicht etwa jene fünf, die das Emirat nun isolieren, sondern asiatische Länder. „Die Konkurrenz um die asiatischen Abnehmer könnte sich in der Folge der Isolation noch verschärfen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Produzenten unterbieten“, sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoff-Stratege der Commerzbank.

Die Sorge der Investoren und Marktteilnehmer am Ölmarkt ist demzufolge auch die vor einem Zerbrechen der Förderallianz. „Die Isolation Katars kann das Kürzungsabkommen der Opec gefährden“, sagt Weinberg. Dabei hat sich das Emirat gerade einmal dazu verpflichtet, täglich 30.000 Barrel weniger zu fördern – ein Bruchteil der insgesamt 1,8 Millionen Barrel, die die Opec und zehn weitere Nicht-Opec-Mitglieder dem Markt täglich entziehen.

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Doch Katar gilt als Handelspartner Irans. Letzteres ist mit 3,8 Millionen Barrel pro Tag der drittgrößte Ölproduzent der Opec und seit vielen Jahren erbitterter Widersacher von Saudi-Arabien, das mit 9,9 Millionen Barrel pro Tag das führende Opec-Mitglied ist. Nun lässt die Sorge, ob die alten Spannungen zwischen den Großmächten Iran und Saudi-Arabien infolge der Katar-Isolation wieder aufbrechen, die Preise weiter fallen.

Das kann das Kartell dieser Tage ganz und gar nicht gebrauchen. Vor nicht einmal zwei Wochen hat sich die Opec gemeinsam mit zehn Nicht-Opec-Staaten – darunter Russland – verständigt , die seit Jahresbeginn laufende Förderkürzung um neun Monate zu verlängern. Das soll das Überangebot am Ölmarkt abbauen und den Preis stabilisieren. Doch statt Zuversicht herrscht am Ölmarkt Trübsal. Der Ölpreis hat sich seit der Entscheidung um fünf Dollar verbilligt, fast zehn Prozent.

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